Die Wahrheit: Der Paternoster und ich
Es ist möglich, die Angst zu überwinden, einen dieser sehr, sehr alten Aufzüge zu besteigen, nur wie ist es danach mit dem Aussteigen …
E s war neulich in Ost-Berlin. Da gab es einen Paternoster. Es gab dort auch einen alten Pförtner. Der war in Livree gekleidet, wie ein Gespenst aus längst vergangener Zeit. Ich fragte schüchtern, ob denn der Paternoster führe – ich hatte dort früher schon öfters gefragt, da war der Paternoster aber immer defekt. Ja, er wäre heute ausnahmsweise mal nicht kaputt und führe, sagte der Pförtner. Wie jetzt? Der Paternoster ist nicht kaputt? Es war für mich schon zur liebgewonnenen Routine geworden, nach dem Paternoster zu fragen und enttäuscht wieder abzurauschen.
Allerdings, so fuhr der Pförtner nun fort, sei der Paternoster nur für Angestellte gedacht und nicht für Laufpublikum. Er könne mir daher nicht erlauben, dort einzusteigen. Ich atmete auf, denn ich hatte etwas Angst. Doch er sprach weiter: Wenn ich aber einfach in die Richtung des Paternosters schlenderte, dann könne er, der Pförtner, mich ja nicht mehr sehen und ich könne dann machen, was ich wolle.
Verdammt! Also gut! Ich schlenderte zum Paternoster. Wow, der fuhr schnell. Ich hatte in meiner grenzenlosen Naivität erwartet, man könne da ganz in Ruhe ein- und aussteigen, er würde womöglich sogar für die Fahrgäste kurz anhalten, aber Flötenpiepen! Der achtete meiner gar nicht. Ich musste erst sehr lange ein paar berufliche und legitimierte Paternoster-Nutzer beobachten, um festzustellen, wie die das machten. Bei ihnen sah es so einfach aus, sie schauten teilweise nicht mal von ihren Akten hoch. Ich hingegen zögerte. Sollte ich schon reinspringen, wenn die Kabine noch 50 Zentimeter unten wäre, oder sollte ich warten, bis sie auf der gleichen Ebene wie ich wäre? Oder mich superheldenhaft reinwerfen, wenn die Kabine schon 13 Zentimeter höher wäre?
Fröhliche Ein- und Aussteiger
Kabine um Kabine rauschte an mir vorbei, die Mitarbeiter des Bürohauses stiegen unentwegt unbeschwert ein und sprangen fröhlich schwatzend wieder raus. War ich denn feiger als sie?
Da fasste ich mir ein Herz, da packte mich der Mut und ich betete ein paar Vaterunser! Zwanzig Zentimeter bevor er meine Ebene erreicht hatte, sprang ich in den Paternoster und rollte mich ab. Geschafft! Oben, im siebten Stockwerk, wurde es plötzlich ziemlich dunkel, ich roch Maschinenöl und sah schemenhafte Zahnräder, Ketten und Geräte. Oder war es das Phantom des Paternosters?Nun packte mich eine neue Angst: Ich hatte mir noch gar nicht überlegt, wie ich wieder aussteigen könnte.
Das weiß ich bis heute nicht, aber die Angst ist einer gewissen Gleichgültigkeit gewichen. Ich fahre noch immer im Paternoster. Mal hoch, mal runter. Und wenn mich der Schalk packt, dann auch mal kopfüber. Hin und wieder kommt der nette Pförtner vorbei und bringt mir Wasser und Brot. Erst neulich erzählte er mir bei einer solchen Gelegenheit, Ost-Berlin werbe jetzt für Touristen mit einem Paternoster-Phantom. Das bin dann wohl ich.
Die Wahrheit auf taz.de
Die Wahrheit
ist die einzige Satire- und Humorseite einer Tageszeitung weltweit.
Die Wahrheit
hat den einzigartigen täglichen Cartoonstreifen: ©Tom Touché.
Die Wahrheit
hat drei Grundsätze:
Warum sachlich, wenn es persönlich geht.
Warum recherchieren, wenn man schreiben kann.
Warum beweisen, wenn man behaupten kann.
Deshalb weiß Die Wahrheit immer, wie weit man zu weit gehen kann.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert