: EineInselvollerViren
Auf einer kaum bekannten Ostseeinsel wird seit über 100 Jahren mit den bedrohlichsten Krankheitserregern der Welt experimentiert. Die Frage ist: Beherrschen die Viren uns oder beherrschen wir die Viren?
Von der Insel Riems Manuela Heim (Text) und Ole Kracht (Fotos)
Nur mit einer Sicherheitskennung öffnet sich die Tür zu den Laboren. Darauf klebt ein gelbes Dreieck mit drei ineinandergreifenden schwarzen Kreisen. Achtung, Biogefährdung, Infektionsgefahr. Man kennt das noch von den Tütchen für die benutzten Coronatests. In der Forschungsanlage des Friedrich-Loeffler-Instituts ist das Warnzeichen allgegenwärtig. Es markiert schwere Edelstahltüren, Müllbehälter, Probencontainer. Hier wird an den gefährlichsten Viren der Welt geforscht, mit lebenden Tieren und mit ganz vielen Schutzmaßnahmen. Eine davon ist die Lage auf einer kaum bekannten Ostseeinsel.
Die Insel Riems liegt vor Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern, ein Stück südlich von Rügen. 1.250 Meter lang und bis zu 300 Meter breit. Etwas kleiner als das Gelände des Berliner Zoos, ungefähr so groß wie ein typischer süddeutscher Bauernhof. Rund 400 Menschen arbeiten hier in einem Hochsicherheitsforschungszentrum hinter Stacheldraht und einer bewachten Pforte, die sich für Besucher*innen nur bei berechtigtem Interesse öffnet. SARS-CoV-2, Auslöser der Corona-Pandemie, ist auf der Insel Riems nur einer von sehr vielen Krankheitserregern, an denen geforscht wird.
Mit der Coronapandemie haben wir eine Ahnung bekommen, warum Virologie ein wichtiges Forschungsgebiet ist. Wir wissen mehr von Infektionswegen und Eindämmungsmaßnahmen, von PCR-Tests und Impfstoffentwicklung. Vielleicht sind wir auch sensibler geworden bei Nachrichten über Virusausbrüche – Hanta auf einem Kreuzfahrtschiff, Ebola in der Demokratischen Republik Kongo, um nur zwei aus den letzten Wochen zu nennen. Wie aber gelingt es uns Menschen, den nächsten großen Virusausbruch erfolgreich zu verhindern? Diese Frage ist quasi tagesaktuell.
Seit der Mensch damit begonnen hat, Viren zu erforschen, ist die Gefahr, die von dieser Forschung selbst ausgeht, ein Begleiter. Viren sind schwer zu beherrschen, ihr einziges Ziel ist die eigene Verbreitung. Bis heute gibt es Unfälle und Virusausbrüche im Umfeld von Forschungseinrichtungen. Auch die Geschichte des Tierseuchen-Forschungszentrums auf der Insel Riems – heute eines der modernsten der Welt – hat mit Viren angefangen, die ungewollt entweichen. Und mit dem Schrecken des 19. Jahrhunderts: der Maul- und Klauenseuche.
Maul- und Klauenseuche, hochansteckende Viruserkrankung, die ausschließlich Paarhufer (Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe, Büffel, Kamele, Giraffen) befällt. Führt zu Fieber und schmerzhaften Bläschen an Maul, Zunge und Klauen. Betroffene Tierbestände werden in der Regel umgehend getötet. Menschen sind nicht empfänglich.
Im 19. Jahrhundert zieht die Maul- und Klauenseuche in verheerenden Wellen durch die Ställe Europas. Der Lebensstil dieser Zeit erweist sich als ergiebiger Nährboden für das Virus: Immer mehr Menschen leben in Städten, und um sie zu ernähren, werden immer mehr landwirtschaftliche Nutztiere auf immer engerem Raum gehalten und regelmäßig transportiert. Der Ausbau des Wege- und Schienennetzes erleichtert nicht nur den Menschen und Tieren das Reisen, sondern auch den Viren.
