EU-Kommission zur Nutztierhaltung: Nicht abbauen, sondern stärken
Brüssel lehnt eine zentrale Forderung von Klimaschützern ab: Die Tierhaltung solle nicht reduziert werden, sondern „florieren“, so die Kommission.
Die EU-Kommission will die klimaschädliche Nutztierhaltung nicht abbauen, sondern stärken. Gleichzeitig soll die Unterbringung von Hühnern und Schweinen in Käfigen verboten, der Importanteil bei Futter mit viel Eiweiß reduziert werden. Das geht aus der Nutztierstrategie und dem Proteinaktionsplan hervor, die die Kommission am Dienstagabend vorgestellt hat.
Zum Beispiel in Deutschland werden dem bundeseigenen Thünen-Agrarforschungsinstitut zufolge circa 10 Prozent der Treibhausgasemissionen auf die Tierhaltung zurückgeführt – inklusive etwa des Ausstoßes durch die tierische Verdauung, die Fütterung und der Flächennutzung. Der Großteil der Tiere wird unter ethisch umstrittenen Bedingungen gehalten. Der Futteranbau trägt unter anderem durch Pestizide und Dünger dazu bei, dass wilde Pflanzen- und Tierarten aussterben sowie Wasser verschmutzt wird.
Einen Teil dieser Auswirkungen erwähnt die EU-Kommission auch in ihrer Nutztierstrategie. Prominenter stellt sie aber die ökonomische Bedeutung der Tierhaltung heraus: „Sie beschäftigt rund 7 Millionen Menschen und stützt sich auf 4 Millionen landwirtschaftliche Betriebe“, heißt es in dem Dokument. Das ist im Vergleich zu den insgesamt 207 Millionen Erwerbstätigen in der EU zwar wenig, die Tierhaltung steuert laut Kommission jedoch etwa 40 Prozent der landwirtschaftlichen Wertschöpfung in der EU bei. „Eine zentrale Herausforderung ist Rentabilität“, so das Papier, das zum Beispiel hohe Kosten für die Bauern als Problem nennt.
Deshalb fordert die Kommission: „Die Union von 2040 muss ein Ort sein, an dem nachhaltige Tierhaltung nicht nur überlebt, sondern auch floriert.“ Die Branche solle durch einen „einfachen“ politischen Rahmen und Subventionen gestützt werden. Von einer deutlichen Reduktion der Tierzahl, wie sie Klimaschützer verlangen, ist in dem Dokument nicht die Rede.
Zweifel an Berechnung der Emissionen
Stattdessen will die Kommission die Emissionen nach Ansicht von Kritikern kleinrechnen: Berechnungsmethoden des Weltklimarats IPCC könnten Klimaschutzmaßnahmen von Betrieben „unterschätzen“, schreibt die EU-Behörde. Sie wolle deshalb „ausgefeiltere Ansätze“ erarbeiten, um eine „fairere Bewertung“ zu gewährleisten.
Der Ausstoß, der dann noch übrig bleibt, soll nach der Strategie zum Beispiel durch Rinderrassen mit geringerem Methanausstoß, eine präzisere Fütterung sowie mehr Güllenutzung in Biogasanlagen sinken. Dass das reicht, bezweifeln Organisationen wie das Europäische Umweltbüro. Selbst die Kommission schreibt in der Strategie nur, dass technische Lösungen die Emissionen um „mindestens 16 Prozent“ reduzieren könnten.
Die Kommission bekräftigte auch, dass sie die EU-Richtlinie gegen Wasserverschmutzung durch Nitrat aus Düngern und die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie überprüfen wolle. „Das bedeutet am Ende eine Öffnung der Richtlinien und unter dem jetzigen politischen Klima nichts anderes als eine Kampfansage an verbindliche Standards“, kritisierte Martin Häusling, EU-Abgeordneter der Grünen.
Um europäische Tierprodukte gegenüber Konkurrenz von außen zu stärken, will die Kommission eine „deutlichere Kennzeichnung der Herkunft aus der EU“. Zudem sollten Tierschutzstandards von heimischen und importierten Produkten angeglichen werden. Die Formulierung lässt offen, ob die EU höhere Anforderungen an Importe stellt oder ihre eigenen Standards senkt.
Mehr Proteinfutter aus der EU
Die Kommission kündigte an, bis Ende 2026 einen Gesetzentwurf zum schrittweisen Ausstieg aus der Käfighaltung von Legehennen, zum „Ende des routinemäßigen Tötens männlicher Küken“ sowie zu gleichwertigen Anforderungen für Importe vorzulegen. Bis zum zweiten Quartal 2027 solle ein ähnlicher Vorschlag folgen, der die Haltung von Sauen in „Kastenständen“ verbietet. Diese Käfige sind so klein, dass die Tiere sich nicht umdrehen und nur langsam hinlegen können. Für deutsche Bauern wären diese Verbote im Grundsatz nichts Neues. Aber die geplanten EU-Vorschriften könnten Wettbewerbsnachteile für sie beseitigen.
Auch der Proteinaktionsplan soll zur Stabilität der Tierbranche beitragen. Denn im Jahr 2025 stammten laut Kommission nur 25 Prozent des vor allem als Futter genutzten Proteins in Ölsaaten wie Soja und Eiweißpflanzen aus der EU. „Der Plan zielt darauf ab, den Anteil bis 2035 auf 35 Prozent zu erhöhen“, so die Behörde. Die EU-Staaten sollen dafür unter anderem Hülsenfrüchte und Soja mit EU-Mitteln fördern.
Der Deutsche Bauernverband lobte, dass die Kommission einem Abbau der Tierbestände eine Absage erteile. Neue Auflagen etwa im Tierschutz müssten zuerst verbindlich finanziert werden. Der Deutsche Tierschutzbund kritisierte, dass die Strategie „in zentralen Punkten hinter die bisherigen tierschutzpolitischen Ambitionen“ zurückfalle. Europa brauche weniger Tiere in besseren Haltungssystemen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert