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Bremer Stadtmusikanten übergossenProzess gegen Klimaaktivisten fällt aus

Fabian B. war Mitglied der Letzten Generation und verbringt seitdem viel Zeit in Gerichtssälen. Aufgeben will er trotzdem nicht.

Im Juli 2024 hat Fabian B. zusammen mit zwei weiteren Mitgliedern der Klimaschutzbewegung Letzte Generation die Figuren der Stadtmusikanten am Bremer Marktplatz mit schwarzer Farbe übergossen. Über zwei Jahre später, am 25. August 2026, hätte er sich vor dem Bremer Amtsgericht wegen Sachbeschädigung verantworten müssen – aber das Verfahren ist eingestellt worden. Für Fabian B. ist das wichtig und unwichtig in einem: ein Tag vor Gericht weniger. Aber die nächsten stehen schon in seinem Kalender, es sind nicht wenige und dann wird es um mehr als Sachbeschädigung gehen.

Das Leben von Fabian B., findet derzeit vor allem nach, während und vor Gerichtsterminen statt und es lohnt sich hinzuschauen, weil er damit typisch ist für die Mitglieder der Letzten Generation. Und weil sich für ihn wie für alle anderen die Frage stellt: Lohnt es sich weiterzumachen, während man Ex­per­t:in wird für Gerichtskosten, Strafbefehle und die Strafobergrenzen für Bewährungsstrafen?

Wenn man mit Fabian B. über die Prozesse spricht, klingt es wie ein Kollateralschaden, den er abhandelt, während er mit Wichtigerem beschäftigt ist.

Das Verfahren vor dem Bremer Amtsgericht gegen B. ist nur eingestellt worden, weil die erwartete Strafe wegen anderer, bereits erteilter Strafen nicht ins Gewicht fällt. Wenn man mit Fabian B. über die Prozesse spricht, klingt es wie ein Kollateralschaden, den er abhandelt, während er mit Wichtigerem beschäftigt ist: „Ich möchte nicht resignieren“, sagt er. „Ich sehe es als meinen Auftrag, eine lebenswerte Zukunft zu erhalten.“

Die Pressesprecherin des Widerstandskollektivs, dem er sich angeschlossen hat, sagt mit einer gewissen Anerkennung am Telefon, dass Fabian B. bei „High-Level-Blockaden“ dabei gewesen sei – zweimal Köln, Sylt und Kassel –, wofür es empfindliche Strafen gebe, dabei habe er doch ein kleines Kind.

Für B. scheint der Blick auf Kinder einer der Gründe zu sein, weiterzumachen. „Wir müssen die Kinder resilienter machen“, sagt er, schließlich sei der Hitzesommer ein Vorbote für das, womit sie werden leben müssen. B. macht deshalb eine Ausbildung im Kindergarten, doch die Prozesstage führen immer mal dazu, dass er in der Berufsschule fehlt.

Fabian B. ist zur Stelle, aber er fragt sich, ob es der Rest der Gesellschaft auch ist. Die Medien etwa, die nur berichten, wenn Klick-Zahlen winken und nicht dann, wenn ein Verfahren eingestellt wird. Kürzlich hat eine überregionale Zeitung getitelt: „Wo ist die Klimabewegung?“, und man hört B. an, dass er ihr den Text übel nimmt. „Wir sind noch aktiv“, sagt er. „Ihr habt uns durch den Dreck gezogen.“

Wirklichkeit ist wie immer unangenehm kompliziert

Nach der Farbattacke auf die Stadtmusikanten hat das Regionalmagazin „buten und binnen“ berichtet, woraufhin sich ein Galerist aus Usedom meldete und die 240 Euro bezahlte, die die Feuerwehr für die Reinigung berechnet hat. Als Laie ist es nicht direkt zu verstehen, warum damit nicht das Verfahren hinfällig war. Tatsächlich ist es ein Grundprinzip des Strafrechts, dass eine Straftat auch dann verfolgt wird, wenn der Schaden bereinigt ist. Was im Fall von Fabian B. mutmaßlich hinzukommt, ist die Tatsache, dass er noch unter Bewährung steht.

Dem Bremer Amtsgericht ist nichts vorzuwerfen, auch die späte Einstellung des Verfahrens nicht, weil der Antrag dazu erst spät bei ihm ankam. Die Wirklichkeit ist wie immer unangenehm kompliziert. Die Strategie der Letzten Generation, sich auf einen Notstand zu berufen, ist juristisch nicht aufgegangen. Das andere: In Berlin, das hat eine Anfrage an die Justizverwaltung ergeben, ist immerhin die Hälfte der rund 5.700 Verfahren gegen die Letzte Generation eingestellt worden. Vielleicht ist nur eines wirklich klar: Es wäre ein katastrophaler Ressourcenverlust, wenn weite Teile der Klimabewegung in Gerichtsfluren verloren gingen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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12 Kommentare

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  • David Lejdar

    Bei Kleinschaden bin ich eher dafür, sowas mit Strafzettel zu ahnden (wenn dazu Absicht bestand).

    Und was die Gruppe "Letzte Generation" betrifft, wenn sich jeden Tage vor Bundestag stellen/setzen, und/oder Briefkampagne an Abgeordnete, dann wäre das weit eher im zivilen Rahmen von Protesten, bzw. was ich als "politischen Aktivismus" bezeichne - wo man sich auch selbst mit Fragen befassen kann, wie z.B. was so ein eKessel an Strom verbraucht, für Fernwärme in Berlin.

