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Digitale Abschottung im AlltagVertrauensbruch im Gewand „digitaler Unabhängigkeit“

In Russland ist kaum noch private Kommunikation per Messenger möglich, ohne dass der Staat Vertrauliches erfährt. Eine Recherche bei Verwandten und Freunden.

Menschen müssen nicht mehr auf Angebote aus „nicht befreundeten Ländern“ angewiesen sein, es gebe die russische Messenger-Alternative Max Illustration: Yorgos Konstantinou

Über Weihnachten und Neujahr habe ich meine Verwandten und Freun­d:in­nen in Russland besucht. Ich wollte mit ihnen unbedingt darüber sprechen, wie wir weiterhin auf einem sicheren Weg in Kontakt bleiben können. Westliche Messenger-Dienste werden dort seit vier Jahren immer mehr eingeschränkt und blockiert. Freunde berichten, dass Facebook seit mindestens drei Jahren nicht mehr aufrufbar ist. Ich habe selbst erlebt, wie Signal im August 2024 plötzlich keine Nachrichten mehr übermitteln konnte. WhatsApp und Telegram wurden ihrer Anruffunktion im August 2025 beraubt. Ende 2025 konnten nur reine Textnachrichten empfangen werden. Ich schreibe diesen Text Mitte April 2026. Seit zwei Wochen kommen meine Textnachrichten auf Telegram nicht mehr bei meinen Kontakten dort an.

Auch das mobile Internet wird seit 2025 in vielen Regionen Russlands für Stunden unterbrochen. Eine Freundin schrieb mir letzten Sommer, dass sie auf ihrer Datsche nachts kein Internet hatte. Ende des Jahres funktioniert das Internet in den regulären Arbeitsstunden erträglich gut, aber abends und an Wochenenden deutlich langsamer. Viele Internetseiten sind inzwischen zu keiner Tageszeit aufrufbar.

Anfang Dezember 2025 verkündete der Präsident, das Land sei nun nach den USA und China ebenfalls digital unabhängig. Menschen müssen nicht mehr auf Angebote aus „nicht befreundeten Ländern“ angewiesen sein, es gebe die russische Messenger-Alternative Max. Dem Wechsel zu Max wird mit dienstlicher Anweisung und der Blockade von ausländischen Messengern nachgeholfen.

Schlange schnappt Mann
Illustration: Yorgos Konstantinou
Beilage zum Tag der Pressefreiheit 2026

Der Text ist Teil der Sonderbeilage der taz panterstiftung zum Tag der Pressefreiheit am 3. Mai, die zusammen mit der wochentaz erschienen ist. Das Oberthema ist Technologie und Pressefreiheit. Die Publikation wird nur durch Spenden finanziert. Vielen Dank für Ihre Unterstützung! Alle Texte aus der Beilage erscheinen auch auf taz.de im Schwerpunkt Pressefreiheit.

Nach allem, was ich weiß, gehört es nicht zu Max-Merkmalen, eine vertrauliche Kommunikation sicherzustellen. Die Kommunikation ist nicht verschlüsselt und erlaubt einen leichten Zugang zu Kontakten, Nachrichten und anderen Inhalten auf dem Smartphone, wie etwa einer permanenten Ortung des Geräts. So stelle ich mir eine private Kommunikation nicht vor. Meine Erwartung an einen Messenger-Dienst ist, dass meine Infos nur bei den Personen ankommen, die ich bestimme. Alles andere ist ein Vertrauensbruch.

Doch die meisten meiner Verwandten und Freun­d:in­nen nutzen Max bereits aktiv. Ich war sprachlos. Meine Nachfragen, ob sie über die „Mitlesefunktion“ Bescheid wüssten, wurden nachlässig mit „Was wissen sie denn über uns noch nicht?“ pariert oder damit, dass das Tool immerhin ganz gut funktioniere und günstigere Anrufe ermögliche als über den Mobilfunk.

Daten-Staatsmonopol

Eine Cousine sagte, dass für manche offizielle Vorgänge und den Erhalt wichtiger Mitteilungen dieser Messenger Voraussetzung sei. Max ist zudem mit dem Portal staatlicher Dienstleistungen, Gosuslugi, verknüpft, dessen Nutzung ebenfalls unentbehrlich gemacht wurde. Ausweiserneuerung, Steuerbescheide, Renten- und Sozialversicherungsanträge, Vergabe von Arztterminen sind fast nur darüber erreichbar und liefern viele sensible Daten.

Wird WhatsApp in der EU wegen unzureichenden Datenschutzes kritisiert, wäre es in Russland lediglich „das kleinere Übel“. WhatsApp war Kommunikationsmittel Nummer eins zwischen Privatpersonen wie auch zwischen Dienst­leis­te­r:in­nen und Kund:innen. Das war das Tool für den Austausch mit dem Schuhmacher um die Ecke, der Hausverwaltung, Bibliothek, sogar einer Bank oder einem Online-Handel. Doch ich wunderte mich über die extreme Verbreitung. Ende 2025 wurde die Nutzung von WhatsApp nach und nach eingeschränkt – technisch und regulatorisch. In einer städtischen Einrichtung hörte ich eine Mitarbeiterin sagen: „WhatsApp ist bei uns nicht mehr erlaubt, aber zu Max sind wir noch nicht verpflichtet.“ Damit sei aber zu rechnen.

Bei einem gemütlichen Beisammensein mit einer Freundin erwähnte diese schmunzelnd, dass sie in der Tram ein Gespräch von zwei älteren Damen gehört habe, die sich Tipps zu VPNs (Software zur Umgehung länderspezifischer Netzblockaden) gaben. Doch Internetprovider sind angehalten, Verbindungen per VPN zu erkennen und zu unterbinden. Momentan bleiben nur ungeschützte Kommunikationskanäle gut zugänglich, die Teil einer Massenüberwachung sind. Was ich lange befürchtet habe, ist eingetreten: Ende der privaten und vertraulichen Kommunikation von und mit Menschen in Russland.

Mascha Blumberg engagiert sich in der Kampagne Digital Independence Day.

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