Schüler in der Klasse

Heute zählt die Auseinandersetzung mit der DDR-Geschichte in Grevesmühlen zum Unterricht Foto: Dagmar Morath

DDR-Geschichte in der Nachwendezeit:Die Leerstelle im Unterricht

Die DDR ist Geschichte. An vielen ostdeutschen Schulen verschwand für einige Zeit der Unterricht über das Land. Warum?

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12.12.2019, 19:09 UHR

Drei Wandkarten und eine Digitaltafel stehen im Klassenraum. Die eine Karte zeigt „Deutschland von der Teilung bis zur Wiedervereinigung“. Die andere: „Europa nach dem Ersten Weltkrieg“. Die dritte „Europa nach dem Zweiten Weltkrieg“. „17. Juni 1953“ steht fett auf der digitalen Tafel. Dass auf der dritten Karte die innerdeutsche Grenze zu sehen ist, ist kein Zufall.

Im 30. Jahr nach der friedlichen Revolution geht es im Geschichtskurs der 11. Klasse am Gymnasiums am Tannenberg in Grevesmühlen um die DDR. Die etwa 20 Schülerinnen und Schüler kommen aus der kleinen Stadt und ihrer Umgebung im Nordwesten Mecklenburg-Vorpommerns. Die frühere innerdeutsche Grenze ist nicht weit: etwa 40 Kilometer sind es bis Schlagsdorf, ein paar weniger bis Herrenburg, kurz vor Lübeck.

Reik Unger, 34, trägt ein weißes T-Shirt, blaue Chino Pants, Kurzhaarschnitt. Der Geschichtslehrer will an diesem grauen Herbstmorgen von seinen Kursteilnehmern wissen, welche Chancen die Menschen nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 in der DDR hatten. Auf seine Frage folgt Schweigen. Unger hakt nach: „Die Ziele der Protestbewegung wurden nicht umgesetzt. Welche Möglichkeiten hatten die Bürger in der DDR? Was konnten die machen?“

Ron, 17, sitzt ganz vorne in der ersten Reihe. „Sie haben eigentlich nicht so viele Möglichkeiten, sie können höchstens friedlichen Protest gegen das System machen. Ansonsten … viel bleibt ja nicht. Repu­blik­flucht vielleicht.“ Unger fordert ihn auf: „Republikflucht, das musst du noch mal erläutern.“ Ron hat eine Beschreibung parat: „Also, ‚Republikflucht‘ heißt, wenn man aus dem Land flieht. Also das, was die gemacht haben, als die alle abgehauen sind.“ Unger will darauf hinaus, warum Menschen fliehen. Er spielt ein Video ab, in dem ein Mann sehr lange darauf warten muss, bis er nach Paris reisen darf – nämlich bis nach der Wende.

„Maximal drei Stunden“

Die Autorin dieses Textes hat auch einmal an diesem Gymnasium gelernt. Bis kurz nach der Jahrtausendwende saß sie auf einem der grauen Stühle mit mint-türkisfarbenem Rahmen, wie sie auch heute noch in jedem Klassenraum stehen. Sie kann sich daran erinnern, dass die Geschichte der DDR damals nur eine sehr geringe Rolle im Unterricht gespielt hat, wenn überhaupt. Höchstens eine Woche wurde das Thema behandelt, vielleicht aber auch gar nicht. Eine kleine Umfrage im Freundeskreis aus der Schulzeit ergibt, dass auch die Mitschüler fast nichts über den Staat erfahren haben, in den zwar alle noch hineingeboren wurden, an den sie sich aber kaum mehr erinnern können. „Maximal drei Stunden“ habe es zu dem Thema gegeben, meint eine Freundin. Ein anderer antwortet, damals habe der Lehrer erklärt, der Lehrplan gebe einen Unterricht dazu nicht her. Ein weiterer berichtet, auch seine Eltern hätten mit ihm nicht über das Thema geredet.

Das Schulgebäude hat auf der einen Seite eine braunrote Backsteinfassade, auf der anderen Seite ist es weiß gestrichen. Im Eingangsbereich hängen Poster für den Klimastreik auf aufgestellten Pinnwänden, daneben Konzertflyer. Innen, rechts neben der Eingangstür befindet sich seit einiger Zeit eine kleine Gedenktafel; sie ist Arno Esch gewidmet. Esch war ein Liberaler, der 1951 vom ­sowjetischen Militärtribunal verurteilt, in die ­Sowjetunion verschleppt und im Alter von ­23 Jahren in der Nähe von Moskau erschossen wurde. Er hatte in Grevesmühlen 1946 sein Abitur gemacht.

