Die Kunst der Woche: Die anarchische Verselbstständigung der Form
Man kann keinem Bild trauen, ob es nun von Anna & Bernhard Blume und Tatjana Danneberg ist oder zu Brook Hsus Aufbereitung eines modernen Klassikers gehört.
I st die Kochende im piefigen Hausfrauenkittel auf dem Küchenboden ausgerutscht oder wurden die Kartoffeln von einer okkulten Energie angetrieben, dass sie alle aus dem Topf springen wie die Frösche aus dem Teich? Auf einer Reihe schwarz-weißer Fotografien des rheinischen Künstlerpaars Anna & Bernhard Blume in den Räumen von Super Super Markt – eher Zufall, dass der Name der Galerie zum Sujet passt – gerät das Alltägliche aus den Fugen: Kartoffeln fliegen (Titel: „Küchenkoller“) und Vasen fallen (Titel: „Vasenextase“).
Ähnlich, wie hier alles flieht, fällt, zerbirst, als wären die gewohnten Dinge von einer sonderbaren Kraft bewegt, scheint auch die Kamera der Blumes von einer surrealen Dynamik erfasst. Ihre Aufnahmen sind flüchtig, Umrisse unscharf, Gesichter grotesk von der Bewegung verzerrt.
Die berühmten, gern albern inszenierten Fotografien der vor allem in den 1980ern und 1990ern tätigen Blumes – beide sind mittlerweile verstorben – tauchen seit einigen Jahren vermehrt in Ausstellungen auf. Vielleicht, weil es bei den heute so viel kursierenden Fake- und KI-Bildern wieder interessant wird, wie sie schon vor Dekaden und mit oldschool analoger Technik die Realität aus ihren Fotos hebeln konnten.
Auch dem chemisch-farblichen Bildgeschehen von Tatjana Danneberg, das den Blumes bei Super Super Markt gegenübergestellt ist, will man nicht so ganz glauben. In welche Kategorie soll man die abstrakten, metergroßen Bilder der Wiener Künstlerin überhaupt einordnen: Fotografie? Malerei?
In ellenbreiten Pinselstrichen zieht die 1991 geborene Danneberg Klebstoff als große Linien und Wellen auf eine Leinwand. Die ist zugleich fotografischer Grund. Ein flüchtiger Moment, ein Lichtstrahl oder ein farblicher Kontrast ist darauf in der Form von Pigmentdruck abgelichtet und von den Klebstoff-Schlieren durchfressen.
Die Fotografie hat wohl auch zur Berühmtheit der idealisierten reduzierten Aktplastiken Georg Kolbes beigetragen. Wer kennt nicht seine Nackte mit dem Titel „Morgen“ von 1925 – ihre Arme leicht gehoben, der sanft gebogene, weibliche Körper mit androgynen Zügen. Sie stand 1929 während der Weltausstellung in Mies van der Rohes „Barcelona-Pavillon“, wurde zum vielfach abgebildeten Attribut einer Architekturikone der Moderne.
Anna & Bernhard Blume, Tatjana Danneberg: Super Super Markt, Brunnenstr. 22, bis 7. Juni
Brook Hsu: „The Barcelona Pavilion“. Kraupa-Tuskany Zeidler, Regina-Jonas-Str. 41/43, bis 27. Juni
In der Galerie Kraupa-Tuskany Zeidler hat die in New York und Wyoming lebende Künstlerin Brook Hsu den Plastiken Georg Kolbes ein ungebändigtes Eigenleben gegeben. In einer raumgreifenden Installation, auf Zeichnungen, Malereien, selbst auf den Mustern eines Teppichs existiert Kolbes Figur wild fort. Mal präzise in der Mies’schen Architektur rekonstruiert, mal traumhaft verschwommen, auch nur schemenhaft.
Kolbes schlanken Frauenkörper ersetzt Hsu mit dem einer Hochschwangeren oder auch mal mit Schlachtvieh. Und mittendrin steht eine echte Kolbe-Plastik: „Nacht“, das Pendant zum „Morgen“, ist geradezu verloren in der anarchischen Verselbstständigung ihrer eigenen Form.
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