piwik no script img

Initiative zum Ärger um Zwischenlager„Es werden wieder Tatsachen geschaffen“

Betriebsgenehmigungen für die Atommüllzwischenlager laufen bald aus. Die BI Lüchow-Dannenberg fordert, an den Entscheidungen zur Zukunft beteiligt zu werden.

Nick Reimer

Interview von

Nick Reimer

taz: Das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung lädt an diesem Dienstag zu einer Statuskonferenz. Worum geht es?

Asta von Oppen: Um die 16 Zwischenlager für hochradioaktiven Atommüll in Deutschland: Dort stehen fast 2.000 Castorbehälter, die darauf warten, endlich in ein Endlager abtransportiert zu werden – und so ein sorgenfreies Leben vor Ort wieder zu ermöglichen. Allerdings wird sich die Suche nach einem solchen Endlager bis in die zweite Hälfte des Jahrhunderts hinziehen, für viele dieser Zwischenlager läuft die Betriebsgenehmigung aus. Das Bundesamt will auf der Veranstaltung informieren, wie es weiter geht.

taz: Sie kommen von der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, die angekündigt hat, gegen die Veranstaltung zu protestieren. Warum?

Im Interview: Asta von Oppen

ist seit 1977 an den Protesten gegen ein Atommülllager im Wendland beteiligt. Die 79jährige Regionalentwicklerin ist Mitglied bei Bündnis 90/Die Grünen und in der Kommunalpolitik tätig.

von Oppen: Wir wehren uns dagegen, wie die Verantwortlichen im Bundesamt und im Bundesumweltministerium vorgehen: Sie tragen vor, was geschehen soll, eine Auseinandersetzung mit der Zivilgesellschaft ist nicht geplant. Wir aber müssen vor Ort mit dem Zwischenlager und den Gefahren, die von ihm ausgehen, leben. Deshalb fordern wir, auf Augenhöhe in die Entscheidungen zur Zukunft einbezogen zu werden.

taz: Aber ist es nicht gut, wenn ein Ministerium oder eine Behörde erst mal informieren, welche Pläne sie sich vorgenommen haben?

von Oppen: Dafür hätte man eine Presseerklärung verschicken können. Die Informationspolitik, die im Moment betrieben wird, ist so wie in den 80er Jahren, als man den Leuten die Welt erklärte, sich aber nicht mit ihnen auseinandersetzte. Wir als Bürgerinitiative haben immer kritische Wissenschaftler eingeladen und Missstände am Salzstock Gorleben aufgedeckt, der von den Behörden lange als geeignet für ein Endlager eingeschätzt worden ist. Statt jetzt die Sorgen der Leute vor Ort anzuhören, werden wiederum nur Tatsachen vorgestellt.

taz: Gorleben ist eines der ältesten Zwischenlager. Was sind denn Ihre Forderungen, Ihre Sorgen?

von Oppen: Unsere Hauptkritik ist die Leichtbauhalle. In Zeiten von Krieg und Terror kann man so gefährlichen Atommüll nicht einfach in so einer einfachen Halle lagern. Der zweite Kritikpunkt ist, dass das Bundesamt offensichtlich nicht vorsieht, jeden einzelnen Castorbehälter zu überwachen. Stattdessen soll einfach nur gemessen werden, ob Radioaktivität in der Abluft ist. Hitze und Radioaktivität: Keiner weiß, was in so einem Castor passiert, die Alterungsprozesse machen uns extreme Sorgen. Unsere Forderung deshalb: Jeder einzelne Behälter muss kontinuierlich überwacht werden.

taz: Das kostet Geld. Woher soll das kommen?

von Oppen: Aus dem „Kenfo“, dem Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung. In den haben die Atomkonzerne vor fast zehn Jahren 24 Milliarden Euro eingezahlt und sich so aus der Verantwortung herausgekauft. Dadurch, dass die Endlagersuche so komplex ist und sich die Zeiten nach hinten verschoben haben, bezweifle ich aber, dass das Geld ausreicht. Die Gewinne wurden privatisiert, die Lasten der Allgemeinheit aufgedrückt: Ich fürchte, die Kosten bleiben beim Steuerzahler und der Steuerzahlerin hängen.

taz: Die Betriebsgenehmigung für das Zwischenlager in Gorleben läuft am 31. Dezember 2034 aus. Bleibt da nicht genügend Zeit für eine neue?

von Oppen: Im Gegenteil, das neue Genehmigungsverfahren für den Weiterbetrieb hat in Gorleben schon begonnen, es gab den Einstieg in eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Wir können aber nicht das, was in den 80er Jahren „Stand der Technik“ war, heute als zukunftsfähig genehmigen. Wir fordern einen Neubau der Hallen und neue Sicherheitsstandards.

taz: Mit welcher Begründung?

von Oppen: Wir leben in Zeiten des Krieges und Terrors, jedes Zwischenlager ist ein potenzielles Angriffsziel. Darüber muss sich die Gesellschaft klar werden, die Politik muss sich damit auseinandersetzen. Das Thema gehört in den Bundestag – nicht auf eine Statuskonferenz. Wir protestieren auch dagegen, dass uns das Bundesamt suggeriert, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. Die Menschen, die vielleicht noch bis zum Jahrhundertende mit den Zwischenlagern leben müssen, sind jedenfalls beunruhigt.

taz: Wenn Sie jetzt gegen die Veranstaltung des Bundesamtes protestieren, dann bekommen Sie doch gar nicht mit, welche Pläne es gibt?

von Oppen: Wir demonstrieren vor Beginn der Veranstaltung, einfach damit die Öffentlichkeit sieht, was vor sich geht. Natürlich werden wir uns dann anhören, was die Verantwortlichen vorhaben. Das ist nicht nur wichtig für Gorleben, sondern für alle Zwischenlagerstandorte: Schließlich liefert das Verfahren zu Gorleben eine Blaupause für alle anderen 15 Zwischenlager.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • "Das ist nicht nur wichtig für Gorleben, sondern für alle Zwischenlagerstandorte: Schließlich liefert das Verfahren zu Gorleben eine Blaupause für alle anderen 15 Zwischenlager."



    Diese Vermutung ist eine erwartbare Dystopie und auch eine Zusammenfassung der Gesamtbilanz der bisherigen Bemühungen um eine endgültige Lösung.



    Das "strahlende und unverwesliche Erbe" einer Generation im ungebremsten Energiehunger und in einer maßlosen Überschätzung eigener Möglichkeiten durch ehemals prognostizierte technische und geologische Lösungen.