    Oder Vorschlag ausarbeiten. Mein Approach ist, paar staatliche Technik-Ingenieure, die sich eben solche Fragen genau ansehen, während z.B. die großen Autokonzerne da eigentlich schon Milliarden übrig hatten, mit denen locker Produktion von wie eTribike-Autos bewerkstelligt - welche wohl kostengünstiger, und nicht Tonnen an Fahrzeug in Stadtstraßen, mit welchem sich Anzahl an Unfällen nicht erhöhen mag, aber größeren Schaden verursacht, als wenn das Fahrzeug-Gewicht verringert wird.

  • Perkele

    Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die sich unsere Justiz/Staat erlaubt: die Klimakämpfer*innen werden gnadenlos und oft auch schikanös verfolgt. Dabei setzen gerade diese Aktivist*innen FÜR die Belange der Menschen ein. Die Verursacher der Klima- Umwelt- und Naturschäder zählen nur ihre Profite une werden von Politik und Justiz verschont. Ein Skandal!!!

    • Ohne_Mitte_geht_nix

      @Perkele:

      Hallo? Sie empfinden es als Skandal, wenn Straftaten verfolgt werden? Und Whataboutism hilft nie weiter. Macht die AfD auch sehr gerne. Da liegen Sie mit dieser Partei schonmal auf einer Linie.

      • Perkele

        @Ohne_Mitte_geht_nix:

        Das ist starker Tobak und ich verwahre mich ausdrücklich dagegen mit Faschisten in einen Topf geworfen zu werden. Das ist ehrenrührig. Es ist kein Whataboutismus, wenn man einen Vergleich zieht, jedenfalls nicht immer, automatisch.



        Selbstverständlich gehören Straftaten verfolgt, aber ALLE und nicht nur die, die den Protagonisten der Macht gefallen.

    • Chaos-NRW

      @Perkele:

      Was ist daran bitte ungerecht oder ein Skandal? Wer Straftaten begeht, gehört vor Gericht. Nichts anderes passiert hier.

      • Perkele

        @Chaos-NRW:

        Ja. Wer Straftaten begeht, gehört vor Gericht. Die Klimaaktivisten werden zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt, obwohl bis dahin unbescholten. Die Cum-Ex Betrüger hingegen laufen frei herum und werden gar nicht oder nur pflaumenweich behandelt. Ist das Gerechtigkeit?

        • Martin Sauer

          @Perkele:

          Cum Ex Betrüger laufen frei herum? Nein das ist völlig verkehrt. Ein Manger der Warburg Bank ist in zwei verschiedenen Verfahren zu jeweils 8 Jahren Haft verurteilt worden. Das wurde dann zu 10 Jahren zusamengezogen. Und es gibt sehr viele weitere Urteile ohne Bewährung zwischen 3 und 6 Jahren Haft. (google hilft) Es laufen Zb. in Frankfurt Gerichtsverfahren gegen 39 Beschuldigte. Die läßt man nicht laufen

          Und wenn Sie hier schreiben, nicht vorbestafte Klimakleber werden zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt ist das eine glatte Lüge. Bei der ersten Verurteilung gibt es in der Regel eine Geldstrafe. Danach weitere Geldstrafen oder Bewährungsstrafen. Aber wer 40 mal !! an Blockaden teilnimmt, der kommt nicht mehr mit Bewährung davon

          www.energiezukunft...-fuer-sitzblockade



          Für seine Teilnahme an 40 Aktionen in den Jahren 2022 und 2023 soll der Klimaaktivist ein Jahr und acht Monate ohne Bewährung in Haft

          • Perkele

            @Martin Sauer:

            Das sind die Ausnahmen in diesem Komplex. Die wirkliche Aufklärung der Verbrechen wird seitens des Staates verhindert. Fragt mal Frau Brorhilker....

        • Hector Savage

          @Perkele:

          Hanno Berger: 10 Jahre Haft, mehrere Millionen Einziehung



          Ulf Johannemann: 3,5 Jahre Haft



          Kai Uwe Steck: "nur" 1,5 Jahre Haft (Kronzeuge) und 23,5 Millionen Einziehung



          Diverse Banker der Maple Bank: 4-5 Jahre Haft



          etc. pp

          Jetzt tun Sie uns bitte den Gefallen und versuchen es noch mal ohne Whataboutism (s.o.).

          • Martin Sauer

            @Hector Savage:

            Langericht Frankfurt 39 Klagen gegen CUM Ex Betrüger zugelassen.

        • Chaos-NRW

          @Perkele:

          Der Hauptdrahtzieher von Cum-Ex, Hanno Berger, ist zu zehn Jahren Haft verurteilt. Meines Wissens nach sind alle bisherigen Verurteilten zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden, sogar diejenigen, die mit ihrem Geständnis maßgeblich zur Aufdeckung beigetragen haben. Viel weitere werden noch folgen. Leider hat Frau Brorhilker die meisten Akten im Schrank verstauben lassen und sich nur um einige wenige medienwirksame Verfahren konzentriert.

          Und die Klimaaktivisten: Der Strafen ohne Bewährung liegen vor allem an ihnen selbst. § 56 StGB sagt eindeutig, dass Voraussetzung für Bewährung ist, dass die Verurteilten sich die Verurteilung zur Warnung dienen lassen und künftig keine Straftaten mehr zu erwarten sind. Wer im Gerichtssaal stolz verkündet, dass er genauso weiter machen will, erfüllt diese Voraussetzungen eben nicht.

          Das ist Gerechtigkeit!

          • Martin Sauer

            @Chaos-NRW:

            Genau genommen ist Hanno Berger zu 16 Jahren verurteilt worden. In zwei verschieden Verfahren zu jeweils 8 Jahren Haft. Da die Höchstrafe aber bei Steuerbetrug 10 Jahre ist wurde das auf 10 Jahre zusammengezogen. Es gab keinerlei Milderungsgründe,.