piwik no script img

Besuch im Atommüll-Lager BrokdorfEine Schicht Helium für die Sicherheit

Deutschland hat alle seine Atommüll-Abfälle aus dem Ausland zurückgeholt. Nun müssen sie gelagert werden – zum Beispiel im Zwischenlager Brokdorf.

Stacheldrahtbewehrte Zäune, davor ein Wassergraben, geschützte Einlasstore: Ein wenig erinnert das Gelände des Atomkraftwerks Brokdorf an eine mittelalterliche Burg. Drinnen sprießen Wiesenblumen und Gräser zwischen Wegen, die Parkplätze sind zu großen Teilen abgesperrt. Eine summende Stromleitung hängt über dem Gelände, aber die Drähte verlaufen zum Kraftwerk, nicht von ihm weg: Brokdorf ist seit Januar 2022 abgeschaltet, und die Energie, die hier noch gebraucht wird, stammt von Wind und Sonne.

Was noch lange bleiben wird, ist der Atommüll. Die letzten Castor-Behälter mit aufbereiteten Brennstäben sind nun aus England zurückgekehrt und werden auf unbestimmte Zeit in Brokdorf zwischengelagert.

Auch er habe in den 1970er Jahren gegen Atomkraft protestiert, sagte Jochen Flasbarth (SPD), Staatssekretär im Bundesumweltministerium, das auch für nukleare Sicherheit zuständig ist. Am Freitag war er gemeinsam mit Landesenergiewendeminister Tobias Goldschmidt (Grüne) an die Elbe gereist, um den historischen letzten Castor-Transport zu würdigen.

„Deutschland hat von dieser Energie profitiert, und es gehört zu unserer Verantwortung, dass wir nun mit den Folgen umgehen“, so Flasbarth. Er erinnerte daran, dass Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg 2014 als erste Länder bereit waren, die Müllfässer zwischenzulagern. Inzwischen gibt es solche Standorte in ganz Deutschland.

Dicke Wände aus Stahlbeton

Das Zwischenlager in Brokdorf ist ein kastenförmiges, beigefarbenes Gebäude. Hinter dicken Wänden aus Stahlbeton lagern bereits 76 Castoren. Die übrigen 7, die in den vergangenen Tagen per Schiff aus der englischen Aufbereitungsanlage Sellafield transportiert wurden, kommen demnächst dazu. Die Behälter erhalten zuvor noch einen zweiten Deckel, zwischen beiden liegt eine Schicht Helium. Eine Druckveränderung würde sofort vom Behälterüberwachungssystem bemerkt, berichtet Jonas Wingert, Pressesprecher der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ).

Das Unternehmen betreibt bis auf wenige Ausnahmen die Zwischenlager an den deutschen AKWs. Sie wurden nötig, nachdem Gorleben als Auffangstelle für alle Atomfässer der Republik aufgegeben wurde.

Der Betrieb der Zwischenlager kostet einiges: Rund 16 Millionen Euro seien es allein für Brokdorf im Jahr 2024 gewesen, so Wingert. Investitionen und externe Wachdienste seien die größten Kosten-Posten. Das Geld stammt aus dem milliardenschweren Fonds, über den die Unternehmen der Energiewirtschaft die Folgekosten der Atomkraftnutzung abbezahlen wollen.

Wie lange das Zwischenlager besteht und wie teuer es damit insgesamt wird, ist unabsehbar. Es hängt davon ab, wann die Bundesgesellschaft für Endlagerung ihre Arbeit beendet hat. Und danach werde es weitere Jahre oder gar Jahrzehnte dauern, bis alle Müllfässer von allen Zwischenlagern umgezogen sind, sagte Flasbarth. So könnte der tatsächlich letzte Castor-Transport in Deutschland gegen Ende des 21. Jahrhunderts rollen.

Erfolgreiche Klage

Aber sind die Zwischenlager überhaupt so lange sicher? Atomkraft-Gegner:innen zweifeln: „Das Hin- und Herverschieben von Castoren bringt uns einer sicheren Lagerung nicht näher“, sagte etwa Helge Bauer von „ausgestrahlt“ der taz.

Aus Sicherheitsbedenken entzog das Oberverwaltungsgericht in Schleswig bereits im Jahr 2013 dem Zwischenlager im benachbarten Brunsbüttel seine Betriebsgenehmigung. Ein Ehepaar aus der Nachbarschaft des Meilers hatte geklagt, unter anderem wegen der Risiken durch Flugzeugabstürze oder Terrorangriffe. Fragen dazu konnten die Behörden nach Meinung des Gerichts nicht vollständig beantworten. 2015 bestätigte ein Bundesgericht das Urteil. Der damalige Landesumweltminister Robert Habeck (Grüne) erteilte dennoch eine Duldung: Man könne die Castoren schließlich nicht einfach an den Deich stellen.

„Brunsbüttel ist sicher“, beteuerte Flasbarth beim Termin in Brokdorf. Es gebe die erforderlichen Schutzmaßnahmen, es sei aber vor Gericht aus Sicherheitsgründen nicht möglich gewesen, sie öffentlich zu machen. Wegen der rechtlich unklaren Situation wird das Zwischenlager Brunsbüttel weiter von Vattenfall betrieben. Im Genehmigungsverfahren sind auch extrem unwahrscheinliche Ereignisse betrachtet worden, bis hin zu einem gezielt herbeigeführten Flugzeugabsturz, sagt BGZ-Sprecher Wingert. Gerichtlich überprüft wurde das allerdings nie: In Brokdorf gab es keine Klagen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!