piwik no script img

Kunst der WocheDie Welt ist krank

Im Projektraum Orbit verwandelt Romain Löser kranke Digitalität in analoge Technik mit widerständigem Humor. Den findet man auch bei der Malerin Tanía H. Cruz bei Kraupa-Tuskany Zeidler.

D ass die wirklich großen Großformate, die im Projektraum Orbit auf der Lützowstraße im Souterrain hängen, keine digitalen Riesendrucke sind, versteht man eigentlich erst so richtig beim ganz genauen Hinsehen. Meist sind es Farbverläufe, die sich hier über die riesigen Papierbögen erstrecken, die Hintergründe so gleichmäßig koloriert, sie erinnern an Desktopoberflächen, Bildschirmschoner, die Regenbogenfarben der Apple-Warte-Rädchen und das „Liquid Glass Design“ der Tech-Firma.

Romain Löser hat sie dort aufgehängt, teils knapp über den Türen, damit die Sichtachsen in dem großen Souterrain stimmen. Tritt man näher heran, sind es nur die vereinzelt sichtbaren Pigmente, die verraten, dass es sich hier um große Aquarelle handelt: So ebenmäßig ist der Verlauf, so makellos glatt das Papier. Um sie herzustellen, wählt Löser das Material genau aus, weicht Bögen und Pigment teils über Tage ein, trägt mehrschichtig in breiten Strichen die Töne auf, bis das Papier fast durchgefärbt erscheint.

Das Collagierte, Geschichtete eint Lösers Werke, die Kuratorin Domenika Jerkic in die Schau „Conspiracy Management“ aufgenommen hat. Die Illusion des Digitalen ist gewollt, doch die schöne shiny Welt ist krank. Ausgeschnittene Fotos von schwarzen Löchern, die Löser auf öffentlichen LED-Bildschirmen in der Stadt gefunden hat, starren wie hohle Augen aus den glatten Flächen, doch es sind keine Glitches, keine Anzeigefehler, die hier fotografiert wurden, sondern sterbende Lichtzellen in der Hardware: stirbt eine, so stirbt auch ihr Umfeld. Nur eine der dicken Metaphern, die sich in den Arbeiten finden lassen.

Die Ausstellungen

Romain Löser. „Conspiracy Management“, Orbit International, Berlin, bis 30. Oktober

Tanía H. Cruz. „Pixie Theatre“, Kraupa-Tuskany Zeidler, Berlin, bis 7. November

Es geht in ihnen nicht nur um den Zusammenhang der unterschiedlichen Medien inklusive ihrer Illusionen und Versprechen, sondern auch gleich noch um Transformationen, KI, Gesellschaft, das Heilige und das Profane. Und wenn die Gesichter noch ausgeschnittene, vergrößerte Abbilder von Wassertropfen auf Retina-Bildschirmen erhalten, die wie dicke Rotznasen aus der anthropomorphen Anmutung mit Namen wie „Dystopie Végétative“ (Vegetative Dystopie) oder „Angine Cérébrale“ (Gehirnangina) quillen, auch um jede Menge Humor.

Dieser durchzieht auch Tanía H. Cruz’ „Pixie Theatre“ bei Kraupa-Tuskany Zeidler. Doch ist bei Löser das Werk wie aus einem Guss, entzieht sich die Malerei der erst 28-jährigen New Yorkerin einem klaren Stil. Zwischen altmeisterlichem Licht, fotorealistischer Figuration und Wilhelm-Buschigen, illustrativen Strichen setzt sie hier Gefühl und Assoziation über geschlossene Narration – und zeigt ganz nebenbei was für eine handwerklich ausgebildete Malerin sie ist. Hier springt der Blick über die unterschiedlichen Werke und kann sich am Ende doch nicht ganz zwischen Unbehagen und der erleichterten Entladung im Witz entscheiden.

Am Ende bleibt er bei einem großen Querformat im hinteren Raum hängen. „The usual way“ (Die übliche Art) heißt es und zeigt neugierig verzweifelten „Pixies“ beim Porträtsitzen und Malen. Ob man sich hier selbst malt oder in vielen Formen erscheint, ist dabei nicht wichtig. Die Bildwürdigkeit im Format, der Metawitz und die malerische Qualität bis in die letzte Hintergrundecke hingegen schon.

Hilka Dirks

Hilka Dirks Redakteurin Kultur

Redakteurin für Berlinkultur & Theater. Freie Autorin und Grafikerin. Studierte Erziehungswissenschaften, Philosophie, visuelle Kommunikation (B.A.) und Grafikdesign (M.A.) in Berlin. Promoviert an der UdK Berlin. Organisiert unregelmäßig Veranstaltungen im Bereich Kunst und Literatur und schreibt gerne Essays für den Deutschlandfunk.
Mehr zum Thema

0 Kommentare