Die Kunst der Woche: Alles überlagert sich
Farkhondeh Shahroudi und Gülbin Ünlü stellen erstmals bei Barbara Thumm aus. Bei Carlier Gebauer zeigt Nida Sinnokret Skulpturen aus Fundstücken aus Palästina.
E inem aus Fahrradschläuchen gewebten Flickenteppich begegnet man derzeit in der Galerie Barbara Thumm. Der Skulptur einer Nachtigall, gefertigt aus Teppich. Stoffskulpturen aus Fingerhandschuhen. Einem Pullover, gestrickt aus synthetischem Haar, aufgehängt an einem eisernen Gestänge neben einem Stein, dessen Titel „Ich mag gestein aber was ich habe ist nur ein trümmerstück“ man unbedingt mitlesen sollte. Wie immer bei Farkhondeh Shahroudi.
Was deren Kunst ausmacht, ist einerseits der Umgang mit vieldeutigem Material, andererseits Sharoudis Methode, Poesie, Skulptur, Malerei und Zeichnung zu vermengen. Wie etwa im Fall der Filzstiftzeichnungen aus der Serie „Degrees of Freedom“, die von Geistes- und anderen Zuständen und Beziehungen zu sich und der Welt erzählen. Dass es mit denen derzeit, gelinde gesagt, nicht ganz einfach ist, das spielt die 1962 in Teheran geborene Künstlerin durch, schon der Titel der Ausstellung deutet darauf hin. „Widerruf“ lautet er.
Gülbin Ünlü, die ebenfalls bei Barbara Thumm ausstellt, hat gerade einen Lauf. Ihre Einzelausstellung „Ultrahappy“ in der Münchner Villa Stuck ist kürzlich erst zu Ende gegangen. Ebenfalls in München, im Haus der Kunst, hat sie Anfang des Monats eine Arbeit am Personaleingang installiert. „Mash-up“ nennt die Künstlerin ihre Arbeitsweise, in der sich alles überlagert, Malerei, Zeichnung, Fotografie, Druckgrafik, mitunter auch Performance und Klang. Oft geht es dabei um die Erfahrung, sich nicht ganz zugehörig zu fühlen, an Orten, in Milieus.
Barbara Thumm: „Widerruf“, Farkhondeh Shahroudi; „Almost Ünlü“, Gülbin Ünlü, Markgrafenstr. 68, Di.–Sa. 12–18 Uhr, bis 27. Juni.
Carlier Gebauer: Nida Sinnokrot „Above Ground Below“, Markgrafenstr. 67, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bis 29. August.
Für „Almost Ünlü“ – was so viel wie „fast berühmt“ bedeutet – findet diese in Bildern wie aus einem retrofuturistischen Science-Fiction-Film ein Echo. Eine KI hat sie generiert, Fake-Fotografien des Dorfs von Ünlüs Großmutter in den 1930er Jahren während einer vermeintlichen Alien-Invasion. Ünlü kombiniert diese mit Malerei, fragt nach Selbst- und Fremdwahrnehmung, Identifikation und Erinnerung.
Verletzlichkeit und Resilienz
Nur wenige Meter entfernt bei Carlier Gebauer hat der palästinensische Künstler Nida Sinnokrot Skulpturen im Raum verteilt, zusammengesetzt aus Stahlrohren und Dingen, die er in der Nähe von Checkpoints in Palästina gefunden hat. Aus kaputten Fußbällen etwa oder Steinen, was sie fast körperlich erscheinen lässt. Mahnend stehen sie da, verweisen auf Verletzlichkeit und auf Resilienz.
Die Bedeutung von Wasser als Ressource bezeugt wiederum seine zweite Werkgruppe, in der er Leitungsrohre, Vasen, Ventile, Megafone puzzleartig ineinandersetzt. Wie eine Anordnung von Artefakten aus einem archäologischen Museum wirkt das; worum es aber geht, ist das Hier und Jetzt.
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