Blockade von Ende Gelände: Gegen Blutkohle aus Kolumbien
In Gelsenkirchen haben Aktivist:innen Kohlemeiler blockiert – und damit auch gegen Morde und Zerstörung der Umwelt in Südamerika protestiert.

Gelsenkirchen taz | Rund 100 Klimaschützer:innen des Bündnisses Ende Gelände haben am Samstag den Brennstoffnachschub für das Kohlekraftwerk Scholven in Gelsenkirchen blockiert. Mehr als 50 Protestierende saßen in weißen Schutzanzügen auf den Gleisen, die zu den beiden Steinkohleblöcken B und C führen. Weitere Demonstrant:innen legten die Haupteinfahrt des Kraftwerks an der Glückaufstraße 56 lahm. Von einem von ihnen mitten in der Zufahrt aufgestellten dreibeinigen Tripod-Holzgestell seilte sich die Kletteraktivistin Cécile Lecomte ab.
„Allein dieses Kraftwerk bläst jeden Tag 20.000 Tonnen klimaschädliches CO2 in die Luft“, sagte Jule Fink, Sprecherin von Ende Gelände vor Ort, der taz an einer Brücke, von der sich Klimaschützer:innen über die Gleise abgeseilt hatten. Der Kraftwerksbetreiber Uniper trage damit „maßgeblich dazu bei, dass sich der Planet so extrem aufheizt, dass ganze Regionen von Überflutungen, Dürren oder Bränden verwüstet und unbewohnbar werden“, erklärte Fink.
Uniper erziele dabei „Übergewinne in Milliardenhöhe“. Nach Putins Überfall auf die Ukraine war der Energiekonzern als einer der Hauptimporteure von russischem Gas in eine existenzielle Krise gerutscht, im Dezember 2022 wurde der Kohleverstromer verstaatlicht. Schon im folgenden Jahr fuhr Uniper aber wieder satte Gewinne ein, über 4,4 Milliarden Euro.
Möglich sei das durch den Import sogenannter „Blutkohle“ aus Kolumbien, kritisiert Ende Gelände. Denn dort werden Protestierende gegen den gigantischen Steinkohle-Tagebau El Cerrejón immer wieder Opfer von Gewalt paramilitärischer Gruppen. Mit 690 Quadratkilometern ist El Cerrejón mehr als acht Mal größer als der lang umkämpfte rheinische Tagebau Hambach. Gewerkschafter sollen dort im Auftrag internationaler Kohlekonzerne ermordet worden sein.
Flüsse und Bäche werden kontaminiert
„Einschüchterung und Auftragsmorde“ seien „an der Tagesordnung“, kritisieren die Klimaaktivist:innen – diese hätten seit 2022 sogar „deutlich zugenommen“. Dazu kommt eine gigantische Umweltzerstörung: Flüsse und Bäche werden kontaminiert, umgeleitet oder trocknen aus. Um an die Kohle zu kommen, wurden zehntausende Menschen von ihrem Land vertrieben, vor allem Indigene.
„Blutkohle stoppen“ stand deshalb auf einem Transparent der Protestierenden in Gelsenkirchen. Die Gleise für den Kohlenachschub zum Kraftwerk Scholven waren blutrot gefärbt. Deutschlands Steinkohleimporte aus Kolumbien haben sich seit 2022 verdreifacht – 2023 stammten knapp 18 Prozent der in der Bundesrepublik verbrannten Steinkohle aus Kolumbien.
In Gelsenkirchen reagierte die Polizei zunächst gelassen auf die Blockaden, die am Samstagmorgen gegen 5.30 Uhr starteten. Anfangs waren nur etwa 30 Streifenpolizist:innen mit etwa einem Dutzend Fahrzeugen vor Ort. Gegen Mittag rückte eine Einsatzhundertschaft an und versuchte, Gleise und Kraftwerkseinfahrt zu räumen. Da sich auch ein Mensch im Rollstuhl auf den Gleisen angekettet hatte, war der Kohlenachschubweg erst gegen 20 Uhr wieder frei.
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