Corona bei Tönnies: Wie die Säue zur Schlachtbank

Der Tönnies-Skandal zwingt uns zum Hingucken. Tier und Mensch verdienen viel mehr Wertschätzung, als ihnen zukommt.

Illustration: Ein Metzger mit blutiger Schürze hängt kopfüber am Haken vor rotem Hintergrund

Illustration: Katja Gendikova

Jetzt schlachtet er wieder. Der größte Schlachthof Europas von Clemens Tönnies in Rheda-Wiedenbrück darf im Einschichtbetrieb mit reduzierter Schlagkraft und mit neuem Sicherheitskonzept wieder Fleisch produzieren. Begleitet war der Neustart von unverschämten Forderungen des Milliardärs und Kote­lett-Kaisers. Tönnies hatte mit dem heftigen Corona-Ausbruch die gesamten Landkreise Gütersloh und Warendorf in Geiselhaft genommen.

Jetzt verlangt er aber allen Ernstes die Rückerstattung der Lohnkosten für den Zeitraum der behördlichen Schließung. Trotz allem: Er durfte seinen Betrieb wieder anfahren, um schon nach wenigen Tagen eine neue Infektionswelle auszulösen. Der Druck war jeden Tag größer geworden, denn in den Ställen der Mäster hatte sich ein prekärer Schweinestau gebildet. Die Abhängigkeit der Fleischproduktion von wenigen Großbetrieben ist eklatant.

Die zehn größten Schlachthöfe Deutschlands liefern 80 Prozent unseres Fleischs. Die Taktung des Tötens wird immer kürzer. Allein Tönnies schlachtet im Jahr 21 Millionen Schweine und fast 500.000 Rinder. Mit erbarmungsloser Effizienz, Tiere sind nur noch Rohstoff, Fleisch wird wie Ziegelsteine hergestellt. Die Coronapandemie hat uns gezwungen, dem System Billigfleisch in die Augen zu sehen.

Nicht aus Mitleid mit den Niedriglohn-Arbeitern in der Schlachtung und Zerlegung, sondern weil die Gefahr bestand, dass die Corona-Hotspots in den Schlachthöfen ganze Landstriche gefährden könnten. Sichtbar wurden jene Nicht-Orte – so werden sie von Berliner Sozialwissenschaftlern genannt –, die sonst außerhalb des gesellschaftlichen Radars liegen, in strukturschwachen Räumen, gut getarnt, fensterlos.

Schlachthöfe sind gesellschaftliche Tabuzonen, im Grunde sogar verbotenes Terrain, oft von Stacheldrahtzäunen und Hundestaffeln gesichert. Wir wissen nicht, wie dort wirklich geschlachtet und gearbeitet wird. Es sind stumme beunruhigende Nicht-Orte. Die Abschottungsstrategie der Schlachthöfe passt perfekt zur Verdrängungsstrategie der Verbraucher*innen. Sie wollen lieber nicht so genau wissen, was dort hinter den Zäunen mit den Blitzmessern und Bolzenschussgeräten passiert.

Zehn Schlachthöfe liefern 80 Prozent unseres Fleischs

Sie wollen nichts sehen, hören und riechen vom blutigen Geschäft – nur so kann dieses System überhaupt aufrechterhalten werden. Es waren in der Vergangenheit fast ausschließlich Tierschutz-Aktivisten, die sich um die Schlachthöfe kümmerten und gelegentlich mit heimlich aufgenommenen Videos per TV blutgetränkte Bilder in unsere Wohnzimmer schickten. Jetzt muss die ganze Gesellschaft hinschauen. Man lupft den Stein und sieht das Gewimmel.

Profitgier und Menschenverachtung haben die Fabriken der Fleischindustrie zu schaurigen Orten der Ausbeutung von Beschäftigten, Tieren und Umwelt gemacht. Sichtbar geworden ist ein verschachteltes System aus Sub-Sub-Subunternehmertum mit dubiosen Werkverträgen; sichtbar geworden ist die Sklavenhaltung osteuropäischer Niedriglohn-Kräfte.

Sie leben oft in containerartigen Verschlägen, verrichten einen gefährlichen Knochenjob, dessen Bezahlung so schlecht ist, dass sich die Arbeiterinnen und Arbeiter auch mit Husten und Fieber zur Arbeit schleppten, wo sie dicht an dicht am Fließband standen. Fast ein Drittel der Beschäftigten sind übrigens Frauen. Jetzt soll alles besser werden. Selbst die Fleischwirtschaft, die ein Verbot der Werkverträge zunächst als „vollkommen unangemessene, willkürliche Diskriminierung“ bezeichnet hatte, beugt sich der Empörungswelle.

Im gesellschaftlichen Diskurs zum Billig­fleischsystem ging es in den letzten Jahren vor allem um Klima und Tierwohl. Auf der Strecke geblieben ist das Menschenwohl. Auch den Gewerkschaften war es nicht gelungen, die Ausbeutung in den Schlachthöfen wirklich zum Thema zu machen. Vorrangig muss es jetzt also um die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen gehen, um die politischen Konsequenzen.

