Corona-Höchstzahlen in Dänemark: Ein Land rüstet sich für Omikron

Daten aus Dänemark bringen Erkenntnisse über Omikron. Noch vor Weihnachten soll dort jede zweite Neuinfektionen auf die Variante zurückzuführen sein.

Gelbe Wegweiser.

Wegweiser vor einem Test- und Impfzentrum in Kopenhagen am 16. Oktober Foto: Philip Davali/Scanpix/imago

KOPENHAGEN taz | Die Omikron-Variante des Coronavirus steht nicht vor der Tür, sie ist schon da – und in wenigen Tagen schon wird sie dominierend sein. Das konstatierte das staatliche dänische Seruminstitut (SSI) Mitte dieser Woche. Dänemark verzeichnet derzeit täglich neue Rekordwerte bei den Coronaneuinfektionen. Am Freitag meldete das SSI für den Vortag weitere 11.194 positiv Getestete. Relativ zur Bevölkerung entspräche das in Deutschland etwa 160.000 Neuinfektionen.

„Stoppen können wir die Infektionswelle nicht mehr, weil diese Virusvariante super­ansteckend ist“, sagt Jens Lund­gren, Professor für Infektiologie an der Universität Kopenhagen. „Das Einzige, was wir tun können, ist, mit einer Reihe von Maßnahmen den Anstieg der Zahl der Infizierten möglichst abzuschwächen.“

Dänemark ist in der EU führend, was die detaillierte Genom-Sequenzierung des Coronavirus angeht. Deshalb sind die über die dänischen Analysen ermittelten Daten eine recht zuverlässige Grundlage für das Tempo bei der Ausbreitung verschiedener Virusvarianten auch für vergleichbare Länder wie Deutschland. Insgesamt sind in Dänemark 11.559 Omikron-Fälle konstatiert worden mit einem Schwerpunkt in der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen.

Der erste Fall war am 22. November ermittelt worden. Bis zum 27. November wurden täglich zwischen 0 und 4 Fällen analysiert, was 0,0 bis 0,1 Prozent der Neuinfektionen entsprach. Dann begann ein schneller Anstieg. Mittlerweile liegt der ­Anteil bei rund 26,8 Prozent. Das SSI rechnet damit, dass noch vorWeihnachten die 50-Prozent-Marke überschritten sein wird.

„Wir müssen uns wohl damit abfinden, eine so ansteckende Variante zu haben, dass wir uns alle in nur wenigen Monaten angesteckt haben werden“, erklärte Nils Strandberg Pedersen, ehemaliger SSI-Chef, gegenüber der Tageszeitung Berlingske Tidende. „Hat man etwas, das ähnlich ansteckend ist wie Masern, ist das eben nicht zu stoppen.“ Kontaktbeschränkungen könnten das Tempo der Ausbreitung allenfalls verlangsamen.

Menschen stehen in einer Schlange dicht beieinander mit Masken, um sich testen zu lassen

Vor Test- und Impfzentren bilden sich lange Schlangen Foto: Philip Davali/Scanpix/imago

Was aber einigermaßen beruhigend sei: Vermutlich würden sich geboosterte Personen weniger oft anstecken oder zumindest keine schweren Symptome entwickeln. „Auch für Geimpfte wird es schwer sein, sich nicht anzustecken“, sagte SSI-Direktor Henrik Ullum am Donnerstag, „typischerweise wird man eine milde Infektion bekommen, aber man bleibt ansteckend.“

Dänische Zahlen werfen Fragen für Deutschland auf

Die dänischen Erfahrungen mit der „Pandemie in der Pandemie“, so Gesundheitsminister Magnus Heunicke, zeigten, dass selbst eine doppelte Impfdosis nur unzureichenden Schutz vor einer Infektion bietet. Nach am Freitag veröffentlichten Zahlen waren von allen zwischen dem 22. November und 14. Dezember mit Omikron Infizierten 9 Prozent ungeimpft, 78,7 Prozent waren doppelt geimpft und 10,3 Prozent hatten sich sogar trotz wirksam gewordener Booster-Impfung infiziert.

Angesichts der dänischen Zahlen stellt sich die Frage, auf welcher Faktengrundlage die deutschen GesundheitsministerInnen am Dienstag ihre Entscheidung trafen, bei Geboosterten die Testpflicht an Orten mit 2G-plus-Regel weitgehend abzuschaffen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) jedenfalls betonte am Freitag, dass er wegen der Omikron-Variante auch für Deutschland von einer „massiven fünften Welle“ ausgehe.

Die dänische Gesundheitsbehörde reagierte auf die neuen Zahlen mit der Empfehlung, den „dritten Stich“ für alle über 40-Jährigen auf viereinhalb Monate nach der zweiten Impfdosis vorzuziehen. Außerdem wurden die Impfkapazitäten hochgefahren. Nun können auch alle AllgemeinärztInnen und ApothekerInnen impfen. Dänemark hat seit dem 25. November auch als erstes skandinavisches Land die Impfung von 5- bis 11-Jährigen eingeführt. Zudem wurden die Weihnachtsferien auf den 15. Dezember vorgezogen.

Am Freitag präsentierte Ministerpräsidentin Mette Frederiksen dann neue Restriktionen. Von Sonntag bis zum 17. Januar sollen Freizeitparks, Kasinos und Hallenbäder sowie Theater, Kinos, Museen und Tierparks geschlossen werden. Restaurants sollen um 23 Uhr schließen und ab 22 Uhr keinen Alkohol mehr ausschenken dürfen. Außerdem sollen für Gastronomie und Handel an der Geschäftsfläche orientierte Zugangsbeschränkungen eingeführt werden.

Die dänische Gesundheitsbehörde SST hatte am Donnerstag zudem bekannt gegeben, dass Dänemark als erstes EU-Land damit beginnen würde, Covid-19-PatientInnen mit der in der EU noch nicht regulär zugelassenen Tablette Lagevrio (Molnupiravir) des Pharmakonzerns Merck zu behandeln. Das antivirale Mittel verringert die Fähigkeit des Virus, sich zu reproduzieren.

Uni-Klinik beruhigt

Die Situation im dänischen Gesundheitswesen ist noch relativ entspannt. Die Zahl der CoronapatientInnen, die eine stationäre Behandlung brauchen, liegt bei etwas über 500, im Januar waren es knapp 1.000 gewesen. Wenn die Zahl der Covid-PatientInnen steige, werde man möglicherweise chirurgische Eingriffe zurückstellen müssen, aber „wir werden Platz für die Patienten haben, die wegen lebensbedrohlichen Zustands eine akute Behandlung benötigen“, beruhigte der Direktor des Universitätskrankenhauses Odense, Bjarne Dahler-Eriksen. In Sorge ist man beim SSI aber, dass ein Teil des Personals aufgrund eigener Infektion ausfallen könnte.

Gar keine positiven Nachrichten? VerfasserInnen einer dänischen Forschungsstudie, die im European Journal of Pediatrics veröffentlicht werden soll, geben Entwarnung, was mögliche Spätfolgen für Kinder angeht. Laut der weltweit bislang umfassendsten Studie mit 33.000 0- bis 17-jährigen Infizierten erlebten nur 0,8 Prozent Spätfolgen wie Konzentrationsschwierigkeiten, Kopf- und Muskelschmerzen, die länger als vier Wochen anhielten.

Bei nahezu allen waren sie nach ein bis fünf Monaten verschwunden. Nach überstandener Infektion sei es dieser Gruppe sogar ­besser gegangen als einer Kontrollgruppe, die nicht positiv ­getestet worden war: „Diese nicht infizierte Gruppe hatte mehr Konzentrationsschwierigkeiten, Kopf-, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schwindel, Husten, Durchfall, Übelkeit und Fieber als die infizierte Gruppe.“

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