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Berliner Veganladen-Kollektiv in Not„Einkaufen, ohne das Etikett zu checken“

Seit 13 Jahren gibt es den Veganladen Dr. Pogo am Karl-Marx-Platz in Neukölln. Jetzt ist er finanziell bedroht – und hat ein Crowdfunding gestartet.

Sie sind stolz auf ihr unverpacktes Sortiment: Andreas Keller und Manuela Strippel im Veganladen Dr. Pogo Foto: Steve Braun
Ulrike Wagener

Aus Berlin

Ulrike Wagener

Manuela Strippel geht in den Keller und kehrt mit einer großen Box roter Linsen zurück. Sie steigt auf eine Holzleiter und lässt die Linsen langsam in den Behälter der Unverpackt-Bar rieseln. „Ich mache das immer von oben, andere holen die Behälter raus“, erklärt die 42-Jährige. Strippel gehört zu den elf Kollektivistas des Veganladen-Kollektivs Dr. Pogo. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Keller führt sie durch den Laden.

Dr. Pogo besteht aus einem einzigen Raum, den Regale unterteilen. Das Licht ist weniger grell als im Discounter, und die Kollektivistas nehmen sich Zeit. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre. Manche Kun­d:in­nen kaufen nur eine Kleinigkeit, andere decken sich mit Obst und Gemüse ein.

Seit 13 Jahren gibt es den Laden am Karl-Marx-Platz in Neukölln, Mitte Januar war das Jubiläum. Jetzt hat das Kollektiv zum ersten Mal eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Bis Mitte Februar wollen sie 18.000 Euro sammeln, um den Betrieb zu sichern. Denn seit drei Jahren läuft das Geschäft nicht gut genug, das Kollektiv musste Schulden machen. „Die Menschen müssen sparen und wandern ab, kaufen zum Beispiel lieber die Eigenmarken der Discounter“, sagt Keller.

Während der Coronapandemie brummte der Laden noch, doch mit dem Ukrainekrieg und der Inflation brach der Umsatz ein. Die Erhöhung des Mindestlohns auf 13,90 Euro Anfang 2026 verschärft die Lage, denn Personalkosten sind der größte Kostenfaktor. „Wir finden die Anhebung politisch richtig und freuen uns über mehr Gehalt“, sagt Andreas Keller. „Aber für den Laden ist es eine Belastung – und damit auch für unsere Arbeitsplätze.“

Viel bio, alles vegan: zum Beispiel Spülmittel und Tahin-Sesampaste Foto: Steve Braun

Mit den angestrebten 18.000 Euro Spendengeldern könnten sie circa 9 bis 10 Monate die Mindestlohnerhöhung auffangen, ohne dafür den zusätzlich notwendigen Umsatz erwirtschaften zu müssen.

Die Probleme betreffen nicht nur Dr. Pogo. „Unser Brotregal ist leer“, sagt eine Kollektivista am Tresen ins Telefon. Andreas Keller erklärt: „Weil die Bäckerei Mehlwurm pleite gemacht hat, mussten wir unser Brotsortiment neu aufstellen.“ Nun arbeiten sie mit wechselnden Bäckereien zusammen. Und einige Lieferungen seien ausgeblieben.

Auch Mehlwurm war ein Kollektivbetrieb und ging Mitte Dezember in die Insolvenz. Viele kleine Bioläden kämpfen ums Überleben. Unverpackt-Läden wie UVLA in Zehlendorf oder unverpackt Berlin in Friedrichshagen haben bereits geschlossen. Der Robinhoodstore mit Filialen in Berlin und Brandenburg bat im vergangenen Jahr seine Kun­d:in­nen um Hilfe.

Aber: Warum sollte man einem Laden Geld spenden, in dem man später einkauft? Das klingt erst mal komisch. Strippel und Keller können das verstehen. Aber: „Wir sind kein Großkonzern, niemand macht Profite mit Dr. Pogo“, betont Keller. „Wir sind elf Menschen, die davon leben – und dafür leben.“

Dr. Pogo ist ein Teil unseres Lebens. Wir arbeiten selbstbestimmter und dadurch ist auch unser Leben selbstbestimmter

Manuela Strippel, Kollektivista

Keller und Strippel waren schon in den Anfängen von Dr. Pogo mit dabei. 2011 musste der frühe Veganladen „Veni Vidi Vegi!“ in der Pücklerstraße schließen. Die beiden folgten einem Aufruf, darüber nachzudenken, wie eine Nachfolge aussehen könnte. „Wir haben zuerst ein Konzept aufgebaut, dabei sind einige gegangen, die zum Beispiel lieber einen Infoladen gehabt hätten“, so Keller. 2013 eröffnete Dr. Pogo – damals gab es in der Gegend kaum Bioläden.

