Brandkatastrophe in Crans-Montana: Sprühfontänen zu nah an der Decke
Staatsanwältin geht davon aus, dass brennende Kerzen auf Flaschen das Feuer ausgelöst haben. Brandschutz wird untersucht. Identifizierung der 40 Toten dauert.
dpa/ap/afp/taz | Die Fotos sind klar und erschreckend. Sie zeigen junge Menschen ausgelassen feiernd in einer Bar. Sektflaschen mit sprühenden Wunderkerzen werden hochgehalten. Auf einem Bild sitzt eine junge Frau auf den Schultern eines anderen Barbesuchers. Auf dem anderen sieht man, dass die niedrige Decke des Raumes offenbar Feuer gefangen hat.
Laut dem französischen Sender BMFTV, der die Fotos verbreitet hat, wurden sie in der Neujahrsnacht von Besucher:innen im Kellerraum der Bar „Le Constellation“ in Crans-Montana aufgenommen – unmittelbar bevor sich das Feuer rasend schnell ausbreitete.
Weitere am Freitag ins Netz geteilte Videos belegen diesen Ablauf. Eins zeigt, wie ein an der Decke angebrachter Schallschutz bereits brennt. Ein junger Mann versucht das Feuer mit einem Tuch auszuschlagen, andere filmen mit ihren Handys die Szene. Mehrfach hört man jemanden auf Französisch rufen: „Es brennt“.
In der Silvesternacht waren bei dem Brand in einer Bar mit Hunderten zumeist jungen Feierenden 40 Menschen ums Leben gekommen, 119 weitere wurden verletzt. Rund 80 von ihnen sollen sich Berichten zufolge im kritischen Zustand befinden. Die Zahl der Opfer ist nach Angaben der Ermittler:innen aber immernoch nicht endgültig.
Ermittler:innen bestätigen den Eindruck der Bilder
Am Freitagnachmittag haben die Ermittler:innen erstmal bestätigt, dass die Kerzen auf den Flaschen offenbar das Feuer ausgelöst haben. Es würden zwar weiterhin mehrere Hypothesen überprüft, sagte die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Béatrice Pilloud bei einer Pressekonferenz. „Tatsächlich deutet alles darauf hin, dass das Feuer ausgegangen ist von Tischfeuerwerken, von Sprühfontänen, die auf Champagnerflaschen aufgesetzt wurden und zu sehr in die Nähe der Decke gekommen sind“. Das habe die Auswertung von Videos und von Zeugenaussagen ergeben.
Dann habe sich das Feuer ausgebreitet, schnell und total, sagt Pilloud. Bereits am Vortag hatte die Polizei mitgeteilt, dass es einen Flashover-Effekt gegeben habe, bei dem blitzschnell extrem hohe Temperaturen entstehen.
Bei dem verheerenden Silvesterbrand in einer Bar im Schweizer Ski-Ort Crans-Montana haben sich die Flammen Augenzeugen zufolge rasend schnell ausgebreitet und den Party-Ort im Untergeschoss des zweistöckigen Lokals für zahlreiche Menschen in eine tödliche Falle verwandelt. Die Regierung des Kantons Wallis erklärte, infolge des Brandes sei es zu einem sogenannten Flashover gekommen, „der nach ersten Erkenntnissen eine oder mehrere Explosionen zur Folge hatte“.
Laut der Non-Profit-Internetplattform Brand-Feuer.de handelt es bei einem Flashover um einen heftigen Flammenüberschlag, auch Feuersprung genannt. Das Institut der Feuerwehr Nordrhein-Westfalen spricht von einem Phänomen „der extremen Brandausbreitung“. Es entsteht, wenn sich in einem geschlossenen Raum sogenannte Pyrolysegase ansammeln. Bei Pyrolyse handelt es sich um die Spaltung organischer Verbindungen durch große Hitze.
Ab einer Temperatur von etwa 600 Grad entzünden sich die dabei entstehenden Pyrolysegase im gesamten Raum schlagartig – ein Vorgang, den Brandschutz-Experten als „Durchzünden“ bezeichnen. Aus dem Entstehungsbrand wird so ein Vollbrand, bei dem schnell Temperaturen von über 1000 Grad entstehen. „Nach einer Raumdurchzündung brennen die Oberflächen aller brennbaren Materialien im Raum“, heißt es in einem Schulungsdokument des nordrhein-westfälischen Feuerwehrinstituts.
Nicht nur der Brandraum steht dann schlagartig in Flammen, sondern die Flammen schlagen „auch meistens mit erheblicher Wucht nach außen“, wie auf Brand-Feuer.de ausgeführt wird. Ein Flashover-Effekt ist daher nicht nur für die Menschen in dem brennenden Raum, sondern auch für die Einsatzkräfte der Feuerwehr gefährlich. (afp)
Auch die Sicherheitsvorrichtungen in der Bar würden nun untersucht. Dabei gehe es speziell um Fluchtwege und die zulässige Besucher:innenzahl. Untersucht würden auch die in der Bar verbauten Materialien. Möglicherweise werde eine Untersuchung wegen fahrlässiger Tötung eingeleitet.
Videos zeigten, dass bei der Katastrophe zunächst eine Art Schallschutz an der Decke des Kellerraumes Feuer gefangen hatte.
Auf Nachfrage eines Journalisten, sagte die Generalstaatsanwältin, es werde auch untersucht, ob der dort verwendete Schaumstoff zulässig sei. Sie bat aber, von Spekulationen abzusehen.
Besucher:innen hatten berichtet, dass es nur einen Fluchtweg gegeben habe. Als erste hatte darüber am Donnerstag ebenfalls der Sender BMFTV berichtet. Dort hatten zwei junge Französinnen erzählt, dass die auf Flaschen gesteckten Wunderkerzen die Decke in Brand gesetzt hätten: „Der ganze Raum stand nach 30 Sekunden oder einer Minute in Flammen“.
Später zitierten weitere Medien ähnliche Berichte von Augenzeugen. Der 19-jährige Nathan, der sich nach eigenen Angaben rechtzeitig aus der Bar retten konnte, erzählte der Schweizer Zeitung Blick: „Eine Frau saß auf den Schultern einer anderen Dame. Sie hatte zwei Flaschen mit Wunderkerzen.“ Sie habe die Sprühkerzen so hoch geschwenkt, dass sie die Decke berührt hätten. Diese habe plötzlich Feuer gefangen, zitierte die Zeitung den jungen Schweizer.
Ein junger Gast aus Paris, der 16-jährige Axel Clavier, überlebte das Unglück und beschrieb die Szenen im Inneren als „totales Chaos“. Einer seiner Freunde sei ums Leben gekommen, und zwei oder drei würden vermisst, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Er habe den Ausbruch des Brandes nicht beobachtet, aber er habe Kellnerinnen mit Champagnerflaschen und Wunderkerzen gesehen.
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Enge Fluchtwege
Eine der von BFM interviewten Frauen hatte am Donnerstag beschrieben, wie die Menschenmenge panisch versuchte, aus dem Kellerclub über eine schmale Treppe und durch eine enge Tür zu fliehen.
Auch das wird mittlerweile durch Videos im Netz belegt. Dort ist zu sehen, wie Menschen die Treppe nach oben fliehen. Sie führt zwar offenbar direkt zum Ausgang. Doch davor ist noch eine mit Glaswänden geschützte Veranda, die nur einen Ausgang hat, durch den Menschen versuchen zu fliehen.
Ein Video zeigt einen Mann, dem es nach mehrfachen Versuchen von außen gelingt, eine der Glasfenstertüren zur Seite zu schieben. Eine Frau, die sichtbar nach Luft ringt, gelingt so die Flucht.
Mehr als Hundert Verletzte identifiziert
Wie Polizeichef Frederik Gisler am Freitag mitteilte, konnten mittlerweile 113 der 119 Verletzten identifiziert werden. Der Großteil von ihnen stammt aus der Schweiz, anderer aus Frankreich, Italien und weiteren Ländern. Bei 14 Menschen ist die Herkunft noch unklar. Deutsche sind bisher nicht unter den Opfern.
Einige der Opfer kämpfen noch immer um ihr Leben, sagt Staatsratspräsident Mathias Reynard.
Die Schweizer Behörden stehen in engem Kontakt mit den Angehörigen, ebenso mit den verschiedenen betroffenen Botschaften.
Die Identifizierung der 40 Toten könne noch Tage dauern, hatte zuvor schon ein Polizeisprecher erklärt. Viele der Opfer sind offenbar bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Aktuell würden Zähne, DNA und Kleider, jedoch auch Gegenstände, welche die Personen trugen, untersucht, hieß es bei der Pressekonferenz am Freitagnachmittag. Mehr als 30 Mitarbeiter seien im Einsatz. Dennoch dauere die Identifizierung noch.
Mittlerweile versuchen Angehörige und Freund:innen über Seiten im Internet etwas Vermisste herauszufinden. Die dort gesammelten Bilder bestätigen, dass die Bar vor allem von jungen Menschen besucht wurde.
Viele der meist jungen Leute hätten nicht nur äußere Verbrennungen erlitten, sagte Eric Bonvin, Direktor des Krankenhauses im nahe gelegenen Sitten, am Freitag der Nachrichtenagentur AP. Sie hätten glühend heiße Gase eingeatmet, was bei einigen wahrscheinlich zu inneren Verbrennungen geführt habe. „Das ist eine wirklich katastrophale Situation“, sagte Bonvin.
Bonvin warnte, der Weg zur Genesung der Schwerverletzten werde wahrscheinlich lang und beschwerlich. „Für diejenigen mit schweren Verbrennungen dauert die Intensivbehandlung mehrere Monate“, sagte er. „Aber es gibt noch Hoffnung. Sie sind jung, und das bedeutet, dass sie noch viel Lebenskraft haben.“
Für kommenden Freitag kündigte Staatsratspräsident Reynard einen Trauergottesdienst an.
Anm. der Redaktion: Dieser Text wurde im Laufe des Tages mehrfach aktualisiert.
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