„Marsch für das Leben“: Kampf um den Körper
Abtreibungsgegner:innen wollen am Wochenende wieder marschieren. Ihre reaktionären Forderungen sind attraktiv für Rechte und Nationalisten.
E s scheint so sicher, wie das Amen in der Kirche – jedes Jahr im September strömen tausende christliche Fundamentalist:innen aus allen Ecken Deutschlands nach Berlin, um bei sogenannten „Marsch für das Leben“ gegen Abtreibungen und Sterbehilfe zu demonstrieren.
„Marsch gegen körperliche Selbstbestimmung“ wäre dabei wohl der ehrlichere Titel, denn nicht alle Teilnehmer:innen besuchen die Demo aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen. Die Idee, Frauen wieder in die Rolle der volkserhaltenden Gebärmaschine zu zwängen, zieht Rechte von CSU bis AfD an, die seit Jahren zu Stammgästen des Marsches gehören.
„Eine rechte Politik ist ohne die Kontrolle des weiblichen Körpers nicht denkbar.“, so ein treffendes Zitat aus einer taz-Recherche zu dem europäischen rechtskonservativen Netzwerk „Citizen Go“ aus dem letzten Jahr. Genau deshalb sollte mensch nicht den Fehler machen, den jährlichen Fundi-Aufmarsch als harmlose Versammlung religiöser Spinner abzutun.
Das erschütternde Urteil des Supreme Courts in den USA im Juni, welches das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche quasi abschaffte, beweist, wie schnell erkämpfte Fortschritte wieder zunichte gemacht werden können. Zumal der Einfluss fundamentalistischer und erzkonservativer Christ:innen im dem eigenen Anspruch nach säkularen Deutschland häufig unterschätzt wird.
Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.
Gesetze aus dem letzten Jahrtausend
So ist es kein Zufall, dass Abtreibungen in Deutschland nach §218 weiterhin grundsätzlich verboten sind. Straffreiheit besteht nur, wenn sich die Schwangere mindestens drei Tage vor der Abtreibung hat beraten lassen. Bis zu seiner Abschaffung im vergangenen Juni, stellte der umstrittene §219a auch noch unter Strafe, offen für diese Beratungsgespräche werben.
Zusammen mit dem Ärztemangel und dem Druck von Abtreibungsgegner:innen führte die gefühlt aus dem 19. Jahrhundert stammende Gesetzgebung dazu, dass in vielen katholisch geprägten Gegenden Deutschlands Schwangerschaftsabbrüche kaum noch möglich sind.
Gründe genug also, um sich dem „Marsch für das Leben“ entgegenzustellen. Das Bündnis „What the Fuck?!“ plant auch dieses Jahr wieder, den „Fundis“ das Leben möglichst schwer zu machen. Geplant ist eine queer-feministische Gegendemo. Ab 12 Uhr startet dann der Marsch des Lebens (Samstag, 17. September, 10:30 Uhr, Leipziger Platz).
Wer sich nach einer hoffentlich erfolgreich blockierten Demo weiter mit antifeministischen Ideologien beschäftigen möchte, der*dem sei ein Besuch im Bandito Rosso nahegelegt. Dort gibt es einen Infovortrag zum Auftritt von Jordan B. Peterson im Tempodrom. Der in Deutschland weitgehend unbekannte Peterson ist Psychologe und Bestsellerautor, der tiefste Ideologie im pseudo-intellektuellen Gewand verkauft.
Männer sind wie Hummer
Dabei schreckt Peterson nicht einmal vor den krudesten bioglogistischen Argumenten zurück: Das Verhalten von Männern und Frauen ähnelte dem von Hummern, wobei sich die Männchen im permanenten Kampf um paarungsfähige Weibchen befinden. Wenig überraschend ist Peterson eine feste Größe in der anglo-amerikanischen neuen Rechten.
Die antisexistische Kampagne „keine Show für Täter“ plant bereits Protestaktionen gegen den Auftritt Petersons (Samstag, 17. September, 19 Uhr, Lottumstraße 10a).
Eine Vorliebe für Straßenblockaden haben nicht nur die Feminist:innen des What-the-fuck-Bündnisses, sondern auch die Klimaaktivist:innen von Extinction Rebellion. Ebenfalls am Samstag startet die „Herbstrebellion“, bei der es auch wieder zu zahlreichen Aktionen des zivilen Ungehorsams kommen soll.
Aufstehen fürs Klima
Angesichts der sich dramatisch verschärfenden Klimakrise und des Unwillens der Herrschenden, auch nur annähernd angemessen auf sie zu reagieren, ist die Notwendigkeit von Klimaaktivismus so hoch wie nie. Daher ist auch Menschen, die XR bisher eher kritisch gegenüberstanden, nahegelegt, sich an dem verlängerten Aktionswochenende zu beteiligen. In einem Telegram Kanal wird über aktuelle Aktionen informiert (Samstag, 17. September bis Dienstag, 20. September).
Zum Kennenlernen startet bereits am Freitag ein Klimacamp im Invalidenpark. Dort lassen sich auch noch Mitstreiter:innen für etwaige Aktionen am Wochenende finden (Freitag, 16. September, ab 8 Uhr, bis Mittwoch, 21. September, 10 Uhr, Invalidenpark).
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert