Theaterstück von Zombies in Hannover: Es gibt kein richtiges Leben im toten
Zombies sind die Minderheit und die Teigknetsimulation führt ein Eigenleben: Toshiki Okadas Satire „Sliding Away“ am Staatstheater Hannover funktioniert.
Gesellschaftliche Diversität und ihre Abbildung auf, vor sowie hinter der Theaterbühne sind asymmetrisch. Darf zur Abmilderung dieser Situation ein Mensch ohne Behinderung auch mal einen mit Behinderung darstellen? Dürfte ein alter, weißer Regisseur ein Stück inszenieren, das aus der Perspektive einer jungen Schwarzen Frau erzählt?
Wer einen Publikumsflop im Spielplan braucht, lässt diese aktuelle Repräsentationsdebatte im achtsamen Realismus um alle Fettnäpfchen herum diskutieren. Wie dieses Thema und dafür Zuschauer:innen ins Theater zu holen sind, dafür hat der Autor und Regisseur Toshiki Okada eine schlau-lustige Idee: Stellvertretend für die Menschen holt er Zombies auf die Bühne, die sich mit einem Filmdreh als Minderheit sichtbar machen, über einige Vorurteile aufklären und sich selbst ein bisschen empowern wollen.
Unter dem Titel „Sliding away“ ist das ein großer Spaß am Staatstheater Hannover. Auch wenn sich die Bühnenfiguren bei allen Zombies entschuldigen müssen, dass wider die reine Repräsentationslehre hier Menschen die Zombies darstellen müssen, da keine wankenden, blutsaugenden Gestalten im durchaus diversen Hannoveraner Ensemble herumgeistern, um das Theater in einen Raum der lebenden Leichen zu verwandeln.
Aber das sei schon ein Klischee, kritisieren die Zombies. Dadurch, dass sie von Menschen erschaffen worden sind – erst für den haitianischen Voodoo-Kult, dann für ein Film- und Literaturgenre – seien sie schon Opfer von struktureller Gewalt. Sie würden nie als Individuen mit Gefühlen wahrgenommen, seien nur stereotyp als monströse Objekte in der Popkultur präsent sowie als Animateure unserer Angst vorm Tode verschrien. „Und Menschen wollen andauernd Metaphern aus uns machen.“ Etwa für „unreflektierte Unterwerfung unter den Konsumismus“, dieses innerlich tot, äußerlich noch nicht gestorben sein.
Es gibt kein richtiges Leben im toten. Aber die Zombies geben zu, Menschen auch als Metaphern für „Egoismus, für Heuchelei, für das Aussetzen von Urteilsvermögen, für eine erschreckend geringe Empathiefähigkeit“ zu behandeln. Aber sie hegten keinen „physiologischen Ekel gegenüber Menschen“. Es sind dieser Perspektivwechsel, durch die Anderen auf sich selbst zu blicken, und das fantastische Ensemble, die den Abend reizvoll machen.
Kilian Ponert gibt als Elastiboy eine hinreißende Ich-bin-Schauspieler-Parodie, Meryem Öz ist die lässig klügelnde Regisseurin und als Filmmusikkomponistin sucht Ann Ayano mit Neuer Musik nach Klängen für die seelischen Abgründe der Zombies. Ein kauzig versonnen agierender Jan Meeno Jürgens und der mit seiner Joker-Bösewichtelei herausragende Jirka Zett geben Regieassistenten.
Das Filmset zeigt ein Autowrack als zerbeultes Denkmal des zeitgenössischen Autofetischismus, aus dem sich auch die Praxis speist, Blechkisten als Lebens- und Schutzraum vor Zombieattacken zu nutzen. Aber leider werden solche Szenen nicht, ja, es wird gar keine Szene gedreht. Die restliche Filmcrew wurde von irgendeinem Erdloch verschluckt. Also feiert Okada statt Handlung seine Spielästhetik. Jede Figur hat eine eigene Haltung, kommt hängeschulterig, stolzgerade oder zappelig verbogen daher.
Daraus entwickelt sich eine Choreografie der Arme und Hände, der Beine und Hüften, was den ganzen Körper ständig in Bewegung hält. Eigentümlich ist die Asymmetrie zwischen verbalem und physischem Ausdruck. Wenn von der Tragödie die Rede ist, dass Zombies nicht ins Kino gehen, weil sie sich in Zombiefilmen nicht wiedererkennen, rotieren die Hände des Sprechenden quirlend durch die Luft, gehen ins Schütteln über. Arme flattern oder wedeln. Zucken. Schlenkern. Rudern. Verkrampfen zur Teigknetsimulation.
Den Körper von der Bedeutung der Sprache befreien
Diese überbetonten und zerdehnten Alltagsgesten oder Ticks führen ein Eigenleben. Was in vorherigen Arbeiten Okadas gern als Ausdruck unterdrückter Regungen interpretiert wurde, die der Körper unabhängig von den sich selbst und der Welt entfremdeten Menschen ausagiert. Jetzt erklärt Okada im Programmheft, warum er den Schauspielkörper von der Bedeutung der Sprache befreit: „Dann erscheint er merkwürdig – und auch komisch.“ Vielleicht wurde seine Regiekunst bisher überschätzt.
Es geht nicht um ein neues Tanztheater der physisch-psychischen Ambivalenzen, sondern um die körperlich spaßige Verschnörkelung eines ironisch bis satirisch amüsierenden Textes. Das funktioniert bestens. Es lebe die Asymmetrie zwischen der ausgetüftelten Form und behaupteten Bedeutungstiefe.
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