Beziehungsdrama „Dreams“: Die schönen Räume wirken entleert
Der Regisseur Michel Franco erzählt im Beziehungsdrama „Dreams“ in kühlen, analytischen Bildern von einem ungleichen Paar. Gesprochen wird wenig.
Foto: Weltkino
Es beginnt mit einem Lkw, in dem mexikanische Migrant*innen eingeschlossen sind. Der Schleuser öffnet die Klappe, und ein junger Mann taumelt in die Nacht, in Richtung San Francisco, die Skyline im Blick. Was als Migrationsdrama beginnt, nimmt eine Abbiegung ins Schlafzimmer. Fernando (Isaac Hernández) legt sich nackt ins Bett der offensichtlich sehr wohlhabenden Jennifer (Jessica Chastain), sie kommt nach Hause, die beiden schlafen miteinander.
Migration wird in „Dreams“, dem neuen Film des mexikanischen Regisseurs Michel Franco, nicht als Sozial-, sondern als Beziehungsdrama erzählt. Ein Liebesverhältnis, das von einer radikalen Gegensätzlichkeit bestimmt ist. Der eine Partner ist in wesentlichen Belangen das Gegenteil des anderen und umgekehrt.
„Dreams – Gefährliches Verlangen“. Regie: Michel Franco. Mit Jessica Chastain, Isaac Hernández u.a. USA/Mexiko 2025, 98 Min.
Die Beziehung von Jennifer und Fernando ist eine einzige Polarität. Er ist Migrant aus Mexiko, jung, ein talentierter Balletttänzer und arm. Sie gehört zur amerikanischen Upper Class, ist Anfang 50, ihre steinreiche Familie fördert soziale und kulturelle Projekte. Eins davon ist eine Ballettschule in Mexiko-Stadt, an der Jennifer Fernando kennenlernt und ihm, wie man so sagt, verfällt.
Man ahnt, dass das nicht gutgehen kann. Nicht, weil Altersgefälle und alle anderen Unterschiede die Liebe per se unmöglich machen würden. Aber das offensiv unromantische Beziehungsdrama „Dreams“ macht schnell klar, dass die finanzielle und soziale Machtposition bei Jennifer auf einer anderen Ebene mit einer bedrückenden Machtlosigkeit und Fremdbestimmung einhergeht: Jennifer steht nicht zu ihrem Partner und verheimlicht ihn vor ihrer Familie und vor Geschäftspartnern.
Freundinnen und Freunde scheint Jennifer nicht zu haben. Franco wird, als Illegaler, in einer örtlichen Ballettkompanie engagiert. Dann aber macht der Familienpatriarch klar, was erlaubt und erwünscht ist und was nicht. Jennifer versucht, Franco in Mexiko zu halten. Eine erzwungene Fernbeziehung, ein temporäres gemeinsames Leben, separiert von ihrem sonstigen.
Alles spricht gegen das Paar
Der Grund für das Scheitern ist unübersehbar, wie schon in Michel Francos Dystopie „New Order – Die neue Weltordnung“, das Gefälle von Arm und Reich. Die unterschiedliche Klassenlage, die Kluft zwischen den unterschiedlichen gesellschaftlichen Universen, aus denen die beiden kommen (die Welt der High Society vs. die Welt der Illegalen), der Altersunterschied (das Paar wirkt, von außen, als würde Jennifer sich einen jungen Fuckboy halten): Alles, was jenseits der intimen Vertrautheit zu zweit da ist, spricht gegen das Paar. Alle Konflikte, die die beiden haben, resultieren aus der Unfähigkeit, die gemeinsame Liebe über die eigenen Privilegien zu stellen.
Wie setzt man ein soziales Machtgefälle ins Bild? Das Genrekino erzählt von Macht gern mit und durch Sexszenen. Vielleicht, weil Sex nicht nur im BDSM von der Erotisierung von Dominanz und Unterwerfung mitbestimmt ist (Konsensualität als erotische Praxis zu erzählen, scheint dagegen im Kino noch schwierig oder ist zumindest selten).
„Dreams“ hat vom deutschen Verleih den schön-doofen Untertitel „Gefährliches Verlangen“ verpasst bekommen. Darin – und nur darin – erinnert der Film an die High-Gloss-Erotikthriller der neunziger Jahre, in denen ein Mann, meist gespielt von Michael Douglas, von einer Femme fatale, der er obsessiv verfallen ist, in die Nähe des Wahnsinns getrieben wird. In „Dreams“ kehrt sich das klassische Mann-Frau-Verhältnis um: Jessica ist wie die Michael-Douglas-Figuren in „Basic Instinct“ oder „Eine verhängnisvolle Affäre“ abhängig vom Objekt ihres Begehrens.
