Dammbruch im brasilianischen Brumadinho: Verbrechen oder Tragödie
Die Schlammlawine war eine der größten Katastrophen Brasiliens. Nun läuft ein neuer Gerichtsprozess. Auch eine deutsche Firma ist angeklagt.
Sieben Jahre nach dem Dammbruch von Brumadinho in Brasilien muss das Oberste Bundesgericht Brasiliens entscheiden, ob der Vorfall eine Tragödie oder ein Verbrechen gewesen ist. Vor Sitzungseröffnung versammelten sich Angehörige von Opfern vor dem Gerichtsgebäude zum gemeinsamen Gebet und der Forderung nach Gerechtigkeit. Im Gerichtsgebäude ist für sie eine Anlaufstelle eingerichtet, wo sie medizinische und psychologische Betreuung, Verpflegung und Ruhezonen vorfinden.
Im Jahr 2019 hat eine mit 80 Stundenkilometern rasende Lawine aus Millionen Kubikmetern giftigen Schlamms 272 Menschen im brasilianischen Brumadinho in den Tod gerissen, Häuser zerstört und den Fluss Paraopeba vergiftet. Der Dammbruch des Rückhaltebeckens der Bergbaugesellschaft Vale do Rio Doce gilt in Brasilien als eine der größten humanitären und ökologischen Katastrophen aller Zeiten.
Danilo Chammas, Anwalt und Menschenrechtsaktivist
Angeklagt sind 17 Personen, ehemalige Führungskräfte, Manager und Ingenieure von Vale sowie Mitarbeiter einer Tochterfirma des deutschen Tüv Süd, die dem Damm noch wenige Monate vor dem Unfall Stabilität bescheinigt hatte. Die Vorwürfe lauten unter anderem auf vorsätzlichen Mord. Für den Prozess sind 76 Verhandlungstage angesetzt, in deren Verlauf Opfer, Fachleute und Angeklagte angehört werden sollen. Er begann am Montag in Belo Horizonte im Südosten Brasiliens und wird voraussichtlich bis Mai dauern.
Der Anwalt und Menschenrechtsaktivist Danilo Chammas vertritt die Vereinigung von Angehörigen der Opfer. „Untersuchungen haben erwiesen, dass das Risiko bekannt war und öffentlich gemacht werden konnte“, erklärt er. „Den Verantwortlichen war sogar bekannt, wo im Falle eines Dammbruchs die Schlammmassen entlangfließen würden – unter anderem zur Kantine und zu Unterkünften. Es wäre also möglich gewesen, wenn schon nicht den Bruch zu verhindern, so doch die Schäden zu verringern.“
Tüv Süd weist Verantwortung für den Dammbruch von sich
Es gebe zudem Aussagen von Ingenieuren, die eine Zertifizierung des Dammes abgelehnt hatten, bevor Tüv Süd sie vornahm. Tüv Süd weist bisher jegliche Verantwortung für den Dammbruch von sich, die Sicherheitsbescheinigung sei aufgrund sorgfältiger Prüfung und der in Brasilien geltenden Richtlinien erfolgt. Die brasilianische Staatsanwaltschaft geht hingegen davon aus, dass Vale die Zertifizierer unter Druck gesetzt hat und diese dem Druck nachgaben, um eventuelle Folgeaufträge nicht aufs Spiel zu setzen.
Die zivilrechtliche Verantwortung der Bergbaugesellschaft ist bereits seit Jahren geklärt. Vale unterzeichnete 2021 eine Vereinbarung, nach der sie verpflichtet ist, 37,5 Milliarden brasilianische Real Schadenersatz zu zahlen – umgerechnet sind das rund 6,14 Milliarden Euro. Die sollen für Infrastrukturprojekte, Verdienstausfallzahlungen und andere kollektive Entschädigungen eingesetzt werden.
Kriminalrechtliche Verantwortung lehnt das Unternehmen jedoch ab. „Für die Angehörigen der Opfer hat die kriminalrechtliche Verurteilung aber Priorität“, betont Anwalt Chammas. „Nur so kann eine Verhaltensänderung der Bergbauunternehmern bewirkt werden.“
Am ersten Prozesstag wurden in Belo Horizonte drei Angehörige von Opfern angehört. Sie sprachen über ihre Verluste, über den Schmerz, ihre Toten nicht würdig bestatten zu können. Im März werden die Fachleute zur Zertifizierungsfrage angehört.
„Ich gehe nicht davon aus, dass es Freisprüche geben wird“, sagt Chammas. „Dieser Prozess bedeutet sehr viel für uns, denn die Straflosigkeit führt zu erneuten Risiken: Seit August 2025 ist ein anderer Bergbaukomplex in Brumadinho aufgrund der gleichen Umweltlizenz aus dem Jahr 2018 wieder in Betrieb genommen worden, die von der Bundespolizei als betrügerisch bezeichnet worden ist.“ Der Anwalt fügt hinzu: „Wo die giftigen Rückstände aus diesem Komplex gelagert werden, wissen wir nicht.“
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