Dass der Auslöser der Maul- und Klauenseuche ein Virus ist, beschreiben die Mediziner Friedrich Loeffler und Paul Frosch 1898 und entdecken damit das erste Tiervirus überhaupt. Loeffler ist zu der Zeit Professor für Hygiene in Greifswald und forscht dort weiter. Sein Ziel ist ein Impfstoff und sein Labor ist ein einfacher Stall.
Doch ein Virus wie das der Maul- und Klauenseuche, bei der wohl schon ein einzelnes Viruspartikel für eine Infektion ausreicht, lässt sich so nicht beherrschen. Mehrfach kommt es zu Ausbrüchen auf nahegelegenen Bauernhöfen. Böse Zungen behaupten sogar, Loeffler habe zu den großen Seuchenzügen jener Zeit beigetragen. 1907 verbietet ihm die preußische Regierung deshalb auch jede weitere Forschung an der Maul- und Klauenseuche auf dem Festland.
Im Grunde ist es also ein Laborunfall, der Friedrich Loeffler auf die nahegelegene Insel im Greifswalder Bodden verschlägt. So wie mancherorts Schwerverbrecher oder Typhuskranke auf Inseln isoliert werden, so will es Loeffler mit den neu entdeckten Viren machen und gründet 1910 auf Riems das erste virologische Forschungsinstitut der Welt.
Eine abgeriegelte Hochsicherheitszone
In der Anfangszeit bringen Boote die Forscher*innen, Tiere und Ausrüstung auf die Insel. Ab 1926 gibt es eine Seilbahn – in die Gondel passen fünf Menschen oder eine Kuh. Seit den frühen 1970ern verbindet ein aufgeschütteter Straßendamm die Insel Riems mit dem Festland. Inzwischen fährt sogar ein Bus hinüber, Linie 127 aus Greifswald. Manche kommen auch mit dem Fahrrad auf die Insel.
Ein Mountainbiker ist abgestiegen und blickt über den Bodden. Der Himmel ist blau und die Urlaubsinsel Rügen nicht weit entfernt am Horizont. Ein kleines Hinweisschild weist den Weg zum Friedrich-Loeffler-Institut. Hier steht auch das zweistöckige Haus, in dem Loeffler damals seine Forschung begann. Heute ist es ein Museum.
Nichts erinnert an Spitzenforschung im abgeriegelten Hochsicherheitsgelände. Jede Touristin kann auf diesen Teil der Insel einen Ausflug machen. Noch ein Stück die Straße entlang versperren dann aber doch Stacheldraht und eine Schleuse den Weg für Schlendernde. Sperrgebiet. Hinter Glas sitzt ein Wachmann, der die Ausweise kontrolliert.
Gleich linker Hand hinter dem Eingang steht das historische Hauptgebäude aus den 1940ern. Die Nazis sollen hier zu Kriegszeiten an der Maul- und Klauenseuche als Biowaffe gegen die Sowjetunion geforscht haben. Zum Einsatz kommt die aber nicht mehr. Bei Kriegsende sammelt die Rote Armee alle Forschungsausrüstung ein, die transportierbar ist. Nur wenige Jahre später wird auf der abgeriegelten Insel im großen Stil der inzwischen entwickelte Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche produziert. Die DDR rühmt sich, 1950 das erste Land mit einer Impfpflicht gegen das unheilvolle Virus zu sein.
Auch diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Im Hauptgebäude entlang der imposanten Treppe sind es die riesigen Wandgemälde des Malers Hans Neubert, entstanden zwischen 1957 und 1960. Der zehnteilige Zyklus „Sinn und Praxis der Virologie“ beginnt mit dem Ausweiden eines Versuchsrindes, die Gedärme hängen bis zum Boden, eine Frau in Kittel und Schürze nimmt Proben. Auf einem Bild am oberen Ende der Treppe verarbeiten maskierte Labormitarbeiterinnen die Blut- und Gewebeproben.
