Hitziges Berlin: Die Hundstage werden ungemütlich
Finstere Gesellen machen im Volkspark Jagd auf queere Menschen. Die schöneren News: Pulp sind noch so gut wie 1996 und sogar ehrliche Finder gibt es noch.
A ufgrund hitzeinduzierter Rammdösigkeit fällt mir erst nachts um zwei auf, dass nur Teile meines Tagesgepäcks wieder zu Hause gelandet sind. Da liege ich schon im Bett. Ausgerechnet der Beutel, mit dessen Verlust größtmöglicher Stress einhergeht – Geldbeutel, Kartenkram, Lieblingskopfhörer – ist unter die Räder gekommen. Ich stelle die Wohnung auf den Kopf. Niente.
Ganz rekonstruieren lässt sich nicht, wann ich ihn zuletzt in der Hand hatte. Hoffentlich liegt er unter der Bank im Freiluftkino Friedrichshain. Die Menschen, mit denen wir dort „Staatsschutz“ geguckt haben, wären bestimmt so korrekt, eine Fundsache abzugeben.
Ich schwinge mich nochmal aufs Rad. Vielleicht ist vor Ort ja ein Wachschutz, der helfen kann. Kaum im Volkspark angekommen, gerate ich auf Abwege – nicht zum ersten Mal. Die Wegeführung rund um den Trümmerberg verwirrt mich immer wieder. Mitten in der Nacht sieht alles nochmal anders aus. Auf meiner Odyssee lande ich auf einem zugewucherten Trampelpfad. Oh Schreck, ganz nah eine Männerstimme: „Hey, du blendest“. Und dann: „Hier ist Cruising-Area“. Puh, Erleichterung: „Sorry, wollte nix unterbrechen“. „Du störst nicht, ich bin hier heute eher Nachwächter. Pass aber besser auf, hier sind finstere Gestalten unterwegs.“
Ich erkläre ihm, was mich herführt. Er erklärt mir, warum er hier ist, obwohl Cruising-technisch gerade wenig geht. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, ein bisschen aufzupassen. Erst kürzlich hätte es wieder einen queerfeindlichen Überfall gegeben. Auch mit der Polizei sei er darüber im Austausch. Zudem könne er bei diesen Temperaturen sowieso nicht schlafen. Er will mir den Aushang zeigen, mit dem nach Zeugen gesucht wird. Und muss feststellen, dass der nicht mehr an seinem Platz hängt, sondern runtergerissen wurde – mal wieder.
Zwei Tage später schreibt eine Bekannte, die ums Eck wohnt, auf Facebook von nächtlichem Nazi-Gegröle vor ihrem Fenster. Dass eine teils polizeibekannte Gruppe von 20-30-jährigen Männern aus Marzahn-Hellersdorf offenbar gezielt Jagd auf queere Menschen macht – und alle anderen, die sie für „Zecken“ halten. Krasse Scheiße.
Erlösende Nachricht am Morgen
Zurück im Park: Der Nachtwächter bringt mich auf den richtigen Weg, warnt mich aber, dass ich im Kino jetzt niemanden antreffen werde. Er kenne das Terrain. „Aber hey, mit der Radtour hast du deinen Adrenalinspiegel wieder runtergefahren und wirst jetzt besser schlafen“. Mit beidem behält er recht. Morgens um 9 plingt dann schon mein Handy: „Tasche wurde gefunden, kann abgeholt werden“. Die Antwort auf meine nächtliche Mail ans Kino. Die sind echt auf Zack.
Ich mag’s ja heiß, aber Richtung Wochenende werden die Hundstage im Juni ungemütlich. Ein blast from the past in Gestalt von Pulp lockt mich am Samstag dann doch vor die Tür, ins – anfangs zumindest – wohltemperierte Tempodrom. Was für ein vergnüglicher Abend voller Singalongs. Jarvis Cocker trägt bis zum Schluss ein sehr enges Jacket, mittlerweile ist es auch hier heiß. Zwischendurch erklärt er, Pulp seien zuletzt 1996 in der Stadt gewesen. Wieder so ein „wow-bin-ich-alt“-Moment.
Trotzdem haben sie viele jüngere Fans. Am Merchstand gibt es Geldbörsen, auf denen steht „I am begging for change“. Cocker leitet das Mitsingen auch bei den Songs an, die keine Gassenhauer à la „Common People“ sind. Zwischendurch füttert er die Leute mit einzeln in die Menge geworfenen Weintrauben („organic“, selbstredend). Ein Song auf dem neuen Album heißt „Farmers Market“. Zu Britpop-Zeiten hatte ihm The Face, dieses einst legendäre, unlängst erneut eingestellte Zeitgeist-Magazin, die Aura eines Geografielehrers attestiert. Wenn man sich die anderen Cool-Britannia-Nasen heute anguckt, kann man nur sagen: besser so.
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