Wieso wurde in der Wendezeit so wenig über die DDR gelehrt? Brunhilde Drewes hat sowohl vor als auch nach der Wende als Geschichtslehrerin gearbeitet, auch damals, als die Autorin in Grevesmühlen zur Schule ging. In Erinnerung sind die Jahreszahlen geblieben, die es damals auswendig zu lernen galt. Heute ist Drewes schon fast Mitte 60, sie wird bald in Rente gehen.

Ältere Frau, stehend

Brunhilde Drewes: „Fast nichts“ über die DDR in der Nachwendezeit unterrichtet Foto: Dagmar Morath

Als die Tür aufgeht, lächelt sie. Ein roter Brillenrand blitzt über ihren Augen. Wie hat sie ihre Rolle als Lehrerin in der DDR wahrgenommen?

Die Frage beantwortet Drewes nicht direkt, sie holt weit aus. Schon bei Studienbeginn sei sie aufgefordert worden, aus der Kirche auszutreten, mit Exmatrikulation sei ihr gedroht worden. Sind Sie ausgetreten?„Ja, wir sind alle ausgetreten.“

Brunhilde Drewes, Geschichtslehrerin

„Es gab ein Geschichtsbuch. Es gab einen Lehrplan. Und es gab eine Schulinspektion, die darüber wachte, dass wir das auch machten“

Und wie war das als Lehrerin? „Es gab ein Geschichtsbuch, das die Grundlage des Unterrichts war. Es gab einen Lehrplan, der die Grundlage des Unterrichts war. Und es gab eine Schulinspektion, die darüber wachte, dass wir das auch machten“, sagt Drewes, mit Betonung auf „ein“, und „eine“. Drewes sagt aber auch: „Nicht jeder sollte sich heute als Widerstandskämpfer betrachten in der Zeit.“ Man hatte sich eingerichtet im System. „Jetzt habe ich meinen Ehrgeiz dareingesetzt, meinen Schülern die Möglichkeit zu geben, dass sie das System an sich auch verstehen.“

Als es um die Vermittlung der DDR-Geschichte in der Nachwendezeit geht, nimmt Drewes die Antwort vorweg. Unterrichtet worden sei „fast nichts“. Sie spricht von neuen Fakten, neuen Perspektiven, dass sich die Lehrer erst einmal neues Wissen hätten aneignen müssen, aber auch von unzuverlässigem Material, veralteten „neuen“ Lehrbüchern aus der Bundesrepublik. Es habe gegeben: die Sicht der DDR und die Sicht der BRD auf einige Aspekte der DDR, sagt sie. Nur das Leben der Menschen habe kaum eine Rolle gespielt. „Dann trifft das auf das eigene Erleben der Eltern, der Großeltern, die sagen: Ah, wenn ich das jetzt höre …, bestimmte Dinge fanden wir gut.“

„Ich denke, dass Sie zu einem der Jahrgänge zählen, die fast in ein Vakuum gefallen sind“, sagt Drewes. Persönliche Betroffenheit, noch dazu Mangel an Bereitschaft, Materialfragen: „da kommen viele Faktoren zusammen, warum das so kurz und knapp gehalten wurde.“ Heute hingegen müsse man als Zeitzeuge wirklich aufpassen, dass man den Mund aufmacht, weil die Zeit zu sehr verklärt werde.

Nicht darüber geredet

Sebastian, Mitte 30, ist der, der mit seinen Eltern nicht über die DDR reden konnte. Er war Schüler am Gymnasium in Grevesmühlen, seinen Nachnamen möchte er nicht veröffentlicht sehen. Heute arbeitet Sebastian als Projektmanager in einem Unternehmen in Hamburg und lebt dort mit seiner Freundin zusammen. Wir sitzen in seiner schmalen Küche. Sebastian ist ein unaufgeregter Typ: gepflegter Fassonhaarschnitt, Baumwollhemd, Jeans. Er überlegt, bevor er eine Antwort gibt, und korrigiert sich manchmal, wenn ihm eine Formulierung im Nachhinein nicht passend erscheint. Er sagt, er habe es bisher immer als selbstverständlich betrachtet, in einer Demokratie zu leben.

