Die Wochenvorschau für Berlin: Von alten Mauern und neuen Nazis
Am Mittwoch wird dem Bau der Berliner Mauer gedacht. Auch in der Restwoche geht es um die Freiheit, die von der rechtsextremen AfD bedroht wird.
A n seinem fünften Geburtstag ertrinkt Çetin Mert in der Spree. Es ist der 11. Mai 1975. Beim Spielen mit Nachbarskindern fällt dem Kind türkischer Eltern sein Ball in das Wasser des damaligen Gröbenufers in Kreuzberg, das heute May-Ayim-Ufer heißt. Beim Versuch, den Ball zu bergen, stürzt der Junge in den Fluss, der damals vollständig in die Zuständigkeit der DDR fällt. Wie ein nach der Wende ans Licht gekommener Stasi-Bericht belegt, beobachten zwei Grenzsoldaten den Vorfall, machen sogar Fotos. Aber sie schreiten nicht ein. Als 40 Minuten später ein Boot eintrifft, ist der Junge tot.
Çetin Mert ist nicht der einzige Name eines Kindes auf der Liste der insgesamt 140 Berliner Todesopfer der Mauer. Bereits vor ihm waren vier Kinder in der Spree ertrunken. Womöglich hätten sie gerettet werden können. Doch die DDR-Grenzer mussten Angst haben, mit dem Übertreten versehentlich zu desertieren – und Helfer:innen aus Westberlin, erschossen zu werden. Heute klingen Geschichten wie die von Çetin Mert wie aus einer anderen Welt. Am Mittwoch ist es genau 64 Jahre her, dass die DDR mit dem Bau der Berliner Mauer begann.
Auf der offiziellen Veranstaltung zum Jahrestag wird die Biografie der Kinder im Mittelpunkt stehen, die getötet wurden, obwohl sie keinerlei Fluchtabsicht hegten. Natürlich wird auch Bürgermeister Kai Wegner (CDU) zugegen sein und Kränze niederlegen: an der Bernauer Straße, sowie später an der Gedenkstele in Erinnerung an Peter Fechter, einem weiteren Mauertoten. In der Bernauer Straße dürfen nur geladene Gäste erscheinen, die Veranstaltung wird aber gestreamt.
Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 dauerte es 28 Jahre, bis sie durch Massenproteste zum Fall gebracht wurde. CDU-Politiker reden in dem Zusammenhang gerne von der Freiheit, die mit dem Mauerfall im Osten eingekehrt sei – und unterschlagen dabei, dass es vielen, die 1989 auf die Straße gegangen sind, um Demokratie im Sozialismus ging, nicht etwa um die kapitalistische Ellenbogengesellschaft. Vielleicht hat ja auch eine solche dem Osten übergestülpte Geschichtsschreibung dazu beigetragen, dass dort heute wieder die Nazis aufmarschieren – und sich dabei auf eine durch diese Erfahrungen geformte Ostidentität berufen.
AfD wähnt sich im „geistigen Bürgerkrieg“
Dass die Brandenburger AfD der parlamentarische Arm dieser extremen Rechten ist, das ist ab Donnerstag amtlich. Dann veröffentlichen Brandenburgs parteiloser Innenminister René Wilke und der Chef des Landesamts für Verfassungsschutz, Wilfried Peters, den entsprechenden Einstufungsvermerk.
Zuvor hatte die AfD ihren Eilantrag dagegen zurückgezogen – und es so möglich gemacht, dass nun alle lesen können, was eigentlich längst bekannt ist: Dass sich die AfD in einem „geistigen Bürgerkrieg“ wähnt und auf der Basis einer rassistischen Ideologie den Pluralismus abschaffen will. Der Einstufungsvermerk soll im Internet veröffentlicht werden.
Wer sich nach der Lektüre motiviert fühlt, gegen Nazis aktiv zu werden, kann am Samstag zum Antifa-Kaffeeklatsch im Kiezladen in der Sonnenallee 154 kommen. Dort geht es ab 15 Uhr um eine Auswertung der Antifa-Bemühungen, die diesjährige Pride-Saison zu schützen. Das Autor*innenkollektiv Feministische Intervention will analysieren, ob die Nazis mit ihren Störversuchen erfolgreich waren – und das Solibündnis gegen Rechts, wie die linke Mobilisierung lief. Anschließend gibt es ein Kennenlernen bei Kaffee und Kuchen.
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