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Die Kunst der WocheDas Stadtbild der Töchter

Bei Künstlerinnen geht es gerade viel um die Zumutungen der patriarchal geprägten Stadt, die spielerisch-subversiv aufgearbeitet werden.

Anita Steckel, NY Skyline on Canvas #5 (Eat Your Power Honey, Before It Grows Cold), ca. 1970–1972, Öl und Siebdruck auf Leinwand Foto: Stefan Korte/Galerie Neu

G erade war Gallery Weekend – und die Stadt eine andere. In die Galerien, die man sonst oft für sich allein hat, strömten Massen von Menschen, gut gelaunt und neugierig, was es noch zu sehen gäbe. Bei Buchholz, Eigen + Art oder Nagel Draxler konnte man sich Gedanken über den Minimalismus in der Kunst und die Billy-Regale im Galerieraum machen. Sie sind ein altes Thema von Heimo Zobernig. Neu ist, dass er sie jetzt in Aluminium gegossenen hat.

Spannender war es aber bei Cosima von Bonins Zigarette rauchender Straßenlaterne vor der Galerie Neu. Neu feiert tatsächlich die andere, die „Counter City“, kuratiert von Juliette Desorgues mit Werken aus der Zeit von 1970 bis heute. In ihren Arbeiten stellen alle elf Künstlerinnen klar, welche Zumutungen die Stadt unter gender- und identitätspolitischen Gesichtspunkten für ihre Be­woh­ne­r*in­nen bereithält.

Die Komplexität der Situation macht Anita Steckels von Pop und Street art inspirierte „NY Skyline on Canvas #5“ (1970) deutlich. Die New Yorker Wolkenkratzer werden bei ihr als erigierte Schwänze kenntlich. Auf ihnen thronen weibliche Akte, zwischen denen man den Führer entdeckt. Neben einem verdrehten Hakenkreuz über dem Namen „Adolph“ wird das Panorama aber von Davidsternen und Inschriften wie „Sarah Uman lives“ „Lenny Bruce lives“ und „Genet lives“ beherrscht.

Bei Anita Steckel werden New Yorker Wolkenkratzer als erigierte Schwänze kenntlich. Auf ihnen thronen weibliche Akte, zwischen denen man den Führer entdeckt

Die Stadt als patriarchale Superstruktur war erst kürzlich Anlass der „Stadtbild“-Debatte. Aber es sind die Töchter, die ihr mit subversiven, spielerischen Aktionen zusetzen. Wie Pippa Garner, die mit der Fotoserie „Future Man!“ den Auftritt des Geschäftsmanns auf die Schippe nimmt, wie Sophie Ricketts Stehpinklerinnen oder Klara Lidén, die die Stadt als einzigen Baustellenmarathon zur Performance macht. Dieser Marathon kennen die Ber­li­ne­r*in­nen als ganz alltägliche Übung, was sie freilich demnächst an der Wahlurne abstrafen werden.

Auch die „Vertical Highways“ von Bettina Pousttchi in der Buchmann-Box berichten spielerisch-subversiv von der Counter City. Mit einiger Wucht verformt die Künstlerin Leitplanken, lackiert sie in farblich aggressivem Rot und gruppiert sie dann hochkant zur Skulptur, die als Zeichen des Wandels und der gestürmten Barrikaden gelesen werden kann.

Bettina Pousttchi, Vertical Highways A46, 2025, Leitplanken, Stahl Foto: Buchmann Galerie

Zum Komplex der Counter City gehört unbedingt Tracey Emins wunderbar radikale Selbstauskunft „Why I Never Became A Dancer“ (1995) in der von Cornelius Tittel kuratierten Selbstporträt-Schau „The Self Assessed“ bei Max Hetzler. Die damalige Verliererin im englischen Küstenkaff Margate, die inzwischen als Dame Tracey Emin zurückkehrte, ist nun – zusammen mit den vielen Künst­le­r*in­nen die ihr nachfolgten – prägend für das Stadtbild. Was die Kunst der Töchter doch kann!

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Brigitte Werneburg
war Filmredakteurin, Ressortleiterin der Kultur und zuletzt lange Jahre Kunstredakteurin der taz. Seit 2022 als freie Journalistin und Autorin tätig. Themen Kunst, Film, Design, Architektur, Mode, Kulturpolitik.
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