Dort wartet jetzt Biologe Martin Eiden. Seit 25 Jahren arbeitet er auf der Insel Riems und forscht an Viren, von denen die meisten noch nie gehört haben, ausschließlich beachtet von der Wissenschaftswelt. Doch dann rufen am Montag, den 4. Mai 2026, die ersten Radio- und Fernsehteams an. Grund ist ein filmreifer Virusausbruch auf dem Luxuskreuzfahrtschiff „Hondius“, der zwei Tage zuvor bekannt wurde. Eiden ist am Friedrich-Loeffler-Institut zuständig für das Hanta-Virus.
Hanta-Virus,tritt vor allem bei Nagetieren wie Mäusen und Ratten auf, in unterschiedlichen Varianten auf der Welt verbreitet. Infizierte Tiere erkranken in der Regel nicht, scheiden das Virus aber ihr Leben lang aus. Regelmäßig stecken sich Menschen an, etwa durch Einatmen von mit Nagerkot kontaminiertem Staub. Kann beim Menschen je nach Variante zu teils lebensbedrohlichen Erkrankungen der Lunge oder Nieren führen. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist nur von der südamerikanischen Andes-Variante bekannt.
Wochenlang cruist die „Hondius“ von Argentinien aus vorbei an einigen der entlegensten Inseln der Welt bis nach Europa – mit der südamerikanischen Andes-Variante des Hanta-Virus an Bord. Ein Passagier hatte es sich noch vor der Kreuzfahrt eingefangen und gibt es auf der Reise weiter. Drei Patient*innen sterben. Es kommt zu spektakulären Evakuierungen, Menschen verschiedenster Nationalitäten sind betroffen. Martin Eiden erklärt der Presse derweil, dass das Hanta-Virus auch in Deutschland verbreitet ist, dass es von Mäusen auf Menschen übertragen werden kann und wie man sich vor Infektionen schützt.
So viel Aufmerksamkeit bekommt Eidens Forschung selten. Aber wenn irgendwo im Land ein Tier mit Hanta-Verdacht auftaucht, dann landet die Probe in der Regel in seinem Labor. Manchmal ist das Teil einer Detektivgeschichte – wie dieser: 2024 erkrankt eine Frau an der in Deutschland bisher äußerst selten diagnostizierten Seoul-Variante des Hanta-Virus. Mit akutem Nierenversagen liegt sie im Krankenhaus. Im Verdacht stehen ihre Hausratten, die sie wenige Wochen zuvor vom Züchter geholt hat. Gewebe- und Blutproben werden nach Riems geschickt und dort untersucht. Doch die Ratten sind negativ. Bleibt noch der Züchter, und da werden die Virus-Ermittler fündig. Einige seiner Ratten sind Hanta-positiv, bei ihrem Besuch muss sich die Frau angesteckt haben. Dafür reicht schon das Einatmen von infektiösem Staub. Auch die Züchterfamilie hat sich bereits unbemerkt infiziert. Fall aufgeklärt. Die Frau wird übrigens wieder ganz gesund.
Wenn kein Detektivfall zu lösen ist, dann forscht Eidens Team daran, wie sich das Hanta-Virus im Tier verhält, wie infektiös die Ausscheidungen sind, ob neue Virusvarianten entstanden sind, das Virus auf andere Tierarten übergesprungen ist und welche Konsequenzen das für den Schutz des Menschen hat. Auch die Virusvariante aus Südamerika kann jetzt am Friedrich-Loeffler-Institut diagnostiziert werden. „Für den Fall der Fälle“, sagt Eiden.
„Im Vorfeld ist oft nicht absehbar, ab wann auch für Nutztiere oder die Menschen in Deutschland Gefahr besteht“, erklärt der Biologe. Zum Beispiel durch den Übertritt auf neue Wirtstiere, durch neue, gefährlichere Virusvarianten oder ein Verschleppen aus anderen Regionen. Steigende Temperaturen etwa locken Stechmücken immer weiter in den Norden, und mit ihnen verbreiten sich auch Krankheitserreger. Das Rift-Valley-Fieber-Virus könnte auf diesem Weg nach Europa gelangen – bei den Forscher*innen auf Riems wird es als Kandidat für künftige Virusausbrüche gehandelt.
