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DFB-Elf zur WMWie ich zum linken Miesepeter wurde

Peter Unfried

Kommentar von

Peter Unfried

Ich will die Nationalelf gut finden, wenn sie gut ist. Aber ich will sie nicht gut finden müssen, weil Deutschland jetzt unbedingt gute Laune braucht.

S eit ich in einer WM-Doku in der ARD was sagen durfte, wollen Leute plötzlich beim Fußballschauen wissen, was denn meine „Expertenmeinung“ sei. Zu Gast bei Freunden sagte ich also zur Halbzeit des Curaçao-Spiels (beim Stand von 3:1) forsch: „Curaçao ist der erwartet schwache Gegner. Und Deutschland auch.“ Sie schauten mich sehr irritiert an.

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Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Nach Spielende wies ich auf die Schwächen der Doppelsechs in der Rückwärtsbewegung hin, die man sich gegen einen richtigen Gegner aus meiner Expertensicht nicht erlauben kann. Damit war ich vollends unten durch. 7:1 gewonnen und dann so ein „Miesepeter“ (Originalzitat)? Ich solle mal schleunigst eine „Rückwärtsbewegung“ nach Hause antreten.

Auf X wurde mir dann vorgeworfen, ich sei ein „Linker“, der „linke Sachen“ poste. Andere schrieben, ich sei ein „Sackgesicht“, aber man kenne mich, ich sei gewiss „kein Linker“. Das half nichts. Das Linke an mir sei einwandfrei bewiesen, erstens durch „die miese Laune“ und zweitens durch die „falsche Beschreibung der Realität“.

Nun kann man vermuten, das sei ein eigenverschuldeter Einzelfall eines unsensiblen Haudraufs, aber ich fürchte, dahinter kommt Grundsätzliches zum Vorschein. Das eine ist, ähnlich wie in der Politikrezeption, die fehlende fachliche Basis, die mit Moral kompensiert wird. Curaçao kein ernsthafter Gegner? Respektlos! Rückwärtsbewegung ohne Ball? Elitäres Geschwätz am Volk vorbei!

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

„Wir alle sind Team Deutschland“

Das andere ist die menschliche Sehnsucht nach einer schönen Geschichte und großen Gefühlen. Sehr verständlich angesichts der zunehmend unschönen sonstigen Geschichten und dem ständigen Genöle, wie schlimm alles sei. Und auch positiv: Jenseits der Nationalismus- und Fahnenschwenk-Sorgen der Ströbele-Zeiten ist Deutschland einfach ein Fußballteam, dessen Fan man während der WM ist. Mit Ausnahme von Leroy Sané, auf den alle negativen Emotionen ausgelagert werden, will man das Gute sehen!

Das betrifft nicht nur die Leute, das betrifft auch die Inhaber unterschiedlichster Rechte, Produkte und Interessen. Ich habe überhaupt kein Problem damit, die Nationalmannschaft gut zu finden, wenn sie gut ist. Ich habe ein Problem, wenn ich sie gut finden soll, ohne zu wissen, ob sie gut ist, weil „wir“ jetzt positive Vibrationen brauchen, um Umfragewerte, Einschaltquoten, Moral und CO₂-Emissionen zu steigern.

Aus meiner Erfahrung als WM- und EM-Reporter weiß ich, wie gering der Bedarf an „kritischem“ Fußballjournalismus ist und wie groß der Bedarf an Fußballunterhaltung. Ich finde, dass Jürgen Klopp und Thomas Müller beim Telekom-Sender Magenta-TV das Genre Unterhaltung plus Fachlichkeit im Moment klar anführen, besonders offensichtlich im direkten Vergleich mit Esther Sedlaczek und Bastian Schnarchsteiger (ARD).

Gleichzeitig ist es mir too much, wenn Müller und Klopp ihren Auftrag darin sehen, „gute Laune“ zu verbreiten und „die Mannschaft zu unterstützen“. Seit der zugeschaltete DFB-Funktionär Rudi Völler sagte, die beiden seien ja „mehr für die Komik“ zuständig, ahnt man, dass Müllers Ansatz beim DFB zwar vorausgesetzt wird, in diesem Fall aber als nicht eingelöst gilt, weshalb der komplett kritikresistente Magenta-Conférencier Johannes B. Kerner die beschwörenden Worte sprach: „Wir alle sind Team Deutschland.“

Leider bezieht sich das nicht auf eine republikanisch agierende Gesellschaft, die zum Wohle einer gemeinsamen Zukunft bereit ist, sich einzubringen und auch Abstriche zu machen. Sondern auf einen Rechteinhaber, der sein Produkt Fußball auf dem deutschen Markt maximal verkaufen will.

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Wie gesagt, ich verstehe die Interessen der Kapital- und Emotionen-Stakeholder, mir ist das nur zu viel, auf keinen Fall Musiala kritisieren zu sollen, weil der Junge jetzt Zuspruch braucht und auf keinen Fall Undav zu fordern, weil Havertz doch kurz vor dem Durchbruch zum WM-Star ist und letztlich die liberale Demokratie sonst vor dem Ende.

Wenn wir dann doch im Achtelfinale ausgeschieden sind, wird sich selbstverständlich alles umdrehen. Dann ist Generalkritik die oberste Bürger- und Medienpflicht. Dann haben alle versagt, was aber ja von vorneherein klar war. Dann sind wir in jeder Beziehung am Ende.

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Peter Unfried

Peter Unfried Chefreporter der taz

Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried
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