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Anschlag auf Berliner CSD„Je mehr ökologischer Kollaps, desto mehr Gewalt“

Klimakollaps und Angriffe auf CSDs hängen zusammen, sagt der Aktivist Tadzio Müller. Er plädiert für queere Selbstverteidigung.

Timm Kühn

Interview von

Timm Kühn

taz: Herr Müller, Sie leben offen schwul, kinky und polyamor. Wie geht es Ihnen, wenige Tage nach dem Anschlag auf den Berliner CSD?

Tadzio Müller: Ich war zum ersten Mal seit vielen Jahren auf dem Mainstream-CSD, wegen eines Dates. Als der Anschlag passiert ist, waren wir zum Glück schon über eine Stunde nicht mehr im Tiergarten. Mein Date war schockiert, wütend, traurig. Ich habe gesehen, wie die ganze Dunkelheit der Welt über ihn eingebrochen ist. Zum ersten Mal hat er gespürt, dass wir, die queere Community, angegriffen werden, dass man uns töten will. Für mich war das anders. Ich lebe mit diesem Gefühl der zusammengebrochenen Sicherheit seit mindestens vier Jahren.

taz: Was ist vor vier Jahren passiert?

Müller: Im September 2022 ist der trans Mann Malte auf dem CSD in Münster totgeprügelt worden, weil er sich einem rechten Angreifer in den Weg gestellt hat. Das ist damals medial kaum thematisiert worden, weil der Täter als rechtsradikaler Immigrant in kein etabliertes Schema gepasst hat. Bei der Trauerfeier am Berliner Alexanderplatz waren 20 Leute. Sie glauben nicht, wie einsam man sich mit 20 Menschen auf dem Alex fühlen kann. Seitdem lebe ich in der Welt der Unsicherheit, die durch das furchtbare Attentat am Samstag sichtbar wurde. Unter anderem auf diesen Vorfall geht die ganze Idee der Kollapsbewegung zurück, für die die Notwendigkeit der queeren Selbstverteidigung elementar ist.

taz: Ab dem 5. August trifft sich die Bewegung für mehrere Tage zum zweiten Kollapscamp, das Sie vergangenes Jahr mitinitiiert haben. Dort soll etwa zusammen solidarisches Prepping geübt werden, zum Beispiel zur Vorbereitung auf die Folgen der Klimakrise. Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?

Müller: Systemtheoretisch geht es beim Kollaps um den Zusammenbruch gesellschaftlicher Normalität. Aber was das auf individueller Ebene bedeutet, ist, dass du dich einfach immer unsicherer fühlst. Dafür ist der Angriff auf dem CSD ein Symbol: Die Gewalt kommt zurück zu uns. Die Ausweitung queerer Rechte war in den letzten Jahren einer der letzten gesellschaftlichen Bereiche, wo es tatsächlichen Fortschritt gab. Das ist jetzt vorbei.

taz: Aber was hat das mit der Klimakrise zu tun?

Müller: Bisher wurden in kapitalistischen Gesellschaften Konflikte durch die Verteilung von mehr Dingen gelöst. Das geht so langsam nicht mehr, weil wir an die planetaren Grenzen gestoßen sind. Deshalb machen sich reaktionäre Kräfte auf die Suche nach Sündenböcken. Historisch sind das immer die Fremden und Perversen gewesen, also Aus­län­de­r:in­nen und Queers. Je mehr ökologischer Kollaps, desto mehr gesellschaftliche Konflikte, desto mehr Suche nach Sündenböcken, desto mehr Gewalt gegen Minderheiten und marginalisierte Gruppen – das ist der Zusammenhang.

Im Interview: Tadzio Müller

Tadzio Müller, Jahrgang 1976, ist Politikwissenschaftler und Klimaaktivist. Er hat unter anderem die Gruppe Ende Gelände mitgegründet, lange als Referent für Klimagerechtigkeit bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung gearbeitet, bloggt und war bei zahlreichen Protesten aktiv.

taz: Führende Politiker haben das Attentat schnell als „Angriff auf die offene Gesellschaft“ verurteilt. Ist das nicht ein gutes Zeichen?

Müller: Als Markus Söder das in den Nachrichten gesagt hat, saß ich mit meinem Ehemann und meinem Lover zusammen auf der Couch. Politisch sind wir alle unterschiedlich verortet, aber bei diesem Satz sind alle sofort ins Fluchen gekommen. Jetzt auf einmal sind wir wieder Teil der offenen Gesellschaft, jetzt, wo man uns für eine migrationsfeindliche Politik in Stellung bringen kann! Das sagt dieser Typ, der sonst kein Problem damit hat, Dragqueens und trans Menschen für einen billigen Witz im bayerischen Bierzelt vor den Bus zu werfen. Das war kein Angriff auf die offene Gesellschaft, sondern auf queeres Leben – und Leute wie Markus Söder sind Teil dieser Bedrohungsphalanx.

taz: Die Queerfeindlichkeit der Union ist doch nicht dasselbe wie die tödliche Gewalt vom Wochenende.