In dieser Hinsicht ist „Dreams“ außerdem verwandt mit dem 2024 erschienenen „Babygirl“, in dem eine von Nicole Kidman gespielte CEO ein BDSM-Verhältnis mit einem Praktikanten anfängt. Die Machtgefälle geraten in den Sexszenen in Bewegung, vorübergehend, und die Erotisierung funktioniert hier gerade über die vorübergehende Umkehrung: Die Privilegierten sind, durch ihr Begehren, abhängig von den Körpern der Nichtprivilegierten. Es ist kein Zufall, dass es in diesen Filmen, anders als im vergleichsweise schlichten „50 Shades of Grey“-Franchise, Chefinnen sind, die von Männern, die sozial graduell (wie in „Babygirl“) oder unüberwindbar (wie in „Dreams“) schlechter gestellt sind, dominiert werden. Was genau Fernando von Jessica will, bleibt dagegen offen.
Die Machtumkehrung wird zum Racheakt
Das jeweilige Stadium der Beziehung kristallisiert sich in vier Sexszenen. Liebevoller Sex am Anfang, der zeigt, warum die beiden aneinander festhalten, ein mit statischer Kamera gefilmter spontaner Ausbruch nach langer Trennung (ein Fick auf der Treppe), eine Dirty-Talk-Fantasie, in der Jessica ihren Geliebten als gleichwertig, aber auch als roh und schmutzig imaginiert und sich selbst als Unnahbare, deren Unnahbarkeit vom virilen, jungen Mann überwunden wird; beide übernehmen in ihrer Fantasie abwechselnd-spielerisch den dominanten Part. Und eine letzte, in der die Machtumkehrung zu einem Racheakt wird.
Da geht es dann nicht mehr um eine Fhantasie, sondern um eine gesellschaftliche Realität, die sich nicht romantisch, durch „die Kraft der Liebe“, abstellen oder überwinden lässt, sondern sich am Schluss mit aller Gewalt zurückmeldet. Das alles erzählt „Dreams“ nicht in der High-Gloss-Ästhetik der Neunziger, sondern in kühlen, analytischen Bildern.
Dass es Jessica auch darum geht, die in ihrer sozialen Welt herrschende emotionale Leere zu füllen, wird nicht über die Dialoge vermittelt, es wird eh angenehm wenig gesprochen in diesem Film. Sondern über die Inneneinrichtung von Jessicas Apartment, durch die entleert wirkenden schönen Räume, durch die sie sich bewegt, durch die körperliche Distanziertheit, die in ihrer Familie herrscht. Der mexikanische Migrant, der als Balletttänzer lebendig, viril, leidenschaftlich, aber auch zärtlich wirkt, wird zur Projektionsfläche, auf die die Wünsche gekippt werden, die in der erkalteten Welt, in der Jennifer lebt, nicht verwirklicht werden können.
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Trailer „Dreams“
Sexszenen als Bestandsaufnahmen
Diese analytische Kühle findet man auch in den anderen Filmen Michel Francos, etwa im erwähnten „New Order“, dessen Plot auch eine Steilvorlage für ein Action-Spektakel hätte abgeben können. „Dreams“ könnte seinen Plot auch als Anlass für die Aneinanderreihung von Softcore-Szenen nehmen, der Film wäre zugänglicher und weniger spröde, als er jetzt ist. Stattdessen fungieren die Sexszenen sozusagen als Bestandsaufnahmen. Und sind entsprechend unerotisch gefilmt.
Diese Kühle überträgt sich auf die Zuschauerinnnen und Zuschauer. Das kann auch zu einem Eindruck der Langeweile führen. Der löst sich allerdings auf, wenn man auf Details achtet: die Interaktionen zwischen den Angehörigen verschiedener Klassen, die Rolle, die Fernando in den Ballettszenen einnimmt, die unangenehme Dynamik zwischen Vater, Tochter und Sohn, die der Film ins Bild setzt.
„Dreams“ ist weniger ein Erotikdrama, das von der Klassengesellschaft erzählt, als ein filmischer Essay über Klassen-, Macht- und Geschlechterverhältnisse, der sich in den Genrekoordinaten des Erotikdramas entfaltet. Und mit seiner analytischen Kühle die Sensationen und Versprechen des eigenen Genres unterläuft.
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