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Der HausbesuchFortissimo in Maßen

Mit Hochkultur hatte sie lange „null Komma null“ Berührung. Heute ist Josefin Feiler Sängerin an der Oper in Stuttgart – und Frontfrau einer Punkband.

„Ich schütze mich nicht, gehe richtig rein in die Darstellung“, sagt Josefin Feiler über ihre Rollen Foto: Boris Schmalenberger

Für Josefin Feiler ist ihre Band ein Ventil, um sich zu Themen zu äußern, die sie umtreiben – wie mentale Gesundheit und die Frage, wie man angesichts der Nachrichtenlage nicht abstumpft.

Draußen: Feiler lebt im Stuttgarter Norden: Mit der U 12 geht es vorbei an der Stuttgart-21-Baustelle und den Neubauten des Europaviertels hinein ins sogenannte Eisenbahnerdörfle. Die schönen Backsteinhäuser wurden überwiegend zwischen 1894 und 1912 von der Königlichen Eisenbahnverwaltung erbaut. Eine der größten Arbeitersiedlungen der Stadt, zu der die Bezeichnung „Dörfle“ nicht wirklich passt.

Drinnen: Josefin Feiler öffnet die Tür ihrer Altbauwohnung und hält Kater Bene fest. Er ist flink und rennt gern hinaus. Katze Frida liegt in der Sonne. Ob noch Zeit ist für eine Zigarette auf dem Balkon?, fragt sie. Rauchen Opernsängerinnen etwa? „Eher selten. Die meisten sind geradezu neurotisch, wenn es um ihre Stimmgesundheit geht. Besonders die Freischaffenden. Ich rauche auch nicht Kette“, sagt Feiler, die seit 13 Jahren als Sopranistin zum Ensemble der Stuttgarter Oper gehört.

Glücksfall: Stuttgart war nicht Feilers Wunschziel. Doch ihre Karriere startete überraschend schnell. „Uns wurde zu Unizeiten immer gesagt, das geht nicht so einfach“, sagt sie. Es hieß, man müsse sich vernetzen, Kontakte knüpfen, viel vorsingen, bis es mit einem Job klappt. „Ich habe damit gerechnet, dass es erst mal eine ganz lange Findungsphase wird. Und dann hatte ich einfach wahnsinniges Glück.“ Im Oktober 2013 singt sie an der Hochschule in Leipzig noch ihr Diplom und fängt direkt nach dem ersten Vorsingen in Stuttgart an. „Ich dachte: Mein Gott, wenn du das nicht machst, bist du verrückt!“ Die Oper habe natürlich Renommee.

Eltern: Beide seien „stolz“ gewesen, dass sie Opernsängerin wird. „Ich hatte eigentlich null Komma null Berührungspunkte mit Hochkultur“, sagt Feiler. In die Oper oder ins Theater seien die Eltern nie gegangen – hätten sie aber stets unterstützt. „Es hieß zwar, wir sollen Abitur machen, damit sie sich später nicht anhören müssten, dass wir nicht studieren konnten. Aber abgesehen davon ließen sie mir und meinen Geschwistern alle Freiheiten.“

Ursprung: Die Mutter kommt so oft es geht von Leipzig nach Stuttgart, um Aufführungen zu sehen. Der Vater hört nur noch ihr Diplomkonzert, dann stirbt er. Dass er das noch erleben konnte „werde ich auch ganz doll im Herzen behalten, denn es war einer der schönsten Tage“. Er habe eine „große Musikalität gehabt“, immer Gitarre gespielt und vor ihr gesungen. In ihrem Vater sieht Josefin Feiler den Ursprung ihres Drangs, sich musikalisch auszudrücken.

Rassismus, Sexismus: Den Anspruch auf Werktreue bei Klassikern findet Feiler heute nicht mehr zeit­gemäß Foto: Boris Schmalenberger

Vor der Wende: Feiler wird 1988 in Bautzen geboren. Schon früh weiß sie, dass sie von dort auf jeden Fall weg will. Sie verbringt viele Sommer bei den Großeltern in Leipzig. Nach Bautzen zogen die Eltern zu DDR-Zeiten wegen des Vaters. „Der war in der Armee und ist versetzt worden. Freiwillig wollte von den beiden niemand nach Bautzen“, sagt Feiler. Trostlos sei es dort gewesen. Auch wegen des großen Gefängnisses, in dem politische Gefangene und Oppositionelle einsaßen. „Zudem galt es als das Tal der Ahnungslosen. Es gab keinerlei Möglichkeiten, Westpresse zu konsumieren.“ Die Region im Elbtalkessel um Dresden, einschließlich Bautzen, lag hinter Hügelketten, die die Funkwellen aus dem Westen abschirmten.

Nach der Wende: „Die DDR war mental noch lange Zeit in den Köpfen verhaftet, irgendwie auch so eine gewisse Sehnsucht danach“, sagt Feiler. Als Jugendliche habe sie diese Nostalgie abgelehnt. Sie spürte die Enge und wollte raus. „Ich hatte schon früh einen Ausbruchsgedanken und habe das zunächst durch Klamotten und Musik ausgelebt.“ Sie hört viel Punk, Rock und 60er-Jahre-Hippiemusik. „Dadurch habe ich diesen Zeitgeist des Umbruchs aufgesaugt. Ich fand das schon immer sehr spannend.“ Gleichzeitig nimmt sie klassischen Gesangsunterricht. Als Kind habe sie schon immer „rumgeträllert“. In der Schule meinte eine Lehrerin: „Dann nimm doch Gesangsunterricht.“ Irgendetwas habe da bei Feiler „geklickt“. Dass ihr die Musik aus Bautzen heraushelfen würde, wusste sie damals noch nicht.