Rift-Valley-Fieber-Virus, 1931 in Kenia identifiziert. Wird über Stechmücken auf Wiederkäuer wie Schafe, Ziegen, Rinder und Büffel, auch Kamele übertragen. Bei größeren Ausbrüchen kommt es zu massenhaften Fehlgeburten, viele Jungtiere sterben. Selten erkranken auch Menschen schwer. Tritt bisher nur in Afrika und auf der Arabischen Halbinsel auf.
Seit 20 Jahren forscht Eiden zur Diagnostik des Rift-Valley-Fieber-Virus, zur Entwicklung von Therapieansätzen und Impfstoffen – auch in gemeinsamen Projekten mit afrikanischen Partnerländern. „Bisher gab es in Europa keine Infektionen, aber das kann schon in fünf Jahren passieren“, sagt Eiden. Würden sie nicht jetzt schon auf Verdacht an dem kaum bekannten Virus forschen, dann, so Eiden, heißt es im Falle eines Ausbruchs gewiss: „Warum haben sie vorher nichts gemacht?“
In den drei höchsten biologischen Schutzstufen – den sogenannten Biosafety Level, kurz BSL – wird auf der Insel Riems geforscht. Mit jeder Stufe steigen die Gefährlichkeit der Viren und das Ausmaß an Sicherheitsvorkehrungen. Hanta- und Rift-Valley-Fieber-Virus sind den Schutzstufen 2 und 3 zugeordnet. „Damit bin ich ganz zufrieden“, sagt Martin Eiden. Im BSL4-Bereich, der höchsten Stufe, die es überhaupt gibt, stecken Wissenschaftler*innen in den gelben Vollschutzanzügen, die einem aus dystopischen Kinofilmen sehr bekannt vorkommen. „Das sieht zwar cool aus“, sagt Eiden, aber die Belastung für die Kolleg*innen, die da arbeiten, sei enorm hoch.
Eine dieser Kolleg*innen ist Anne Balkema-Buschmann. Sie gehört zu denen, die auf der Insel Riems mit den tödlichsten aller Viren forschen. Die, für die es weder eine Therapie noch eine Impfung gibt.
Die richtig gefährlichen Viren
„Leider keine Hühner“, sagt Anne Balkema-Buschmann auf die Frage nach Haustieren. Wenn die Tierärztin und Virologin könnte, würde sie privat welche halten. Aber das ist den Mitarbeiter*innen hier verboten. Balkema-Buschmann leitet derzeit das Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger am Friedrich-Loeffler-Institut; auch sie ist seit 25 Jahren auf der Insel. Ihr Hauptforschungsgebiet sind von Flughunden übertragene Viren. Eines davon ist das Nipah-Virus.
Nipah-Virus, in Teilen Asiens vor allem bei Flughunden verbreitetes Virus, auch auf Schweine und Menschen übertragbar. 1998/99 in Malaysia entdeckt. Vor allem in Indien und Bangladesch kommt es regelmäßig zu kleineren Ausbrüchen. Das Virus wird auch von Mensch zu Mensch weitergegeben und kann neben Atemwegserkrankungen schwere Hirnhautentzündungen verursachen, die Sterblichkeit liegt bei bis zu 92 Prozent. Es gibt weder einen Impfstoff noch eine spezifische Therapie.
„Also mit dem Nipah-Erreger möchte man wirklich keine direkte Bekanntschaft machen“, sagt Balkema-Buschmann mit einem leichten Kopfschütteln. Sie ist eine von fünf leitenden Wissenschaftler*innen, die im höchsten Sicherheitsbereich zu diesem und anderen Viren forschen dürfen. Als Besucherin kommt man da natürlich nicht rein. Aber Stufe 2, das geht, sagt Balkema-Buschmann. Da könne man immerhin einen Eindruck bekommen. Hier auf Riems ist es die niedrigste biologische Schutzstufe, in Universitäten oft schon das Höchste.
