CDU-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt: Herr Schulze von der CDU
Die Umfragewerte der CDU sinken. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steuert sie auf eine Niederlage zu. Was macht Ministerpräsident Schulze dagegen?
„Hallo, ich bin Sven Schulze. Und wie heißen Sie?“ Auf einem Aldi-Parkplatz in Magdeburg streckt der Spitzenkandidat der CDU für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September einem bärtigen Mann in Arbeitshose seine Hand entgegen. Während sie sich begrüßen, schiebt eine Frau ihr Fahrrad vorbei. Ob sie ein Foto mit dem Ministerpräsidenten haben könne? Schulze schaut kurz zur Frau, dann zurück auf dem Bärtigen. Der sagt, er könne warten, und setzt sich nebenan auf eine Mauer in den Schatten.
An diesem warmen Samstagmorgen im August hat die CDU einen Infostand vor dem Discounter aufgebaut. Kameras seien unerwünscht, hieß es vorab, ein Fernsehteam ist schon wieder abgezogen. Schulze wolle in Ruhe mit den Menschen in seinem Wahlkreis sprechen. Wenn gefilmt werde, schrecke das ab. Ein privater Schnappschuss ist aber kein Problem, für das Foto mit der Frau mit Fahrrad lächelt Schulze. Die Ärmel seines weißen Hemdes hat der 47-Jährige hochgekrempelt, sein Handy steckt hinten in der Jeans. Ein paar Meter entfernt stehen zwei Männer in dunkler Kleidung. Personenschützer der Polizei.
Für Schulze läuft es an diesem Morgen entspannter, als seine Umfragewerte erwarten lassen. Seit er vor einem Jahr als Nachfolger des allseits beliebten Landesvaters Reiner Haseloff zum Spitzenkandidaten gekürt wurde, befindet sich die CDU im Abwärtstrend. Im Juni 2025 lag die konservative Partei noch bei 34 Prozent auf dem ersten Platz. Im August kündigte Haseloff seinen Rückzug an und benannte Schulze als seinen bevorzugten Nachfolger. Im September waren es 27 Prozent. Heute liegt die CDU mit etwa 22 Prozent auf dem zweiten Platz – je nach Umfrageinstitut mit 20 Prozentpunkten hinter der AfD.
Im Januar schließlich trat Haseloff zurück und Schulze wurde zum Ministerpräsidenten gewählt. Am Abwärtstrend der CDU änderte das nichts. Amtsbonus? Dafür haben die sieben Monate offenbar nicht gereicht.
Dabei mangelt es Schulze nicht an selbstbewussten Auftritten. Zum Beispiel Ende Juli, der Wahlkampf nimmt schon richtig Fahrt auf, da tritt er gemeinsam mit den Spitzenkandidat:innen Armin Willingmann (SPD) und Lydia Hüskens (FDP) vor die Kameras. Die drei Parteien regieren seit fünf Jahren gemeinsam das Land. Inzwischen kommen sie in Umfragen nur noch auf ein Drittel der Stimmen. Trotzdem erklären sie noch im Juli: Nach der Wahl wollen sie am liebsten in der Koalition weiterregieren. Nach dem gemeinsamen Auftritt halten sie sich mit derlei selbstbewussten Aussagen aber zurück.
Schulze kommt nicht einmal über die Lippen, Siegmund sei ein Rechtsextremist
Zehn Tage vor der Wahl trifft Sven Schulze im TV-Duell beim MDR – jetzt im dunkelblauen Anzug, am Revers eine Anstecknadel mit dem Landeswappen von Sachsen-Anhalt – auf den Mann, der ihn als Ministerpräsidenten ablösen möchte. Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD, wäre der erste rechtsextreme Ministerpräsident der Bundesrepublik. Laut Infratest dimap sind 37 Prozent der Wahlberechtigten in Sachsen-Anhalt mit der Arbeit des 35-jährigen Vorsitzenden der AfD-Landtagsfraktion zufrieden. Und das, obwohl er familiär in den Vetternwirtschaftsskandal der AfD verstrickt ist und Kontakt zu Menschen aus der Neonazi-Szene pflegt.
Das alles könnte Schulze im TV-Duell auf den Tisch bringen. Doch auf die Frage, was er Menschen sage, die Siegmund wählen wollen, antwortet er mit etwas anderem. Die AfD habe kein Konzept für die Zukunft von Sachsen-Anhalt und wolle Frauen „zurück an den Herd“ schicken.
Während der freundlich lächelnde Siegmund im weiteren Verlauf Schulze politisch als „Flachzange“ bezeichnet, kommt Schulze nicht mal über die Lippen, Siegmund sei ein Rechtsextremist. Er umgebe sich „mit sehr gefährlichen, sehr extremen Menschen“, deutet Schulze nur an.
Dann spricht er wieder über seine Politik als Ministerpräsident. „Ich habe geliefert und nicht nur gelabert.“ Als Beispiel nennt er die „Bürgerarbeit“: Langzeitarbeitslose und Asylbewerber:innen sollen in Sachsen-Anhalt verpflichtend arbeiten. Es geht um die Pflege von Grünflächen oder Hilfsarbeiten bei Vereinen. „Jeder, der 'ne Leistung vom Staat bekommt, sollte auch 'ne Gegenleistung bieten“, sagt Schulze. Ende Juni hat er eine entsprechende Vereinbarung für Sachsen-Anhalt unterzeichnet. Wer sich dieser Arbeitspflicht verweigert, muss mit Leistungskürzungen rechnen.
Im TV-Duell will Schulze damit offenbar zeigen, dass er regieren kann. Doch um Ministerpräsident zu bleiben, bräuchte er eine Mehrheit im Landtag – und die ist den Umfragen nach aktuell nicht gegeben. Stand jetzt bräuchte er entweder Stimmen von der AfD oder der Linken. Sich mit deren Stimmen ins Amt zu verhelfen, schließt die CDU aber aus. Schulze sagt deshalb auch, es werde keine Minister:innen der Linkspartei in seinem Kabinett geben. Wenn er allerdings auf Podien steht, fällt auf, dass er Linken-Spitzenkandidatin Eva von Angern deutlich weniger angeht als den AfDler Ulrich Siegmund.
„Jeder, der 'ne Leistung vom Staat bekommt, sollte auch 'ne Gegenleistung bieten“
„CDU? Um Gottes willen!“
Zurück in seinem Wahlkreis in Magdeburg. Hinter ein paar Bäumen ragen Plattenbauten hervor. Aus einer anliegenden Bäckerei zieht der Duft frischer Brötchen herüber. Vor der heißen Augustsonne schützt den Infostand ein Schirm in der orangen Farbe des CDU-Landesverbands Sachsen-Anhalt. Fünf Wahlhelfer:innen der Union haben sich rund um den Eingang zum Discounter verteilt, in den Händen halten sie aufgefächert die orangen Flyer mit dem Foto von Sven Schulze. An drei Stellen „bittet“ er darin „um Ihre Unterstützung“. Passend zu den Frühstücksbrötchen gibt es als Give-away auch Marmelade: Bitter Orange.
Mit abwehrender Geste und ohne die Flyer eines Blickes zu würdigen, läuft ein Mann mit Käppi an den Helfer:innen vorbei. Seine Stimme gehe an die AfD, sagt er, und verschwindet im Aldi. Eine Frau mit großer Einkaufstasche ruft: „CDU? Um Gottes willen!“ Eine andere Frau tritt auf Schulze zu. „Machen Sie weiter, diesen Idioten von der AfD braucht keiner“, sagt sie. Der CDU-Politiker lächelt.
Als Schulze vor einem Jahr zum Spitzenkandidaten wurde, war die Bekanntheit sein Problem. Oder besser: Seine mangelnde Bekanntheit. Er stammt aus dem kleinen Ort Heteborn in Sachsen-Anhalt, engagierte sich für die CDU im Gemeinderat und wurde Landesvorsitzender der Jungen Union. 2014 zog er ins Europäische Parlament ein, 2021 wurde er Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt. Trotzdem kannte ihn laut Infratest dimap ein Jahr vor der Wahl nicht mal jede:r Zweite im Bundesland.
Seitdem ist Schulze häufig in der Öffentlichkeit. Er besucht Talkshows, wird in der Satiresendung „heute-show“ auf den Arm genommen, spricht bei einem Interview in der Illustrierten Bunte gemeinsam mit seiner Frau über das Erfolgsrezept ihrer Ehe, radelt öffentlichkeitswirksam mit dem Mountainbike durch Sachsen-Anhalt, beantwortet Fragen der rechten Propagandaplattform Nius.
Auftritt mit Hallervorden
Bei vier Terminen stand Schulze mit dem 90-jährigen Kabarettisten Didi Hallervorden auf der Bühne, der erklärt hatte, er wolle sein „kleines Gewicht“ in die Waagschale werfen, um die erste AfD-Regierung in Deutschland zu verhindern. Doch schon beim ersten Auftritt kritisierte der Kabarettist die aktuelle Bundesregierung von Friedrich Merz (CDU). Wenn der glaube, dass Krieg sich lohne, solle er auf dem Mond kämpfen, sang Hallervorden in einem Liedchen.
Prompt folgte Kritik an Hallervorden von der Bundes-CDU. Doch Schulze ging noch dreimal mit ihm auf die Bühne. Er teile nicht dessen Meinung, aber das sei auch kein Problem. Hallervorden genieße schließlich Kunstfreiheit.
Doch auch Schulze selbst kritisiert die Regierung von Merz; ganz konkret etwa bei der geplanten Rentenreform. Ende Juni hatte er auf Instagram noch geschrieben, er unterstütze die Vorschläge. „Jetzt kommt es darauf an, sie zügig umzusetzen.“ Dann änderte er seine Meinung.
Ein zentrales Vorhaben der Reform ist, den abschlagsfreien Ruhestand nach 45 Beitragsjahren abzuschaffen. Im August erklärte Schulze gemeinsam mit den CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen: Das ist eine schlechte Idee. Die Menschen in Ostdeutschland würden unter diesem Vorhaben besonders leiden. Darum wollten die Ministerpräsidenten im Bundesrat dagegen stimmen. Geändert hat das an Schulzes Umfragewerten nichts.
Auf dem Aldi-Parkplatz geht der CDU-Spitzenkandidat nach einem weiteren Foto mit einem Wähler schließlich zu dem Mann in Arbeitshose, der geduldig im Schatten gewartet hat. Die beiden reden etwa eine halbe Stunde lang, der Bärtige erzählt von seinem Job, bei dem er Maschinen reinigt. Schulze sagt: „Ich habe ja viele Jahre als Ingenieur gearbeitet, wir haben Maschinen aufgebaut.“ Als Vertriebsleiter sei er früher viel im Land unterwegs gewesen, erzählt Schulze. Der Mann sagt, er müsse auch ständig durch die Gegend fahren. „Da kennst du wahrscheinlich jede Autobahn?“, fragt Schulze, und der bärtige Mann lacht. Fast jede.
Im Verlauf des Gesprächs stellt sich heraus, der Mann hat noch nie CDU gewählt. Wolle er auch nicht. Gregor Gysi, der dienstälteste Bundestagspolitiker von den Linken, der sei für ihn Kult. Dieses Jahr überlege er allerdings, ob er taktisch den Grünen seine Stimme gebe, damit die in den Landtag kommen. Seine größte Sorge sei die AfD.
Beim Direktmandat im Wahlkreis Magdeburg West habe die Linke keine Chance, sagt der CDU-Spitzenkandidat. Da heiße es: entweder AfD oder Sven Schulze. Deshalb solle der Mann ihm die Erststimme geben. „Und mit der Zweitstimme kannst du wen anders wählen.“ Der Mann überlegt kurz. Dann sprechen sie noch über Sozialpolitik.
Zum Abschied schenkt er Schulze zwei Kugelschreiber mit seinem Firmenlogo. Schulze lacht. „Das ist das erste Mal, dass ich was kriege.“
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