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Die WahrheitKirchliche Vulvenkunst

Die Untenrummalerei ist oft ein pubertärer Schöpfungsakt für die Jugend. Jetzt hat die christliche Glaubensgemeinschaft die Genitalkunst entdeckt.

A ls Ungetaufter mit DDR-Hintergrund stelle ich mir Kirchenveranstaltungen ungefähr so vor: Überall lächelnde, in Sackleinen gewandete, an die Kelly Family gemahnende Christen, die selbst bei hässlichen Menschen Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen würden. Ich müsste mir also um mein Überleben keine Sorgen machen.

Es gibt Strickkurse und Töpferworkshops zu gesellschaftlich relevanten Themen. Im Großen und Ganzen sehr unsexy, dachte ich, bevor ich irgendwo las, dass im Rahmen eines solchen Kirchenevents ein Workshop angeboten wurde mit dem Titel: „Vulven malen“. Ziel des Workshops sei es: „Sich mit der eigenen Körperlichkeit auseinanderzusetzen und in einer ungezwungenen Atmosphäre in Austausch über das weibliche äußere Genital zu treten. Dazu wird nach Vorlagen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit bunten Farben auf Papier gemalt.“

Das klingt schon mal ziemlich locker und ungezwungen. Man möchte glatt zum Pinsel greifen. Ich kann mich erinnern, dass wir in der Schule oft Vulven gemalt haben. Du lieber Gott, wir waren geradezu exzessive Vulvenmaler. In Ermangelung anatomischer Kenntnisse sahen unsere Vulven jedoch sehr schematisch aus. Sie wurden durch eine Raute dargestellt mit einem Strich in der Mitte. Ein Malkurs hätte uns sicher gutgetan.

Schulbänke und Klotüren

Was an Qualität zu wünschen übrig ließ, machten wir durch Quantität wieder wett. Schulbänke und Klotüren waren von Vulven übersät. Leider versagte dann die Pädagogik. Anstatt dass wir für unsere Bemühungen von der Zeichenlehrerin gelobt wurden, gab es Tadel. Kein Wunder, dass wir pubertären Vulvenmaler gegenüber der Vulva, die wir damals noch mit einem anderen Wort bezeichnen zu müssen glaubten, ein verkrampftes Verhältnis entwickelten. Jetzt sind wir zum Glück ja schon viel weiter, wenn sogar in der Kirche Vulven gemalt werden dürfen.

Aber macht das dann noch Spaß? Der eigentliche Grund unseres damaligen Vulvenmalens bestand ja im Wesentlichen darin, dass wir keine Vulven malen sollten. Wahrscheinlich hätten wir auch keine richtige Lust dazu gehabt, wenn die Lehrerin uns aufgefordert hätte: „Enrico, Maik und Christian, malt jetzt gefälligst eure Vulven fertig, damit wir sie zum Frauentag an die Wandzeitung hängen können.“

Ebenfalls verbreitet war die Kunst des Pullermannmalens. Beide Sujets, der Pullermann wie auch die Vulva, traten nicht selten gemeinsam auf und standen zueinander in Bezug. Doch so erfreulich die Öffnung der Kirche zur Vulva hin sein mag, gibt es dort offenbar immer noch Berührungsängste mit dem Penis. Kein Workshop wird zu ihm angeboten. Bei genauerer Betrachtung ist das durchaus nachvollziehbar. Der Penis steht in unserer patriarchalen Gesellschaft – mehr als es sicher nötig wäre – im Vordergrund. Man sollte sich daher nicht auf das Penismalen versteifen.

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Christian Kreis

Christian Kreis Autor

Christian Kreis, geboren 1977, lebt in Halle. Schriftsteller, Kolumnist, Poetry Slammer. Er schreibt für Die Wahrheit, ist Mitglied der Lesebühne Kreis mit Berg. Veröffentlichte zuletzt in der parasitenpresse die Bücher "Halle Alphabet" und "Der grundsympathische Blick des Norman Bates".
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