Bevor sich die Tür mit dem gelben Warndreieck öffnet, werden Reporterin und Fotograf belehrt, wie sie sich während und nach dem Laborbesuch zu verhalten haben. „Der wichtigste Punkt ist, dass wir eine zweitägige Quarantäne einhalten müssen“, sagt Balkema-Buschmann. Wer ein Labor auf der Forschungsinsel Riems betritt, darf danach 48 Stunden lang keinen direkten Kontakt zu Klauentieren, Nutzfischen oder Nutzgeflügel außerhalb des Instituts haben und weder Stallungen noch Weiden betreten. Also kein Besuch im Streichelzoo und eben auch kein Hühnerstall zu Hause.
Erst nach einer Unterschrift unter die Belehrung öffnet sich die Sicherheitstür zur Umkleide. Die Besucher*innen ziehen einen Einmalkittel an und blaue Plastiküberzieher über die Schuhe. Von dort geht es über eine futuristische grüne Brücke in den Forschungskomplex. Balkema-Buschmann weist den Weg in ihr Labor der biologischen Schutzstufe 2.
Auch hier wird an den tödlichen Nipah-Viren geforscht. „Aber nur, wenn sie nicht mehr infektiös sind“, sagt Balkema-Buschmann. Mit Probenmaterial wird trotzdem nur an einer Sicherheitswerkbank hinter Glas hantiert. Die Forscherin sitzt davor und steckt die Hände in Einmalhandschuhen durch einen Schlitz. Die Luft dahinter wird abgesaugt und gefiltert. Aktuell arbeiten Balkema-Buschmanns Mitarbeiter*innen an einem verbesserten Nachweis für Antikörper des Nipah-Virus – um leichter unterscheiden zu können, mit welchem Virusstamm sich ein Tier angesteckt hat.
Nach der Arbeit desinfizieren die Mitarbeiter*innen im BSL2-Bereich ihre Hände, legen in der Umkleide den Kittel ab, und fertig. Das Labor der Schutzstufe 4, das im Erdgeschoss des Gebäudes von außen einsehbar liegt – das ist wahrlich eine ganz andere Nummer.
Die höchste Sicherheitsstufe
1911, ein Jahr nach der Einrichtung seines virologischen Forschungsinstituts auf der Insel Riems, kann Friedrich Loeffler ein Immunserum gegen die Maul- und Klauenseuche präsentieren – noch weit entfernt von einer breiten Anwendung und ohne lange Schutzwirkung, aber immerhin. 1913 überlässt Loeffler anderen Forschenden die Isolation auf der Insel. In Berlin hat man ihm die Leitung des Robert-Koch-Instituts angetragen.
100 Jahre später, im August 2013, wird am Institut der neugebaute Labor- und Versuchsstallkomplex der biologischen Schutzstufe 4 eingeweiht. Kanzlerin Angela Merkel kommt vorbei. Es gibt ein Foto, auf dem sie und Anne Balkema-Buschmann in dem noch nicht in Betrieb genommenen Labor stehen. Balkema-Buschmann hat extra den gelben Vollschutzanzug angezogen. Merkel hilft ihr beim Überziehen der Handschuhe.
Der tatsächliche Betrieb des Hochsicherheitsbereichs beginnt erst später, aber die Kanzlerin ist eine der letzten Besucher*innen, die das Labor überhaupt betreten durften. Jetzt liegt es abgesperrt und leer hinter doppelten Scheiben, die mal geputzt werden könnten. „Wartungszeit“, erklärt Balkema-Buschmann. 2 von 12 Monaten ruht der Betrieb. Die Erreger werden sicher verräumt, alles wird desinfiziert, die erfolgreiche Desinfektion überprüft, der Bereich freigegeben und runtergefahren. Dann kommen zertifizierte Fremdfirmen und kontrollieren jeden Luftfilter, jedes Gerät.
