Die Kunst der Woche: Das Stadtbild der Töchter
Bei Künstlerinnen geht es gerade viel um die Zumutungen der patriarchal geprägten Stadt, die spielerisch-subversiv aufgearbeitet werden.
G erade war Gallery Weekend – und die Stadt eine andere. In die Galerien, die man sonst oft für sich allein hat, strömten Massen von Menschen, gut gelaunt und neugierig, was es noch zu sehen gäbe. Bei Buchholz, Eigen + Art oder Nagel Draxler konnte man sich Gedanken über den Minimalismus in der Kunst und die Billy-Regale im Galerieraum machen. Sie sind ein altes Thema von Heimo Zobernig. Neu ist, dass er sie jetzt in Aluminium gegossenen hat.
Spannender war es aber bei Cosima von Bonins Zigarette rauchender Straßenlaterne vor der Galerie Neu. Neu feiert tatsächlich die andere, die „Counter City“, kuratiert von Juliette Desorgues mit Werken aus der Zeit von 1970 bis heute. In ihren Arbeiten stellen alle elf Künstlerinnen klar, welche Zumutungen die Stadt unter gender- und identitätspolitischen Gesichtspunkten für ihre Bewohner*innen bereithält.
Die Komplexität der Situation macht Anita Steckels von Pop und Street art inspirierte „NY Skyline on Canvas #5“ (1970) deutlich. Die New Yorker Wolkenkratzer werden bei ihr als erigierte Schwänze kenntlich. Auf ihnen thronen weibliche Akte, zwischen denen man den Führer entdeckt. Neben einem verdrehten Hakenkreuz über dem Namen „Adolph“ wird das Panorama aber von Davidsternen und Inschriften wie „Sarah Uman lives“ „Lenny Bruce lives“ und „Genet lives“ beherrscht.
Die Stadt als patriarchale Superstruktur war erst kürzlich Anlass der „Stadtbild“-Debatte. Aber es sind die Töchter, die ihr mit subversiven, spielerischen Aktionen zusetzen. Wie Pippa Garner, die mit der Fotoserie „Future Man!“ den Auftritt des Geschäftsmanns auf die Schippe nimmt, wie Sophie Ricketts Stehpinklerinnen oder Klara Lidén, die die Stadt als einzigen Baustellenmarathon zur Performance macht. Dieser Marathon kennen die Berliner*innen als ganz alltägliche Übung, was sie freilich demnächst an der Wahlurne abstrafen werden.
Auch die „Vertical Highways“ von Bettina Pousttchi in der Buchmann-Box berichten spielerisch-subversiv von der Counter City. Mit einiger Wucht verformt die Künstlerin Leitplanken, lackiert sie in farblich aggressivem Rot und gruppiert sie dann hochkant zur Skulptur, die als Zeichen des Wandels und der gestürmten Barrikaden gelesen werden kann.
Zum Komplex der Counter City gehört unbedingt Tracey Emins wunderbar radikale Selbstauskunft „Why I Never Became A Dancer“ (1995) in der von Cornelius Tittel kuratierten Selbstporträt-Schau „The Self Assessed“ bei Max Hetzler. Die damalige Verliererin im englischen Küstenkaff Margate, die inzwischen als Dame Tracey Emin zurückkehrte, ist nun – zusammen mit den vielen Künstler*innen die ihr nachfolgten – prägend für das Stadtbild. Was die Kunst der Töchter doch kann!
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert