Bücher, so viele Bücher: Zu viel Besitz macht nervös
Wohin mit all den Büchern, die schon gelesen sind und die nie mehr irgendwer aufschlagen wird? Im Hausflur abgelegt finden sie vielleicht neue Besitzer.
B ücher stapeln sich in einer Ecke meines Arbeitszimmers. Viele habe ich vor längerer Zeit gelesen, weiß aber heute nicht mehr, warum. Andere werde ich nie lesen. Auch wenn mensch niemals nie sagen sollte. Die über Tage angehäufte Entschlossenheit, die von den Bücherstapeln ausgeht, tut mir gut. Ich verkleinere mich und optimiere meine Bedürfnisse, indem ich mich von einem überflüssig gewordenen Teil meiner selbst trenne. Der eigennützige Wunsch, durch raumhohe Regale nach außen Gelehrsamkeit zu demonstrieren, tritt hinter dem eigensinnigen Wunsch nach innerlicher Balance zurück.
Zu viel Besitz macht nervös. Ich fühle mich erdrückt von meinem materiellen Ich. Also muss ich den abstumpfenden Überfluss loswerden. Aber wie bloß? Ich frage in meinem Umfeld herum. Aber alle winken ab. Die meisten haben mit ihren eigenen Besitztümern zu kämpfen. Alternativ könnte ich die Bücher verkaufen. Aber das ist einerseits mühsam, andererseits beschämend. Ich kaufe die meisten Bücher gebraucht und kenne die entsprechenden Portale. Aber für das Kleingeld, was ich bekommen würde, mag ich sie nicht abgeben. Dafür sind sie mir dann doch zu wichtig.
Ich entscheide mich, sie zu verschenken, und lege sie im Hausflur ab. Das machen auch die Nachbarn. Immer wieder finde ich interessante Bücher, die ich spontan oft lieber lese als die eigenen von der ewigen Warteliste. Auf dem Weg zu einer Verabredung verteile ich einen Stapel auf den Briefkästen. Eine Galerie des Wissens als Ausdruck sinnhafter Umverteilung. Als ich kurze Zeit später wieder komme, sind alle Bücher weg. Ich bin zufrieden mit mir. Der nicht kommerzielle Kreislauf der Dinge funktioniert.
Oben in der Wohnung treffe ich meine Tochter. Ich habe ganz vergessen, dass sie am Nachmittag zu Besuch kommen wollte. Zum Glück ist sie beschäftigt. Sie ist ein ausgewachsener Büchermensch und hat immer Appetit. „Schau mal“, sagt sie und strahlt mich an, „die Bücher habe ich unten im Hausflur gefunden. Ist das nicht toll?“
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