Foto: Ole Kracht
Vor wenigen Monaten hat Anne Balkema-Buschmann hier noch mit Schweinen geforscht, erzählt sie. Ein Impfstoff gegen das Nipah-Virus soll damals an den Tieren getestet werden. Mit Großtieren im BSL4-Bereich forschen – nicht einmal eine Handvoll Einrichtungen ist weltweit dafür zugelassen. So anspruchsvoll sind die Sicherheitsanforderungen.
In der Versuchsreihe von Balkema-Buschmann werden geimpfte und umgeimpfte Schweine mit aktiven Nipah-Erregern infiziert. Zwölf Schweine leben dafür zwölf Tage in dem Hochsicherheitstrakt, einer Art Gebäude im Gebäude – hinter Schleusen komplett abgetrennt vom Rest des Laborkomplexes. Im gesamten BSL4-Bereich herrscht Unterdruck, sodass Luft nur hinein-, aber nicht herausströmen kann.
In den gelben Vollschutzanzügen, angeschlossen an eine separate Luftzufuhr und mit mindestens vier Paar Handschuhen über den Händen, versorgen während der Versuchsreihe immer ein bis zwei Tierpfleger und ein*e Wissenschaftlerin die Schweine: Geben Futter, machen den Stall sauber, duschen die Tiere. Infizieren sie mit dem Erreger, beobachten dann den Krankheitsverlauf, nehmen Proben. Der Impfstoffversuch zeigt erste Erfolge, den geimpften Tieren geht es besser als den ungeimpften.
Die Schweine, die bei der Impfung mit dem Nipah-Virus noch kleine Ferkel waren, sind bei der Infektion schon so schwer wie Balkema-Buschmann selbst. Manche zutraulich, manche misstrauischer. „Das bleiben immer Lebewesen, egal wie lange man das schon macht“, sagt Balkema-Buschmann. Die Abläufe für jeden Versuch, auch wann ein Tier erlöst werden muss, sind vorher genau festgelegt und behördlich genehmigt. Am Ende der Versuchsreihe werden die Schweine aus Sicherheitsgründen getötet. Ein Folgeversuch ist bereits genehmigt – der Weg zu einem anwendbaren Impfstoff ist lang.
„Das war jetzt nicht mein Traum, im BSL4-Bereich zu arbeiten“, sagt Balkema-Buschmann. Nicht, weil es so schrecklich gefährlich oder beängstigend wäre, „sondern weil es einfach sehr anstrengend und furchtbar umständlich ist“. Mit mehreren Paar Handschuhen feinmotorische Arbeiten erledigen und bloß kein Röhrchen fallen lassen, mit dem gefährlichen Virus darin. Nicht mal aufs Klo gehen während des Einsatzes. „Da ist man aber eh so hochkonzentriert, da ist das das geringste Problem.“
Foto: Ole Kracht
Nach den vier Stunden, die Balkema-Buschmann so arbeitet, sei sie auch mental erschöpft. Und dann kommt noch das Ausschleusen, eine halbe Stunde dauert das mindestens. Bevor die Forscher*innen und Tierpfleger*innen den gelben Anzug wieder ablegen dürfen, müssen sie erst einmal von allen Seiten unter die Desinfektionsdusche.
„Wir suchen keine Leute, die es als Abenteuer sehen, im Hochsicherheitsbereich zu arbeiten“, sagt Balkema-Buschmann, „sondern eher die, die bereit sind, aus Passion für ihre Forschung die Mühen und Risiken in Kauf zu nehmen.“ Das Training für neue Mitarbeiter*innen im BSL4-Bereich dauert ein Jahr – den technischen Aufbau der Anlage und die vorgeschriebenen Abläufe studieren, mindestens 40 begleitete Zutritte. Jedes Jahr müssen die, die hier forschen dürfen, ihre Kondition beweisen. Denn einen medizinischen Notfall im BSL4-Labor, das will hier keiner. Weder darf ein Arzt rein noch die zu rettende Person sofort raus. „Eine verunfallte Person muss notfallmäßig desinfiziert worden sein, bevor wir sie den Rettungskräften übergeben“, erklärt Balkema-Buschmann.
