Effekte des Klimawandels: Alles ist vergeben
In kühlender Schwimmbadumgebung werden heißlaufende Männchen zum Kunstgegenstand. Und im Straßenrandbaum sitzt ungeahnt Exotisches auf dem Geäst.
F rau sein ist etwas ganz Besonderes. Um regelmäßig daran erinnert zu werden, reicht es, die eigene Wohnung zu verlassen und sich, zum Beispiel, in ein Auto zu setzen. Auf dem Weg zu einer Geburtstagsfeier am Tegeler See stehe ich als Rechtsabbiegerin blinkend an der Ampel. Der Dude – es ist immer ein Dude – im Wagen hinter mir hupt aggressiv. Offenbar möchte er, dass ich die Fußgänger*innen, die bei Grün die Straße überqueren, schlicht niedermähe.
Kommt mir das nur so vor oder ist diese irre unangemessene Wut gegenüber dem StVG ein um sich greifender Trend? Himmel hilf, wenn es wirklich stimmt, dass das allgemeine Aggressionslevel mit den Außentemperaturen ansteigt.
Kurz hinter der überwundenen Kreuzung beschleunigt der Dude auf meine Höhe und brüllt mir durchs offene Fenster verschiedene misogyne Beleidigungen zu. Umso unflätiger, je öfter ich ihm die Frage stelle, ob er die Verkehrsregeln kennt. Als ich beschleunige, auf seine Spur wechsle und direkt vor ihm fahrend zweimal ohne Vorwarnung auf die Bremse trete, bezichtigt er mich brüllend der Nötigung. LOL.
Cis-Hetero-Männer, künstlerisch verarbeitet
Passend zum Road-Rage-Vorfall zeigt die Künstlerin Ileana Farabani in der am Samstag eröffneten, zehnten Sommerausstellung des Tropez im Humboldtbad eine Videoarbeit. Für „They Can Chop Wood“ hat sie junge Frauen über ihre Erfahrungen mit Cis-Hetero-Männern interviewt. „Wenn man ihnen einen Fehler nachweist“, sagt eine, „können sie nur beleidigen oder heulen.“
Schon beim Betreten des Bades weht mich ungewöhnlich starker Sonnencreme-Duft an. Auf halbem Weg zwischen Eingang und Schwimmbecken steht neuerdings ein solarbetriebener Automat in Gestalt einer großen blauen Sonnencremeflasche, der kostenlos Lichtschutzfaktor 50+ ausgibt. Das Display warnt vor „massigem UV“ an diesem Nachmittag und rät zu SPF, Schatten und Hut. Selbst mir, die beim Anblick von Fremden mit Sonnenbrand körperliche Schmerzen erleidet, kommt das exzessiv vor. Solange wir sie haben, lasst uns doch bitte ein wenig von der Sonne grillen.
Es ist wirklich nicht alles schlecht am Klimawandel. In Brandenburg, hieß es anderntags im Radio, bauen sie jetzt Artischocken an. Mittelmeergemüse! Auch die Fauna verändert sich auf fantastische Art. In meiner Straße wohnt einer, der sich seine Wohnung mit drei Papageien teilt. Mehrmals die Woche setzt er sich die Tiere auf die Schultern, einen grünen Ara und zwei graue Papageien mit rotem Schwanz. Er läuft dann zu einer kleinen Grünfläche gegenüber dem Eisladen, setzt die Vögel in eine Linde und sich selbst darunter.
Innerhalb von Minuten wird der Baum zum Menschenmagnet. Manchmal gibt der Papageienmann Kürbiskerne aus, die einem die Vögel vorsichtig aus der Hand fressen. Als K. und ich auf einer Spazierrunde an der Linde vorbeikommen, schauen wir den Tieren eine Weile zu. Der Ara plappert irgendetwas für uns Unverständliches. Auf die Frage, was der Vogel da sagt, antwortet der Papageienmann: „Er spricht Arabisch.“ Die beiden Grauen seien aber zweisprachig.
In Schweden, das las ich neulich irgendwo, kommentieren die Menschen in diesen Wochen traditionell jede kleine Freude, die mit dem endlich eingetroffenen Sommer in Zusammenhang steht, mit den Worten „allt är förlåtet“, alles ist vergeben. All das – die Freibad-Nachmittage, die Abende am See und die Quackelpapageien – sind Entschädigung für die Härten der bleiernen Monate von November bis Februar, all das oppressive Grau und die kriechende Kälte. Vergeben und vergessen.
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