Profitgier und Menschenverachtung

Es geht um Bezahlung, Unterbringung, Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und Menschenwürde für die Schattenarmee unseres Ernährungssystems, die auch unseren Spargel sticht, unsere Erdbeeren pflückt, unsere Weintrauben erntet und auf Schiffen unter Billigflaggen unsere Fische fängt. Ohne diese Schattenarmee würde unser Ernährungssystem zusammenbrechen. Die wirklich dreckigen Jobs haben wir an die unterste Kaste delegiert. 200 Stunden Arbeit im Monat für 1.500 Euro.

Abzüglich Miete, Arbeitsschuhe und -kleidung. Wir sind es ihnen schuldig, nicht nur ihre Bezahlung und Unterbringung, sondern auch ihre Integrations­möglichkeiten und ihr Leben zu verbessern – mit glasklaren Regeln und scharfem Ordnungsrecht. Die vor allem von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner forcierte Politik der ­Freiwilligkeit in der Ernährungsindustrie ist längst gescheitert, wie die unendlichen Debatten zum Tierwohl oder zur Lebensmittelkennzeichnung zeigen.

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will in der Branche aufräumen. Man darf ihm und auch NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) abnehmen, dass sie es ernst meinen. Ohne Frage müssen die Schlachthofbetreiber jetzt selbst ihre Mitarbeitenden anstellen, bezahlen, unterbringen, befördern – und sie müssen für sie die Verantwortung tragen. Unterkünfte und Bezahlung müssen menschenwürdig sein und der gefährlichen, auch psychisch belastenden Arbeit angemessen.

Es braucht eine bezahlte Interessenvertretung, Dolmetscher, geregelte Arbeitszeiten, Tarifverträge. Lauter Selbstverständlichkeiten – eigentlich. Dann wird das Fleisch aber teurer? Ja, dann wird es hoffentlich deutlich teurer und bekommt vielleicht die Wertschätzung, die es verdient. Doch eine echte Reform muss über ein Verbot der Werkverträge und des Subunternehmertums hinausgehen.

Die Fleischerzeugung öffentlicher machen

Es kann nicht sein, dass die Orte unserer Fleischerzeugung weiter Tabuzonen bleiben, die wie Bordelle oder Gefängnisse außerhalb unserer Wahrnehmung existieren. Es geht um den gläsernen Schlachthof. Er impliziert zweierlei. Erstens: das Ende der Abschottung und die Öffnung der Schlachtbetriebe für regelmäßige unangemeldete Kontrollen, für Journalisten und – ja! – für Besuchergruppen. Aber auch – zweitens – das Hinschauen der Gesellschaft auf die blutige Seite ihres Fleischkonsums.

Wann haben wir zuletzt eine echte Reportage aus einem Schlachthof gesehen, gehört oder gelesen? Eben. Ein weiterer notwendiger Baustein der Reform wäre die Stärkung und auch die Wiederbelebung kleinerer, regionaler, dezentraler Schlachthöfe, in denen nicht täglich 30.000, sondern vielleicht nur 30 oder 300 Schweine geschlachtet werden. Sind solche Forderungen schiere Romantik? Träumereien jenseits sich weiter beschleunigender Konzentrationsprozesse?

Nein, sie sind schon aus Gründen der Versorgungssicherheit dringend geboten. Corona hat – auch außerhalb der Schlachthöfe – gezeigt, wie krisenanfällig unser Ernährungssystem ist. Zur Aufarbeitung der Schlachthofmisere gehört vor allem Empathie für die Beschäftigten. Wie weit Teile der politischen Klasse davon entfernt sind, offenbarte der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) mit seiner Formulierung, das bei Tönnies zirkulierende Virus sei ja nicht „in die Bevölkerung“ eingesickert.

Die rumänischen, bulgarischen, mazedonischen und polnischen Arbeiter*innen verdrängt er damit aus der Bevölkerung, sie stehen außerhalb des noch gesunden Volkskörpers. Ebenso grob und unsensibel war seine öffentlich geäußerte Mutmaßung, die Schlachthofarbeiter hätten das Virus nach ihren Urlaubstagen aus dem Ausland mitgebracht und bei Tönnies eingeschleust. So werden Opfer zu Tätern gemacht.

Schmückt das Schwein!

Am Ende ein Blick zurück: In den Dörfern war das Schlachten eines Tieres früher ein großes Fest. Das Schlachtfest wurde gemeinsam begangen. Das Tier wurde geschmückt, bekränzt und von einem Geistlichen gesegnet. Es war ein wertvoller Eiweißlieferant, eine Lebensversicherung gegen Hunger und Mangelernährung. Nach der Segnung wurde es zum Metzger geführt. Auf dem Marktplatz wurde das Tier dann öffentlich geschlachtet, damit jeder sehen konnte, dass das Fleisch wirklich gut und das Tier gesund war.

Anschließend wurde gefeiert. Wie weit entfernt sind wir heute von dieser Wertschätzung nicht nur für unsere Nutztiere, sondern auch für die Metzger, die über Jahrhunderte zu den angesehensten Berufen zählten.

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ist regelmäßiger taz-Autor. In seinem Buch „Leckerland ist abgebrannt. Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur“, Hirzel-Verlag, Stuttgart 2020, geht es auch um Fleisch.

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