Im Hochsicherheitsbereich auf der Insel Riems wird auch an dem Virus geforscht, das gerade in der Demokratischen Republik Kongo wütet und das wie kaum ein anderes für die todbringende Gefahr von Viren steht. Der Allgemeinheit ist es bekannt unter dem Namen Ebola.
Ebolafieber, Erkrankung, die durch Orthoebolaviren ausgelöst wird. Dazu gehört das Zaire-Ebolavirus – beim bislang größten Ausbruch in Westafrika 2014/15 starben mehr als 11.000 Menschen. Seit Mai 2026 gibt es einen größeren Ausbruch mit dem selteneren Bundibugyo-Virus in der Demokratischen Republik Kongo und Uganda. Vermutlich sind Flughunde oder Fledermäuse das Wildtierreservoir. Unbehandelt verläuft Ebolafieber je nach Virusvariante in 30 bis 90 Prozent der Fälle tödlich. Eine spezifische Therapie und Impfung gibt es nur für das Zaire-Ebolavirus.
Bei dem verheerenden Ausbruch vor einigen Jahren ist die zuständige Wissenschaftlerin von der Insel Riems nach Westafrika gereist, um die Kolleg*innen vor Ort bei der Diagnostik zu unterstützen. Dieses Mal, bei dem Ausbruch des Bundibugyo-Virus im Kongo, sei das nicht möglich, sagt Balkema-Buschmann. Zu gefährlich ist die politische Situation, die auch zur wochenlang unerkannten Verbreitung des Virus beigetragen hat. Hier am Institut wird in Kooperation mit anderen Wissenschaftsstandorten an einem Impfstoff gearbeitet, der für verschiedene Varianten des Virus gleichzeitig wirken soll – zu spät für diesen Ausbruch, aber wichtig für die nächsten.
Ebola, Nipah, Rift-Valley, Hanta, SARS-CoV-2, Maul- und Klauenseuche – das ist nur ein kleiner Auszug der Viren, mit denen auf Riems hantiert wird – hinter Schleusen und Desinfektionsduschen, an Sicherheitswerkbänken und in Vollschutzanzügen. Ziel ist es, die Viren da draußen in der Welt zu beherrschen. Aber wer sorgt dafür, dass von der Forschung selbst keine Gefahr ausgeht? Dass nichts Vergleichbares passiert wie 2007 in Südengland, als durch ein marodes Abwasserrohr auf einem Forschungsgelände das Maul- und Klauenseuche-Virus entweicht und Rinder in der Umgebung infiziert? Dass nicht Laborunfalltheorien diskutiert werden müssen wie bei der Coronapandemie, die 2019 ausgerechnet im chinesischen Wuhan ihren Ursprung hat, wo auch ein Forschungslabor mit Coronaviren experimentiert?
Der BioRisk Officer
„Die Lage auf der Insel ist nur der erste Schutz“, sagt Jens Teifke. Der Tierarzt sitzt in einem Büro im Erdgeschoss des Hauptgebäudes, Blick zum Wasser. Er ist „Bio Risk Officer“ – ein Job, den es in Deutschland so kein zweites Mal gibt. Teifke ist dafür zuständig, dass in der Bundesforschungseinrichtung am Standort Riems alles „bestimmungsgemäß abläuft“.
