Was Autor:innen inspiriert: Schreibende sind auch nur Lesende
In der Berliner Veranstaltungsreihe „Vorgemerkt.“ stellen Autor:innen Werke aus dem Bibliotheksbestand vor, die bei ihnen Eindruck hinterlassen haben.
Jugendliche mit Capri-Sonne und aufgeschlagenen Lernbüchern sitzen vor dem Pop-up-Haus der Amerika-Gedenkbibliothek in Berlin. Drinnen arbeiten andere Besucher*innen noch an ihren Laptops. Kurz vor 18.30 Uhr füllt sich der Saal, Stühle werden hereingetragen, die Stimmung ist lebhaft. Autor*in Hengameh Yaghoobifarah ist an diesem Abend zu Gast in der AGB bei der Veranstaltungsreihe „Vorgemerkt.“
Dass „Ray of Light“, Madonnas Album aus dem Jahr 1998, oft im Hintergrund lief, während Yaghoobifarah den Roman „Schwindel“ schrieb, erfährt das Publikum da als Erstes. Auch, dass Yaghoobifarah in der Pubertät einen Crush auf die Popikone hatte.
Mitgebracht hat Yaghoobifarah außerdem den Film „Alles wird gut“, der 1998 in der ARD gelaufen sei, damals eine der wenigen Geschichten über queere Schwarze Menschen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Und Anne Carsons Buch „If Not, Winter: Fragments of Sappho“. Kein Lateinlehrer wie bei Carson, sondern die Manga-Heldin Sailor Moon habe Yaghoobifarah zum Schreiben gebracht, von der kanadischen Autorin habe Yaghoobifarah jedoch gelernt: „Starte in der Mitte.“
Es ist die zweite Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Vorgemerkt.“ in der Amerika-Gedenkbibliothek, bei der Autor*innen eingeladen sind, Lieblingsbücher und Medien aus dem Bestand der Zentral- und Landesbibliothek Berlin vorzustellen und mit Autor*in und Moderator*in Luca Mael Milsch über Literatur, Inspirationen, ihre Arbeit und ihre aktuellen Veröffentlichungen zu sprechen. Zu den nächsten Gästen gehören Sharon Dodua Otoo, Heike Geißler und Mohamed Amjahid.
„Was lesen diejenigen, die von uns gelesen werden?“ – diese Frage brachte Milsch auf die Idee für „Vorgemerkt.“. Milschs Vision: mit Autor*innen durch die Regale einer Bibliothek zu gehen und nach den Büchern zu greifen, die sie geprägt haben.
„So romantisch ist das nicht. Aber fast“, sagt Milsch und lacht. Fünf Medien aus dem Bibliotheksbestand wählen die Autor*innen aus. Bücher können das sein, DVDs, Musik-CDs, Spiele, Gegenstände aus der „Bibliothek der Dinge“ und sogar Kunstwerke aus der Artothek. Die Gäste erzählen außerdem – aus Instagram und live – von ihrer Beziehung zu Bibliotheken.
Orte der Begegnung und des Austauschs
Bibliotheken seien antikapitalistische Orte, betont Milsch: „Sie sind für alle zugänglich und bieten Raum für Begegnung und Austausch.“ Viele Autor*innen hätten dort erst ihre Leidenschaft für Literatur entdeckt. So zum Beispiel die im Ruhrgebiet geborene Schriftstellerin Lena Schätte, die mit ihrem Roman „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“ 2025 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand. Für „Vorgemerkt.“ ist Schätte Mitte Mai aus Erfurt angereist, wo sie derzeit Stadtschreiberin ist.
„Bei mir zu Hause waren Bücher nur etwas für den Urlaub“, erzählt sie. „Aber ich habe Kassetten, Filme und Theater geliebt.“ Als sie dann mit 15 eine Adaptation von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“ im Theater gesehen habe, sei für sie klar gewesen: „Ich möchte auch so was schreiben.“
„Vorgemerkt.“ Amerika-Gedenkbibliothek Berlin. Nächster Gast: Sharon Dodua Otoo, 19. Juni, 18:30 Uhr
Bergmans Film hat Schätte für den Abend nicht ausgeliehen. Dafür bringt sie andere Titel mit. Einer davon ist Aglaja Veteranyis Roman „Warum das Kind in der Polenta kocht“, die Geschichte eines Zirkusmädchens, das aus Rumänien fliehen muss. Das Buch habe Schätte im ersten Jahr ihres Studiums am Deutschen Literaturinstitut Leipzig aus ihrer Langeweile befreit: „Es hat mir die Freude am Lesen zurückgegeben und hat mir gezeigt, wie man autofiktionale Geschichten schreibt.“
Auch zwei Bücher von Hape Kerkeling stellt Lena Schätte an diesem Abend vor. „Wie ein gutes Fangirl bin ich den Jakobsweg genau wie er gegangen“, erzählt sie.
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Bei Schätte wie auch bei Hengameh Yaghoobifarah macht sich das Publikum Notizen, googelt die erwähnten Werke, fotografiert sie. „Anders als bei einer klassischen Lesung kommen sich hier Autor*innen und Leserinnen sehr nah“, sagt Luca Mael Milsch. Es sei eine intimere Runde, fast wie ein Gespräch unter Freund*innen, aus dem man mit neuen Tipps nach Hause gehe.
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