Deutsche Medienlandschaft: Journalismus muss mehr raus!
Mit dem deutschen Journalismus geht’s bergab. Es braucht mehr Emotionen, Dramatik und die Interaktion mit einem Live-Publikum, findet unser Kolumnist.
Foto: Michael Kappeler/dpa
N ach landläufiger Meinung ist im Mediengeschäft derzeit ja alles schrecklich. Wahrscheinlich hat bis zum Erscheinen dieser Zeilen Donald Trump aus Wut über sein Abschneiden bei den Midterms die Pressefreiheit in den USA komplett abgeschafft. Springer schmeißt gerade beim Daily Telegraph in London die halbe Redaktion raus. Das Blatt machen jetzt Mathias Döpfner, Elon Musk und eine KI namens „Black Print“.
Waldi Hartmann „rassistet“ munter gegen alle Namen, die er nicht schreiben kann. Der Boulevard wird immer ätzender. Und eben ist mir in der DB-Lounge Kai Diekmann über den Weg gelaufen. Was waren das noch für Zeiten, als er und seine Bild als schlimm galten! Nach heutigem Maßstab war die Diekmann-Bild eine Eins-a-Qualitätszeitung mit ein bisschen größeren Buchstaben!
Also alles Schweine außer Mutti? Quatsch, denn Journalistinnen sind auch immer unerschütterliche Optimistinnen. So wie Jochen Markett zum Beispiel, dem es in der hutzeligen Redaktionsstube eh immer zu eng war. Und der deshalb Journalismus auf die Bretter bringt, die die Welt bedeuten.
Denn unglaublich, aber wahr: Der Reporter-Slam feiert auch schon zehnjährigen Geburtstag! Und selten war der Ansatz so richtig wie heute. Journalismus muss raus, in die Öffentlichkeit, aufs Theater, vors große Publikum. Wenn Rechercheurinnen über ihre Abenteuer, Abgründe und Angstzustände berichten. Aber immer auch lachen, lachen, lachen. Spätestens dann, wenn Bommi mit der Ukulele kommt. Steht der Ippen-Song, wie der Verleger seine eigene Investigativtruppe und deren Recherche über Julian Reichelt rauswarf, eigentlich irgendwo online?
Journalismus mit Fummel und Fakten
Die Österreicher sind ja bekanntlich eine Theaternation. Damit haben sie uns Piefke-Deutschen klar etwas voraus. Weshalb auch Dossier, was so ein bisschen Correctiv mit Wiener Schmäh und besserer Stimmung in der Redaktion ist, seine Recherchen routinemäßig auf die Bühne bringt. „Live Journalism“ heißt das auf international, und Deutschland sollte sich hier über den Reporter-Slam hinaus gleich ein paar Scheiben mehr abschneiden.
Die allerersten Nachrichtenvermittlerinnen waren ja zumeist umherziehende Barden, die ihre Storys in aller Welt verteilten. Gut, anfangs war da in Sachen Faktentreue und Glaubwürdigkeit der Wurm drin, wie heute beim Donald. Aber dafür wurden in den folgenden Jahrhunderten ja journalistische Standards und Spielregeln geschaffen.
Und wenn sich jetzt die Dramatik, Emotion und Magie der Bühne mit dem Fummel und den Fakten des knallharten Journalismus im Limelight treffen, sieht das Mediengeschäft längst nicht mehr so zappenduster aus. Sondern macht großen Spaß, und in der Pause gibt’s auch was zu trinken.
Wie weit Live-Journalism heute schon ist, kann in zwei Wochen beim Live-Journalism-Festival besichtigt werden. Es findet dieses Jahr zum vierten Mal statt, und nach Stationen in Toronto, Tilburg und Helsinki praktischerweise im Publix in Berlin. „Und kommt auch Kai D. vorbei und slamt mit?“, fragt die Mitbewohnerin.
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