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Bremerhaven soll Militärhafen werden Lasst Soldaten um uns sein!

Kommentar von

Benno Schirrmeister

In Bremen regiert die militärkritische Linke mit. Doch gerade dank fehlender Kriegsbegeisterung eignet sich Bremerhaven für den neuen Marinehafen.

J etzt war also Boris Pistorius (SPD) in Bremerhaven. Der Bundesverteidigungsminister hat dort die Marineoperationsschule besichtigt und den Baufortschritt beim militärischen maritimen Logistik-Hub gelobt, in das aus dem Bundeshaushalt 1,35 Milliarden Euro fließen.

Anschließend übte er sich auf einer Pressekonferenz in vielsagender Zurückhaltung bei der Frage, die im Zweistädtestaat (Bremen und Bremerhaven) am meisten interessiert: Wo soll der zweite Nordseestützpunkt hin, den Deutschlands Marine ja erhalten soll? Der Standort Bremerhaven gilt als vielversprechender Anwärter. Das ein Stück weiter westlich an der Küste gelegene Emden, das diese Funktion vor 29 Jahren verloren hat, aber auch.

Klar, die im Lande Bremen mitregierende Linke und ihre Verbündeten hatte noch vor zwei Jahren sehr vehement gegen Bundeswehrwerbung an örtlichen Schulen protestiert. Auch lässt das SPD-Landesoberhaupt seit 15 Jahren am 8. Juli die Flagge der „Mayors of Peace“ hissen. Aber ehrlich, einen eigenen Marinehafen, wo es doch mit dem Windkraftterminal nicht geklappt hat, das wäre natürlich toll. Finden alle.

Überall beansprucht der Militarismus die Vorherrschaft. Er wird damit zum Gegner der bürgerlichen Gesellschaft

Ludwig Quidde, Bremer Nobelpreisträger (Frieden)

Das kann man als inkonsequent rügen. Aber Konsequenz ist ohnehin nur bei Barbaren und Terroristen eine gelebte und vor allem freudig gestorbene Tugend. Umgekehrt läuft derjenige Gefahr, eine Soldateska, also einen disziplinlosen, verwilderten Haufen von plündernden Soldaten heranzuzüchten, der Truppen und Kriegsschiffe nur da ansiedelt, wo ihnen Bewunderung und Begeisterung entgegenschlägt. Armeeangehörige sollten nicht auf eine zivile Gesellschaft stoßen, die Krieg für eine gute Sache hält, oder an den guten Krieg glaubt.

Es gibt keinen guten Krieg

Den gibt es nicht. Das hat Edgar Morin, der im Frühjahr kurz vor seinem 105. Geburtstag verstorbene französische Denker der Komplexität, in seinem vor drei Jahren verfassten Buch „Von Krieg zu Krieg“ festgestellt. Morin blickt darin zurück auf seine Zeit als Offizier der Résistance. Geboren als Edgar Nahoum hatte er unter diesem Kampfnamen ab 1942 den Rang eines Oberstleutnants inne. Im besetzten Deutschland gehörte er zum Stab des Oberkommandos.

In seinem schmalen, späten Werk (er hat danach nur noch fünf weitere Bücher veröffentlicht) macht der Philosoph die Erfahrung stark, dass man selbst in einem so unzweifelhaft für das Gute geführten Krieg als Kämpfer eben auch das Böse tut; dass eben „jeder Krieg über das Maß des militärisch legitimen hinausgehende Verbrechen beinhaltet“.

Diese Einsicht bezog er auf den damals noch jungen Krieg Russlands gegen die Ukraine. Dass Letztere auch vor Sabotageakten an Pipelines von Verbündeten nicht zurückschreckt, scheint die Einschätzung inzwischen zu bestätigen: Krieg bleibt kacke, auch wenn er gut ist. Und militärische Einrichtungen produzieren ihn, im besten Fall, weil er unumgänglich ist. Man muss sie also wollen, auch wenn sie ein Übel sind. Aber eben halt ein notwendiges.

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Das ist das Gegenteil von Heroisierung, Kriegstreiber- oder Hofreiterei. Und das Land Bremen, Heimat des Friedensnobelpreisträgers Ludwig Quidde, ist prädestiniert dafür, diese zerknirscht-resignative Haltung zu militärischen Einrichtungen zu bewahren. Es hat auch Übung darin, diese kognitive Dissonanz zu leben: Von derzeit etwa 60.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Rüstungsindustrie sind knapp 10.000 in Bremen angesiedelt, fast 17 Prozent. Trotzdem regieren eben nicht die Reserveoffiziere und Militärpolitiker der CDU das kleine Land: Die Präsidenten des Senats waren Zwangsrekrutierte, Gelöbnisstörer, Konversionsforscher, Kriegsdienstverweigerer und Zivis.

Keine kritiklose Verbrüderung

Das sorgt für eine stabile und segensreiche kulturelle Distanz. Sie verhindert, dass wirtschaftliche Abhängigkeit in kritiklose Verbrüderung umschlägt oder in die liebesdienerische Anschleimerei des Militarismus. Denn der beansprucht, wie Quidde ja geschrieben hat, „überall die Vorherrschaft“. Er beseitigt die Vielfalt der Meinungen, also die Freiheit, die von der Bundeswehr doch verteidigt werden soll: Kurz, er ist der „Gegner der bürgerlichen Gesellschaft“.

Bremen ist dagegen immun. Deshalb ist es das Bundesland, das die branchenübliche Korruption der Rüstungsunternehmen – zu seinem eigenen Profit! – am beharrlichsten verfolgt. Und deshalb kann es auch einen Militärhafen verkraften, ohne scheiße zu werden. Vor allem, wenn dabei genug Geld für die klamme Hansestadt rausspringt.

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Benno Schirrmeister Reporter und Redakteur

Jahrgang 1972. Seit 2002 bei taz.nord in Bremen als Fachkraft für Agrar, Oper und Abseitiges tätig. Alexander-Rhomberg-Preis 2002.
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1 Kommentar

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  • Mutig. Im guten - nicht im preußischen - Sinn. Danke.