Studium: „Ich war anfangs eine Instinktsängerin. Bis ich 19 war, konnte ich nicht vernünftig Noten lesen“, erzählt sie. Auch das Konzept Oper habe sie damals nicht verstanden. Auf sie wirkte es wie etwas Elitäres. Interesse und Verständnis kamen erst im Studium. Für die Vorbereitung zur Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig nahm sie sich nach dem Abitur ein Jahr Zeit. „Das war nicht ohne. Ich habe alles in mein Gehirn gepresst, was geht, und war gut vorbereitet.“

Krise: Während der Ausbildung konnte sie sich „alles relativ schnell aneignen, was verlangt wird“. Doch mit Ende 20 funktioniert die Stimme plötzlich nicht mehr, wie sie soll: „Ich habe als Soubrette angefangen, also leichter Sopran mit hohen Spitzentönen. Auf einmal waren diese ganz hohen Töne weg und ich konnte mir nicht erklären, woran das liegt“, erzählt sie. Das habe sie in Panik versetzt. Was, wenn sie ihre Höhe komplett verliert? Verspannte Muskeln sind die Ursache, eine Logopädin ist die Rettung. Feiler trainiert ihren Stimmmuskel täglich wie ein Sportfreak seinen Bizeps im Fitnessstudio. „Ich habe gelernt, mich ein bisschen zurückzunehmen, nicht immer so im Fortissimo zu singen, und dass man wirklich sanft mit seinem Instrument umgehen muss. Das hatte ich zwischendurch etwas verlernt.“

Abgeklärtheit: Erfahrungen machen gelassener, findet sie. „Mir ist so gut wie alles, was einem passieren kann, schon passiert. Ich habe Text vergessen, bin mehrfach hingefallen, habe Haare verschluckt oder mir ist ein Kleid hinten aufgeplatzt. Also das ist alles schon durch. And I am still alive“, sagt sie und lacht. Heute könne sie Texte gut faken. Sie neigt dann einfach den Kopf zur Seite und singt etwas Unverständliches.

Dora: Und doch hat sie wiederkehrende Albträume. Der Schlimmste geht so: „Ich muss auf die Bühne und die spielen eine andere Oper, als die, die ich vorbereitet habe. Ich sage der Soufflage, dass ich das Stück nicht kenne, doch sie gibt den Einsatz und fragt: Was ist los?“ Bei ihrer Arbeit gehe sie mental an ihre Grenzen. „Ich schütze mich nicht, gehe richtig rein in die Darstellung“, sagt Feiler. Die Vorbereitung auf eine Rolle kann lang und intensiv sein. Für die der Dora in der gleichnamigen Oper von Bernhard Lang und Frank Witzel brauchte sie acht Monate. Es war eine Uraufführung und Feiler wollte ihren Ansprüchen gerecht werden. Es hat sich gelohnt, in den Augen der Kritik war es ihre Glanzrolle. Dora ist eine moderne Opernheldin, mit der Feiler „sich gut identifizieren kann“. Sie mag zeitgenössische Kompositionen, nicht nur aufgrund gesanglicher Freiheiten, sondern auch der Inhalte wegen. In Klassikern wie der Zauberflöte wimmelt es nur so von Rassismus und Frauenfeindlichkeit. Das mache es manchmal schwer, sie zu singen. Feiler findet den Anspruch auf Werktreue nicht mehr zeitgemäß und wünscht sich in der Zukunft textliche Anpassungen.

Das Eisenbahnerdörfle liegt im Stuttgarter Norden Foto: Boris Schmalenberger

Punk: Über gesellschaftliche Themen, die sie umtreiben, singt sie seit zwei Jahren in der Post-Punk-Band Futsch, die mittlerweile in „Knie“ umbenannt wurde. Manchmal passen die beiden Welten für sie nicht zusammen. „Einerseits bin ich Teil eines vermeintlich elitären Hochkulturbetriebs, gleichzeitig bin ich in Subkulturkreisen unterwegs und spüre eine große Diskrepanz, wie diese unterschiedlichen Szenen gefördert und beachtet werden.“ Etwa wenn kleineren Projekten Gelder gestrichen und Clubs und kreative Räume geschlossen würden. Für diese „Unstimmigkeit“ sei die Band aber ein gutes Ventil. In ihren Texten verarbeitet sie „Mental Health Struggles“, die Sinnsuche der Millennials oder „wie man mit der rauen Emotionalität umgeht, die entsteht, wenn ich die Welt manchmal einfach nicht mehr verstehe“. Nicht abzustumpfen bei all den negativen Nachrichten sei wichtig.

Sound: Ihre „Stimme finden“ musste Josefin Feiler als Sängerin einer Punkband aufs Neue. „Ich hatte erst mal voll die Scham, da ich noch nie in einer Band war und die anderen Musiker schon viel Erfahrung hatten“, sagt sie. Wie würde sie klingen? Für Feiler hieß es zunächst „entschlacken“. Als klassische Sängerin sei man auf perfekte Diktion getrimmt, „aber dass man wesentlich instinktiver und freier und auch manchmal hässlich klingen kann, das musste ich mir anlernen.“ Als sie sich getraut habe, habe sie auch ihren Sound gefunden. Nur auf ihre Stimme muss sie aufpassen. „Gestützt schreien, nicht zu dolle“, laute das Rezept.

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