Sebastian erzählt, dass er mit seinen Eltern nie darüber geredet habe, wie sie die Zeit vor der Wende wahrgenommen haben. Er berichtet von einem Schlüsselerlebnis, das er erst vor Kurzem hatte: Er habe seiner Mutter von seinem vorsichtigen Verhalten erzählt, das er zeige, wenn er in eine neue Gruppe komme. Seine Mutter, Psychologin, habe festgestellt: „Du bist ja auch ein Wendekind.“ Er sei von dieser Antwort überrascht gewesen. „Und ich hab’s nicht so richtig verstanden. Warum ist das jetzt ein Wendekind? Was hat das jetzt damit zu tun?“, überlegt er am Küchentisch.

Dass die jüngste Vergangenheit kein Unter­richtsthema in seiner Schulzeit war, habe er damals gar nicht bemerkt. Aber ihm ist aufgefallen, dass er in den ersten Schuljahren noch einen ­Atlas hatte, in dem die innerdeutsche Grenze eingezeichnet war.

Straßenbild von Grevesmühlen. An einer Fassade steht "Konsum"

„Konsum“ als Fassade: An der August-Bebel-Straße in Grevesmühlen im Jahr 2019 Foto: Dagmar Morath

Im Gymnasium von Grevesmühlen steht eine Wand mit Malereien der Schüler*innen. Einen Gang weiter, nun im Lehrertrakt, hängen hinter einem Aquarium zwei große symbolische Schlüssel, darauf die Eckdaten der Schulgeschichte. Auf dem oberen steht: „12.06.1994 1. Bauabschnitt Gymnasium am Tannenberg“. Auf dem zweiten: „01.09.1961 Einweihung der POS Am Tannenberg“. POS ist die Abkürzung für „Polytechnische Oberschule“, das war die DDR-Bezeichnung für das, was heute etwa die Realschule oder die Gesamtschule ist, also die Schule bis zur 10. Klasse. Der Name, den die POS von 1962 bis zum Umbau des Schulsystems ab 1990 trug, steht dort nicht: „Peter Göring“. Der DDR-Grenzer war 1962 von einem Westberliner Polizisten erschossen worden, als er selbst auf den 14-jährigen Flüchtling Wilfried Tews feuerte, der nach Westberlin fliehen wollte. In der DDR-Erzählung wurde der fliehende Junge einfach weggelassen.

Bei der Frage nach weiteren Eckdaten der Schulgeschichte entsteht im Sekretariat zunächst Rätselraten. Auch die Direktorin des Gymnasiums weiß nicht auf Anhieb, was genau vor der Wende war, dafür aber, welche Erfolge die Schule heute vorweisen kann: Mint-Exzellenz-Schule, Bundesrunde der Mathematik-Olympiade, Schule ohne Rassismus, Jugend debattiert; man sei auch Seminar- und Ausbildungsschule, zählt Andrea Großmann in ihrem Büro auf. Sie macht einen Geschichtslehrer ausfindig, der mit seiner Klasse der Schulgeschichte nachgegangen ist. Dieser erzählt, er sei zufällig auf das Thema gekommen: An einem Regentag sei ihm ein Gedenkstein aufgefallen, der Name „Peter Göring“ war bereits entfernt. Der Stein liegt noch heute umgekippt vor einem Schuppen auf dem Grundstück des Gymnasiums.

Belastbare Daten, ob und wie nach der Wende DDR-Geschichte in den ehemaligen DDR-Schulen unterrichtet wurde und wird, gibt es nicht. Immerhin findet sich das Thema „Zeitgeschichte nach 1945“ mittlerweile in den Rahmenlehrplänen aller deutschen Bundesländer. Das war in der Wendezeit noch anders. In Mecklenburg-Vorpommern lief der DDR-Bezug im Rahmenplan für das Gymnasium 1991 vor allem unter „Ergänzende Themen“. Erst ab 1998 fand er in die Abiturthemen Aufnahme. Eine vergleichende Lehrplananalyse der Stiftung Aufarbeitung kommt 2004 noch zu dem Schluss, dass in den meisten Bundesländern das SED-System nur in wenigen Fällen eine geschlossene Darstellung erfahre. Von Repressionen würden Schüler nur selten erfahren und auch Gesellschaftsgeschichte werde nicht ausreichend thematisiert.

„Tausende Schüler protestieren in Ost-Berlin für kinder- und jugendfreundliche Schulbildung“, lautet die Bildunterzeile eines Fotos, das den Demonstrationszug am 13.12.1989 zeigt. Das SED-Parteiorgan Neues Deutschland meldet am selben Tag „Demo für Veränderungen im Bildungswesen“. Schüler in Stralsund hätten für ein neues Schulsystem demonstriert und gegen die Forderung, dass SED-Mitglieder aus dem Schuldienst entlassen werden. Das Ost-CDU-Zentralorgan Neue Zeit erwähnt am 12.12.1989 Schüler-Demos in Magdeburg und Plauen.