Müller: Natürlich nicht. Es gibt viele Formen von Queerfeindlichkeit. Am extremsten ist die exterminatorische Variante, die vor allem von Nazis und Islamisten ausgeübt wird und die sich vor allem gegen trans Menschen richtet. Söder will natürlich keine trans Menschen töten. Aber die Union stimmt in diese queerfeindlichen Diskurse mit ein und wird so ein Teil des größeren Begründungszusammenhangs für dieses Attentat. Seit längerem gibt es einen rechtsradikalen TikTok-Trend, „Capture the Rainbow Flag“, wo sich Neonazis dazu anstacheln, Regenbogenflaggen zu entfernen und zu verunstalten. Wer hat denn damit angefangen, den Bundestag unter Regenbogenflagge als „Zirkuszelt“ zu bezeichnen? Das war die Bundestagspräsidentin Julia Klöckner!

taz: In diesem Fall war der Täter Islamist.

Müller: Islamismus ist für mich eine Form des Klerikalfaschismus und damit gar nicht so unterschiedlich von der Gewalt der deutschen Nazis, die immer noch für die meisten queerfeindlichen Angriffe verantwortlich sind. Und der Islamismus ist heute auch deshalb so stark, weil der imperialistische Westen auf der Suche nach fossilem Öl seit Jahrzehnten die mehrheitlich muslimischen Länder zerbombt und damit fundamentalistische Terrorzellen züchtet – von Al-Qaida bis zum IS. Das hat erheblich dazu beigetragen, dass die reaktionärsten Kräfte im Islam ihre starke Rolle behaupten konnten.

taz: Und weil die gesellschaftliche Stimmung gegen Queers kippt, setzen Sie nun auf queere Selbstverteidigung?

Müller: Man stelle sich vor, wir Queers wären in der Lage, unsere CSDs selbst zu schützen. Autoattacken wie am Wochenende werden sich zwar nie ganz verhindern lassen, aber wie sieht es mit Angriffen von Nazis aus? Zwar werden die Faschos – let’s face it – immer aggressivere Prügler sein als wir. Aber in den USA haben es zum Beispiel die Black Panthers mit einer einzigartigen Symbolik geschafft, dem amerikanischen Staat eine Heidenangst einzujagen. Ich stelle mir organisierte Queers vor, in den Farben schwarz, pink und silber, die gelernt haben, wie man sich verteidigt und zusammen bewegt. Vielleicht braucht es dann eben auch ein Video auf TikTok, das zeigt, wie ein paar Glatzen Dragqueens angreifen – die aber dann aber wissen, wie sie mit ihren High Heels die Genitalien der Nazis unbrauchbar machen. Wenn der Staat uns nicht schützt, müssen die Nazis wissen, dass wir uns wehren können.

taz: Das klingt dystopisch.

Müller: Na klar klingt das dystopisch, weil wir uns auf eine Zukunft zubewegen, die dystopisch ist. Spätestens, wenn die AfD in Sachsen-Anhalt den Polizeipräsidenten stellt, können wir uns einfach nicht mehr sicher sein, dass der Staat ein Interesse an unserem Schutz hat. Wir müssen deshalb lernen, für uns selbst zu sorgen. Das gilt auch für die nächste Flutkatastrophe oder die nächste Hitzewelle. Es gilt im Grunde für alle katastrophalen Situationen, wo die Dinge, die wir zum Überleben brauchen, nicht mehr durch normale Kanäle irgendwie bereitgestellt werden können.

taz: Viele Queers haben jetzt nach dem CSD Angst. Was können diese Menschen von der Kollapsbewegung lernen?

Müller: In der Kollapsbewegung beschäftigen wir uns viel mit Trauerbearbeitung und damit, wie wir akzeptieren können, dass die Dinge für uns zunächst schlechter werden. Eine der wichtigsten Sachen ist für mich dabei, dass wir uns die Dinge nicht schönreden müssen. Wir wissen noch nicht, wie wir mit dieser neuen Welt der Unsicherheit umgehen können. Aber wir können voneinander und von Bewegungen aus aller Welt lernen, und wir haben Grundsätze, auf die wir uns berufen können. So können wir uns beibringen, Räume zu schaffen, in denen Leben trotz Katastrophe nicht nur lebenswert, sondern schön ist, solidarisch, liebevoll, tanzend, lecker.

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