Das Team arbeitet basisdemokratisch als Kollektiv. Aufgaben werden über Arbeitsgruppen und rotierend verteilt. Zwar übernehmen manche bestimmte Aufgaben wie Bestellungen oder Finanzen öfter, aber alle sind über alles informiert. Entscheidungen werden im Konsens getroffen. „Dr. Pogo ist ein Teil unseres Lebens. Wir arbeiten selbstbestimmter und dadurch ist auch unser Leben selbstbestimmter“, sagt Strippel.

Dr. Pogo will Kiezladen und Treffpunkt sein Foto: Steve Braun

Alle Kollektivistas leben vegan. Sie setzen sich für Tierrechte, fairen Handel und solidarische Lieferketten ein. „Massentierhaltung ist einfach richtig schlimm für unseren Planeten“, sagt Strippel. Sie selbst ist vegan geworden, weil sie nicht verantwortlich sein wollte für das Leid eines anderen Lebewesens. „Als Ve­ga­ne­r:in einkaufen, ohne jedes Mal das Etikett zu checken – das ist der Hammer!“, sagt Keller.

Doch Dr. Pogo ist nicht nur ein Veganladen: Leopold, 21, kommt mit Kopfhörern herein, um Tee zu kaufen. Von den finanziellen Problemen hat er nichts mitbekommen. „Das ist ein Laden, wo ich guten Tee finde. Und ich finde es stabil, dass sie nicht kapitalistisch ausgerichtet sind“, sagt er. So wie ihn gibt es viele Stammkund:innen. Längst nicht alle sind Veganer:innen. „Die Menschen kaufen viel Obst und Gemüse bei uns. Wir verstehen uns als Kiezladen“, sagt Strippel.

Das ist ein Laden, wo ich guten Tee finde. Und ich finde es stabil, dass sie nicht kapitalistisch ausgerichtet sind

Leopold, Kunde

Besonders stolz sind sie auf ihr großes unverpacktes Sortiment – vielleicht sogar das größte in Neukölln: Obst und Gemüse, Brot, Kaffee, Reis, Linsen und Getreide, aber auch Putzmittel und Tahini kann man hier ohne Verpackung kaufen. „Damit haben wir viel Müll gespart“, sagt Keller.

Den Großteil ihrer Waren bezieht Dr. Pogo aus dem Bio-Großhandel, einiges aus dem Vegan-Großhandel. Besondere Produkte kaufen sie direkt, etwa Quinoa aus Deutschland oder veganen Käse. Am liebsten arbeiten sie mit anderen Kollektivbetrieben zusammen. „Wir kaufen nicht direkt vom Fleischer“, betont Keller. Produkte von Rügenwalder Mühle gibt es hier nicht. Für ausgewählte Artikel haben sie ein Label: „ganz ok“ – lieber nicht übertreiben.

Aktuell kooperieren sie mit der solidarischen Landwirtschaft PlantAge, die Gemüse vegan anbaut – „ohne Mist“. Dr. Pogo dient als Abholstation für die Solawi, das Gemüse gibt es aber auch im Laden.

Dr. Pogo ist auch ein Treffpunkt. Kun­d:in­nen fragen nach veganen Rezepten oder Tipps zur Vitamin-B12-Supplementierung. „Manchmal wollen sie auch wissen, ob wir Eier haben“, erzählt Strippel schmunzelnd.

Jetzt hofft das Kollektiv auf Hilfe aus der Community – und das nicht nur über das Crowdfunding. Eine weitere Möglichkeit, Dr. Pogo zu unterstützen, ist die Pogo-Karte: Wer einen monatlichen Beitrag zahlt, erhält 20 Prozent Rabatt auf Obst, Gemüse und lose Ware. Oder man verschenkt Gutscheine. Kurz gesagt: „Wir wünschen uns, dass mehr Leute kommen“, sagt Keller.

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