Die Wende brachte eine radikale Veränderung des DDR-Bildungssystems mit sich. Im Oktober räumt 1989 Volksbildungsministerin Margot Honecker nach 25 Jahren ihren Posten. Fächer wie Staatsbürgerkunde und Wehrkunde wurden gestrichen. Anfang 1990 gab es ein Übergangskonzept und provisorische Lehrpläne. Sogenannte Modrow-Lehrer, wurden im Schuldienst untergebracht. Die gemeinsame Bildungskommission von BRD und DDR vereinbarte die Angleichung des Schulsystems an die der alten Bundesländer. Von 1991 bis 1993 erließen die Länder Ostdeutschlands eigene Bildungsgesetze. In der Transformationszeit wurden ­westdeutsche Lehrer*in­nen als „Aufbauhelfer“ eingesetzt, ­ostdeutsche Leh­re­r*in­nen be­such­ten ­Fortbildungsprogramme. Der Einigungsvertrag sah die Überprüfung künftiger Beamter vor. Die Kultusminister der neuen Länder beschlossen, dass auch Lehrer überprüft werden sollten (pdf, S.192): Von 220.000 Personen erhielten 19.500 eine Kündigung, darunter etwa 10 Prozent wegen ihrer Stasitätigkeit. (agr)

Ulrich Bongertmann war an den frühen Debatten über DDR-Geschichte im Unterricht beteiligt. Der 61-jährige ehemalige Vorsitzende des Deutschen Geschichtslehrerverbands arbeitet für das Institut für Qualitätssicherung beim Bildungsministerium in Schwerin; dort ist er für die Geschichtslehrpläne mitverantwortlich. Er kam einst als „Aufbauhelfer“ nach der Wende aus Nordrhein-Westfalen hierher. Warum wurde in der Transformationszeit an manchen Schulen keine DDR-Geschichte gelehrt?

„Die erste Erklärung ist, dass die Lehrer, aus welchen Gründen auch immer, es nicht geschafft haben und auch keine Vorsorge dafür getroffen haben“, sagt er am Telefon. Er sagt aber auch: „Generell waren die Lehrer durchaus staatstreu“.

Ilko-Sascha Kowalczuk, Historiker

„Woher sollten die Lehrer wissen, dass es jetzt nicht mehr um Wahrheit ging, sondern um Meinungsbildung?“

Der Historiker und Publizist Ilko-Sascha Kowalczuk, Jahrgang 1967, ist Ostberliner. Er war Mitglied der Enquetekommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der Deutschen Einheit“. Kowalczuk erklärt, mit der Wende sei das gesamte Geschichtsbild der Lehrerinnen und Lehrer in der DDR in sich zusammengebrochen. Das Studium sei hochgradig ideologisiert gewesen. Zwar sei nicht jeder einzelne Lehrer oder jede einzelne Lehrerin in Geschichte, Deutsch, Geografie oder Staatsbürgerkunde vom System hundertprozentig überzeugt gewesen. Umsetzen mussten sie die Staatslehre aber schon.

Kowalczuk sieht zwei Gründe dafür, warum Lehrer*innen nicht in der Lage waren, Neues zu unterrichten: „Erstens weil sie es nie gelernt hatten. Woher sollten sie wissen, was nun falsch und richtig ist? Woher sollten sie wissen, wie man neue pädagogische Konzepte umsetzt? Woher sollten sie wissen, dass es jetzt nicht mehr um Wahrheit ging, sondern um Meinungsbildung?“

„Extrem verunsicherte“ Lehrer

In der DDR seien einem künftigen Pädagogen keine Methoden nähergebracht worden, sondern Überzeugungen. Und zweitens? Lehrerinnen und Lehrer seien „auch innerlich extrem verunsichert“ gewesen. Die meisten, vor allem in den politischen Fächern, seien auch nicht davon überzeugt gewesen, dass inhaltlich und methodisch anders unterrichtet werden sollte. „Da gab es unendlich viele Konflikte in den verschiedenen Landesfortbildungsinstitutionen, in den Lehrerkollektiven, da krachte das sozusagen an allen Enden und Ecken.“

Ein großes Versagen der Schulen in den 1990er Jahren im Osten sieht er in einem anderen Punkt: dass sie es nicht geschafft haben, sich dem flächendeckenden Rechtsradikalismus entgegenzustellen.

Die Autorin selbst hat vieles, was die Nachwendezeit betrifft, erst später verstanden. Beispielsweise kann sie sich daran erinnern, dass ihre Grundschullehrerin weinte, weil Sohn und Mann keine Arbeit mehr hatten. Sie hat ihr damals ein Buch gemalt. Dass es sich aber um ein flächendeckendes soziales Phänomen handelte, das hat sie erst viel später so richtig begriffen.

Der Journalist Johannes Nichelmann fragt in seinem in diesem Jahr erschienenen Buch „Nachwendekinder“, warum erst jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, die Leerstelle zwischen den Generationen so sichtbar geworden ist und weshalb die Erzählungen oftmals in Extremen verlaufen: Idyll am Badesee in der Familie einerseits, der Stasiknast bei den Historikern andererseits. Das Nachrichtenmagazin Spiegel fiel in diesem Jahr mit seinem Titel „So isser, der Osten“ durch. Auf Twitter wird über die #Baseballschlägerjahre in den 1990ern diskutiert. Vor einer Veranstaltung in Grevesmühlen zum Thema Stasi wurden noch in diesem Jahr die Podiumsteilnehmer vorab in einem anonymen Telefonanruf beschimpft. Die DDR ist zwar untergegangen, aber noch nicht so ganz weg, auch wenn im nächsten Jahr „30 Jahre deutsche Einheit“ gefeiert wird.

„Umbringen!“

Zurück zum Geschichtsunterricht der Klasse 11 am Gymnasium Grevesmühlen und dem Video. „Was wird thematisiert?“, will Lehrer Reik Unger wissen. Ein paar Hände gehen hoch. „Dass es in der DDR sehr schwierig war, ins Ausland zu reisen“, sagt Torben, der in der hinteren Reihe sitzt. „Vielleicht, dass die DDR versucht hat, dass alle Bürger dableiben und nicht die Möglichkeit bekommen, ins Ausland zu gehen“, ahnt Rieke von weiter vorn. Ron vermutet „Republikflucht“. „Kann man auch so sehen, richtig“, sagt Unger.

Er hat noch etwas mitgebracht, hält ein paar Blätter in die Höhe, fuchtelt damit kurz durch die Luft. Es sind Stasiakten, keine Originale, sondern Unterrichtsmaterial. Gruppenarbeit! Rausfinden, was es für Fluchtgründe gibt! Plötzlich wird es lauter im Klassenzimmer, alle reden durcheinander. Eine Schülerin fragt Unger, was operative Maßnahmen seien. Unger sagt: „Das sind Akten vom Geheimdienst“, und fragt rhetorisch zurück: „Was sind da operative Maßnahmen?“ Von der Seite kommt die Antwort: „Umbringen!“ Der Lehrer entgegnet: „Beschatten, abhören, das sind operative Maßnahmen.“

Ein Mann stützt sein Kinn auf seine Hand. Er steht

Reik Unger: „Das ist immens wichtig für das Bewusstsein einer Demokratie“ Foto: Dagmar Morath

Interessiert die Klasse das Thema, setzen sie sich damit in Zusammenhang? Huan findet es schon gut, würde sich aber mehr für asiatische Geschichte interessieren, sagt er. Lina, die aus Nordrhein-Westfalen kommt, sagt: „Ich denke, das ist ein wichtiger Teil von der Geschichte, und ich find’s gut, dass man das hier im Unterricht auch bespricht – auch wenn wir persönlich uns wahrscheinlich nicht so damit identifizieren können.“ Ein weiterer Mitschüler vermutet, dass die DDR auch die Kindheit geprägt haben könnte, durch Erziehung, im Kindergarten, in der Schule.

Am Ende der Stunde gibt Unger eine Hausaufgabe auf: Bei den Großeltern nachfragen, wie es in der DDR war! Lina ist da wohl schlecht dran. Huan erzählt, dass sein Opa als Gastarbeiter in die DDR kam und nicht darüber rede.

Der Lehrer Reik Unger ist in Anklam zur Schule gegangen, ganz im Osten Mecklenburg-Vorpommerns. Er sagt, er habe als Schüler DDR-Geschichte im Unterricht gehabt, sein damaliger Lehrer sei aus dem Saarland gekommen. Er sei sich nicht sicher, ob sich die Schüler*innen in dem Alter heute für das Thema interessieren. Aber: „Das ist immens wichtig für das Bewusstsein einer Demokratie.“

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