Alles, was die Insel verlässt, wird kontrolliert: Abwasser, Abluft, Personen, Müll, Tierkadaver. Für die Unschädlichmachung von infektiösen Tierkörpern oder Proben sind martialisch klingende Prozeduren vorgeschrieben. Etwa das Kochen bei sehr hoher Temperatur im Rotationsautoklav, einer Art Schnellkochtopf. Oder die Auflösung von hochinfektiösem Material zu einer sterilen Flüssigkeit in der alkalischen Hydrolyse. Für nahezu jeden Arbeitsschritt in den Sicherheitsbereichen des Forschungsinstituts gibt es ein Protokoll. Die Einhaltung der Vorschriften wird in hoher Frequenz von den zuständigen Behörden kontrolliert.
Gefährdungspotenzial, sagt Teifke, gebe es zum Glück ganz selten und einen wirklich schwerwiegenden Vorfall habe man hier auf der Insel noch nie erlebt. Aber absolute Sicherheit, die gibt es eben auch nicht. „Es geht vor allem darum, genügend Maßnahmen im Vorfeld zu ergreifen, damit sich im Ernstfall keine ganz gefährlichen Sachen ergeben.“ Und wenn doch etwas passiert, wenn Viren im Umfeld auftauchen? „Dann muss man dem mit absoluter Offenheit begegnen“, sagt Teifke. Um Spekulationen wie bei Wuhan zu vermeiden.
Der Bio Risk Officer ist für die Sicherheit der Menschen und der Umwelt zuständig, aber auch für das Wohl der Tiere. Beinah zynisch klingt das in einer Anlage, in der Tiere nur für Versuchsreihen gehalten werden, an deren Ende immer der Tod steht. Auf der Insel Riems wird je nach Erreger mit Schweinen, Rindern, Wildschweinen, Schafen, Ziegen, Flughunden, Mäusen, Ratten, Hamstern, Fischen, Mücken, Bienen, Hühnern, Enten geforscht. Auf einer Weide vor dem Hauptgebäude grasen Alpakas – sie dienen als Blutspender.
Noch geht es nicht ohne die Tiere – weil sie selbst zu den Opfern der Viren gehören. Weil sie die Überträger zum Menschen sind. Weil Impfstoffe an ihnen getestet werden müssen. „Ich sehe Tierversuche sehr kritisch“, sagt Teifke – „sie sind nur zulässig und werden auch nur genehmigt, wenn sie absolut nötig sind.“ Er selbst sei froh, dass er in seiner Funktion nicht mehr an Tierversuchen teilnehmen muss, und hofft auf die Ersatzmethoden, an denen hier auch schon geforscht wird. Wie zum Beispiel Impfstoffe bei Tieren wirken – darüber könnten in Zukunft auch Organoide, aus Stammzellen gezüchtete Mini-Organe, in Verbindung mit künstlicher Intelligenz Auskunft geben.
Alte undneue Seuchen
Bläschen an Maul und Klauen, auffälliges Verhalten – 2025 erkranken in Brandenburg mehrere Wasserbüffel an altbekannten Symptomen. Blutproben werden auf die Insel Riems geschickt, und binnen kürzester Zeit bestätigt der zuständige Wissenschaftler den Verdacht: der erste Fall von Maul- und Klauenseuche in Deutschland seit 37 Jahren. Die Seuche, mit der auf Riems vor 116 Jahren die Forschung begann und die inzwischen als überwunden galt. Dank schneller Eindämmungsmaßnahmen bleibt es bei den wenigen Fällen.
Viren sind eine Urgewalt. Winzig, unsichtbar und nur mit großem Aufwand beherrschbar. Sie können Jahrzehnte scheinbar verschwinden, um dann jedes Schlupfloch zu nutzen, das eine Welt des Klimawandels, der politischen Konflikte, der nationalistischen Interessen, der Beförderung von Tier und Mensch um den Globus oder schlichte Nachlässigkeit eröffnen. Auf der kleinen Ostseeinsel in Mecklenburg-Vorpommern wirkt das alles sehr weit weg und ganz nah zugleich.
Manuela Heim ist taz-Redakteurin für Gesundheitspolitik. Sie schreibt seit der Coronapandemie über Viren.
Ole Kracht ist freier Fotograf in Greifswald. Es war nicht sein erster Besuch auf der Insel Riems.
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