Berliner Krisentheater: Der Chor brüllt – und keiner hört zu
Mit „Kassandra or Songs of the Canaries“ bündelt Marta Górnicka die Stimmen der Ignorierten – als letzte Premiere an Shermin Langhoffs Gorki Theater.
Der Abend beginnt mit maximalem Angriff. Kaum hat sich das Publikum im Saal sortiert, da schreien drei Frauen los – von Podesten, vom Balkon, vom Bühnenrand, gleichzeitig auf Deutsch und Englisch. Es ist laut, zu laut, gezielt zu laut … und dann die erste Leitplanke für die Orientierungslosen: ein Bild von Jan Karski, Kurier der polnischen Exilregierung, einer der ersten, der 1942 vom Holocaust berichtete – und nicht gehört wurde. Kaum ein Zufall, dass dieser Name gleich am Anfang auftaucht, denn auch die Regisseurin kommt aus Polen.
Mitten im Raum steht Marta Górnicka, die seit Jahren radikale Chorarbeiten entwickelt, in denen sie Stimmen bündelt, die sonst im politischen Diskurs bestenfalls als Hintergrundrauschen vorkommen. Doch diesmal geht es nicht wie in ihren letzten Stücken um eine konkrete Gruppe – nicht um jüdische oder arabische Mütter, nicht um Frauen aus der Ukraine oder Belarus –, sondern um das Prinzip des Ungehörtseins selbst.
„Kassandra or Songs of the Canaries“, das am Samstag in Berliner Gorki Theater Premiere feierte, nimmt sich die Figur der trojanischen Seherin zur Brust, die alles sieht und niemanden erreicht, in feministischer Lesart die politische Erzählerin, die patriarchale Gewalt zerlegt. Górnicka schleudert sie in die Gegenwart, wo das Kassandra-Syndrom Alltag ist – man denke allein an die Klimakrise: Warnungen werden ausgesprochen, Fakten liegen auf dem Tisch, und trotzdem passiert … nichts. Wer so lebt, verliert den Halt: Wut und Zweifel, bis die Stimmen ins Schrille kippen oder verstummen.
Dass dieses Stück die letzte Premiere unter Shermin Langhoff am Maxim Gorki Theater ist, legt wie ein dunkler Akkord unter diesem Abend. Seit 2013 hat Langhoff das Haus zur lautesten, lustigsten, streitbarsten Bühne der Republik gemacht – ein Ort, an dem Migration kein Thema war, sondern Betriebssystem –, doch 13 Jahre später ist diese Community unter Druck geraten. Parallel zu den gesellschaftlichen Krisen kamen die internen, mit Vorwürfen von Machtmissbrauch, mit beschädigtem Vertrauen, das sich auch durch volle Säle schwer reparieren ließ.
Die Gewalt der Ignoranz
Zurück zur Bühne. 24 Sängerinnen stehen da, die Górnicka von einem erleuchteten Podest im Parkett dirigiert und unter Starkstrom setzt – darunter mit Aziza A. und Sophia Slamani, Berliner Rapperinnen der verschiedensten Generationen, Performerinnen aus Polen, Frankreich, der Ukraine, Schauspielerinnen des inklusiven Theaters Thikwa, Kinder, Jugendliche … ein Chor, der alles andere als homogen ist.
Und dann geht es los: Brüllen, Hecheln, Flüstern, Singen, Tanzen. Stimmen, Körper, Text verdichten sich zu einem Druck, der weniger argumentiert als trifft – und es stellt sich dieser typische Górnicka-Rausch ein, von dem Kritiken sagen, er sei manchmal zu schmerzhaft, zu überwältigend. Aber genau darin liegt ihre Kraft: im atemlosen, furiosen Verbünden. Das ist kein Chor, der – wie im antiken Theater – kommentiert, sondern einer, der eingreift, der sagt: Wir sind viele, wir können auch einstimmig.
Worum es konkret geht, blitzt immer wieder auf – nicht als Argument, sondern als Frontalangriff. Górnicka montiert Schlagzeilen und Sprechblasen aus der so genannten bürgerlichen Mitte zu einem frappierenden Kanon, lässt den Chor bekannte Äußerungen von Olaf Scholz und Friedrich Merz über Abschiebungen, das Stadtbild oder den Bundestag als Zirkuszelt so verfremden, dass sie ihre ganze Kälte entfalten.
Die konkreten Inhalte kommen später. In den ruhigeren Monologen treten einzelne Stimmen aus dem Kollektiv, erzählen von der Ukraine, vom Iran, von Palästina, Klimakrise, deutscher Erinnerungspolitik. Das ist der Moment, an dem der Abend kurz an Spannung verliert – denn am besten bleibt er dort, wo er sich wie ein grobschlächtiges Punkkonzert anfühlt: unfrisiert, unzensiert, ohne Selbstkorrektur. Wo es nicht um die Krisen geht, sondern um das, was sie verbindet: die Gewalt der Ignoranz.
Am Ende bleibt vielleicht vor allem eine Interpretation des Kinderliedes „Der Bauer schickt den Jockel aus“ hängen, ursprünglich ein jüdisches Pessach-Lied. So geschichtet, zerlegt, durch den Raum getrieben wie hier im Gorki hat es dieses Lied noch nie gegeben: Der Jockel soll den Hafer mähen – aber er mäht ihn nicht, er tut nichts. Was das mit Kassandra zu tun hat? Auch hier wird jemand nicht ernst genommen. Allerdings ist es diesmal nicht der Subalterne, sondern der Chef, dessen Ansagen ins Leere laufen.
Genau da liegt der Stachel dieses Abends: Zuhören ist keine moralische Kategorie, sondern eine Entscheidung. Es wäre schon ein Anfang, auf die Richtigen nicht zu hören.
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