Maggie Nelson an der Berliner Schaubühne: Mittelmäßige Depression
Die Schaubühne eröffnet das FIND-Festival mit Katie Mitchells Inszenierung von Maggie Nelsons „Bluets“ und enttäuscht mit viel Technik und wenig Körper.
Es gibt Texte, die einem die Welt öffnen können. Bluets, Maggie Nelsons 2009 erschienenes schmales Bändchen war für die Autorin dieser Zeilen so ein Text. Einer, der veränderte, wie man in sich selbst hineinsah. Und wieder heraus. Der einem beibrachte durch Beschreibung Gefühle anders zu denken. Der es ermöglichte, die Gedanken fremder und eigener Hirne schlussendlich als körperliche Produkte zu betrachten, sodass sich so auch im ganz eigenen Leben plötzlich ein kleines bisschen mehr die Lücke verengte, die zwischen Leiblichkeit und Geist oft so nervenaufreibend klafft.
In ihren fragmentarischen, nummerierten Kurzessays schreibt die US-amerikanische Ikone der Autotheorie in enger Selbstbeobachtung über Schmerz und Verlust, über Begehren, Krankheit und Depression. Oberflächlich zusammengehalten werden die Exkurse in Theorie und Wissenschaft sowie der Selbstgebrauch der eigenen Abgründe durch ihre Liebe zur Farbe Blau: „Angenommen, ich beginne so: Ich habe mich verliebt, in eine Farbe.“
Auch Margaret Perrys Theateradaption, übersetzt von Jan Wilm und Gerhild Steinbuch beginnt mit diesen Worten. Inszeniert hat sie Katie Mitchell an der Berliner Schaubühne, wo die Berliner Premiere von Bluets am Mittwoch das „Festival Internationale Neue Dramatik“ (FIND) eröffnete.
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Die britische Regisseurin verbinden jahrzehntelange Arbeitsbeziehungen zu Bühnen in ganz Deutschland, viermal war sie mit ihren Stücken zum Theatertreffen eingeladen. 2010 arbeitete sie erstmalig an der Schaubühne, es folgten diverse Inszenierungen am Haus, „Orlando“ von 2019 läuft bis heute.
Umso überraschender ist es, dass Mitchell, die im Künstlergespräch mit Offenheit und Humor über ihren anstehenden Ruhestand spricht, im Fokus der diesjährigen Festivalausgabe steht. Neben Bluets und Orlando steht auch ihre neuste Inszenierung, „Cow/Deer“, die ohne gesprochene Wörter auskommen soll, auf dem FIND-Spielplan. Ebenfalls überraschend für die Wahl des Festivaleröffnungsstückes ist es, dass Bluets schon 2019 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg lief, eine Art Vorstudie, wie Mitchell betont.
Live-Kamera-Aufnahmen dominieren
Was jedoch an diesem Mittwochabend auf der Bühne entsteht, hätte ruhig noch weitere Vorstudien vertragen können. Wie häufig bei Mitchells Stücken dominieren Live-Kamera-Aufnahmen, deren Entstehung durch Arbeit der gesamten Bühne (Alex Eales) offengelegt wird. Die Schauspieler:innen Eva Meckbach, Renato Schuch und Alina Vimbai Strähler verschwinden hinter den schwarzen Schemen des Technikgerümpels, das für die zweifellos kompliziert produzierten Bilder verantwortlich ist.
Was bleibt, ist eine riesige Projektion, in der die drei abwechselnd die Protagonistin Maggie mimen, während sie deren Monolog ebenfalls abwechselnd aus dem Off in Mikrofone sprechen. Hinter ihnen erscheinen währenddessen Straßenaufnahmen Berlins und Interieurs aus Wohnungen, Büros, öffentlichen Verkehrsmitteln, Krankenhäusern, Küche und Bar, so trist, dass man sie sich kaum hätte vorstellen können. Sollte es das Ziel gewesen sein, die Qual der menschlichen Existenz durch die belanglose Mittelmäßigkeit des schlechten Geschmacks auf der Leinwand zu vermitteln, gelingt dies mit vollem Erfolg.
Immer wieder beschwört Nelson die Ästhetik, ruft im Original durch listenhafte Ausführungen und dichte Querverweise unerwartete Bilder voll Schönheit im Kopf hervor. Auf der Berliner Bühne geschieht das genaue Gegenteil.
Während die drei Schauspieler:innen sich ergänzende Satzfragmente mit zwar sehr angenehmen, doch fast übermenschlich trainierten Sprecher:innenstimmen traurig in die Mikrofone hauchen, illustrieren sie das Gesagte in durch vor der Kamera arrangierte Objekte. Da werden Lapislazuli-Ketten und Farbtöpfchen, Knoppersbonbons und Spreequellflaschen durchs Bild geschoben. Geht’s um Sex, wird ein Dildo im Gleitgel geseift, kommt der Engel, klebt sich Schuch schnell assistiert die weißen Flügel an.
Absurd hoher Aufwand
Sind es nicht die Objekte, die die Filmübertragung bestimmen, blicken die Schauspielenden selbst depressiv unbestimmt in den Saal, meist in Bewegung, in Transit, durch die Stadt laufend, Auto fahrend, im Bus sitzend. Der Aufwand, der betrieben wird, diese Bilder entstehen zu lassen, inklusive zugefächerter Luft für Wind im Haar oder flirrender Lichter an der Ampel, ist absurd hoch für die visuelle Wirkung der Bilder, bei der die Körperbewegung der auf der Stelle laufenden Schauspieler:innen dann leider oft doch nicht so richtig synchron ist, mit den sich hinter ihnen bewegenden Filmausschnitten.
Dafür klappt die Mimik. Die vielen Schattierungen von Traurigkeit, Schmerz und Lust, die über die Gesichter der drei Darsteller:innen fliegen, ist vielschichtig und beeindruckend, es ist schade, dass man sich vor lauter Hintergrundgewusel kaum darauf konzentrieren kann, zu oft rutscht der Blick in die nicht uninteressante Hintergrundorganisation ab.
Die Nuancierung der Emotionen offenzulegen ist nachvollziehbar in der Intention, nur erklärt sich bei einer so leiblichen Textvorlage nicht, warum die eigentlichen Körper hinter all dem technischen Zeug verborgen werden. Zumal es sich bei der Bühnendirektbildübertragung nicht mal um eine neue Innovation handelt, Mitchell selbst arbeitet seit Jahren mit ihr.
Während Nelson stets durch radikale Selbstbespiegelung elegant scharf am Kitsch vorbeischreibt, wird hier in weinerlicher Uninspiriertheit die holzschnittartige Illustration zum Kerngeschäft des Stücks erklärt. Für die Fantasie bleibt bei all dem auf der Bühne schlicht kein Platz, und statt dem Sog der stechenden Schönheit versinkt man eher in einer nach Weichspüler duftenden Beklommenheit. Wenigstens dies, ein überaus körperliches Gefühl.
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