Berliner Clubszene: Weitertanzen in totgesagten Clubs
Die Clubcommission hat eine neue Studie zur Lage der Berliner Clubkultur veröffentlicht. Die Tanzflächen sind voll, der wirtschaftliche Druck bleibt.
An Bord der Hoppetosse ist es an diesem Freitagnachmittag vergleichsweise still. Der laute Technosound zieht von einem Hausboot herüber, das gemütlich vorbeitreibt. Auf dessen Deck stehen fünf Männer mit Getränken in der Hand, die den BesucherInnen der Pressekonferenz zuprosten – gelebte Feierkultur, wie sie aus Berlin nicht wegzudenken ist. Wie sich diese in den vergangenen Jahren verändert hat, stellt die Clubcommission in ihrer Studie zur Lage der Berliner Clubkultur vor. Ein Fazit: Die Feierkultur lebt noch immer – aber sie braucht bessere Rahmenbedingungen.
Erst 2024 wurde die Berliner Clubkultur zum UNESCO-Kulturerbe ernannt. Das habe den ClubbetreiberInnen allerdings finanziell nicht wirklich geholfen – etwa durch besseren Zugang zu Förderung –, hält Kai Sachse, Geschäftsführer der Clubcommission und Projektleiter der Studie, fest.
Insgesamt 163 AkteurInnen der Berliner Clubkultur wurden befragt, 102 Fragebögen wurden vollständig ausgefüllt. So ist eine umfassende Datenerhebung entstanden, die erstmals seit 2019 wieder vom Forschungsinstitut Goldmedia und der Clubcommission Berlin im Auftrag der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe durchgeführt wurde. Was zeigt sich also sieben Jahre später, nach einer Zeit, in der vor allem Corona und Inflation die Club- und Kulturlandschaft vor Herausforderungen stellten?
Ausverkauft heißt nicht rentabel
Eine positive Nachricht: Clubs sind weiter nachgefragt. Obwohl eine ganze Generation während der Pandemie soziokulturell nur bedingt ans stundenlange Feiern vor wummernden Soundanlagen herangeführt werden konnte, erhalten viele Veranstaltungen der Befragten großen Zuspruch.
„Viele Menschen würden wegen der Clubs nach Berlin ziehen und auch dort bleiben. Clubs sind nach wie vor ein Teil von Berlins DNA“, sagt Wirtschaftsstaatsekretär Michael Biel (SPD). Und in noch einem weiteren Ergebnis der Studie sieht Biel ein positives Zeichen: Trotz 24 Schließungen von Club- und Kulturstandorten entstanden im gleichen Zeitraum 25 neue Orte.
Dass der Begriff „Clubsterben“ trotzdem in aller Munde ist, hängt laut der Studie damit zusammen, dass die öffentliche Wahrnehmung durch die Schließung langjährig bestehender und identitätsstiftender Clubs wie Watergate oder Schwuz geprägt werde. Das bilde jedoch die Komplexität der Gesamtentwicklung nicht vollständig ab. Wo etablierte Standorte verschwinden, entstünden neue Orte, Kollektive und Nutzungskonzepte.
Trotzdem ist der wirtschaftliche Druck auf die Kulturstätten enorm: Nur noch 61 Prozent der Clubs arbeiten kostendeckend. Personal- und Betriebskosten sowie die sinkende Kaufkraft des Publikums werden von den Befragten als finanzielle Hauptbelastung genannt. 71 Prozent der Clubs liegen in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln – den Orten, wo der finanzielle Druck auf Flächen und Immobilien am höchsten ist. Nur acht Prozent der Spielstätten besitzen ihre Räumlichkeiten selbst, 31 Prozent arbeiten mit Miet- oder Pachtverträgen unter fünf Jahren Laufzeit. Das bietet wenig Planungssicherheit für BetreiberInnen und ihre Angestellten.
Am Tresen fließt kein Geld mehr
Ebenso hat sich die wirtschaftliche Basis grundlegend verschoben. Während 2017 noch rund 60 Prozent der Einnahmen aus Gastronomie und Getränkeverkauf hervorgingen, ist dieser Anteil 2025 auf 20 Prozent gesunken. Nun sind Eintrittsgelder die wichtigste Einnahmequelle – zum Leid für finanziell Schwächere. Die Befragung von 22- bis 28-Jährigen BerlinerInnen bietet als qualitativer Teil der Studie Einblick in das veränderte Konsumverhalten. „Aus Sicht der Clubs trinken BesucherInnen weniger Alkohol, außerdem hat sich die Aufenthaltsdauer verkürzt“, so Klaus Goldhammer vom Forschungsinstitut Goldmedia.
Wenn am Tresen das Geld ausbleibt, müssen sich die BetreiberInnen neue Angebote und finanzielle Anpassungen überlegen. Immer öfter werden FremdveranstalterInnen und Kollektive in die eigenen Räumlichkeiten geholt. Die Tendenz der BesucherInnen, auf der Tanzfläche nüchtern zu bleiben, steige, sagt Goldhammer. In den qualitativen Interviews wurde laut Kai Sachse außerdem deutlich, dass Awareness und Saferspace-Angebote an Wichtigkeit gewinnen. „Auf persönlicher Ebene wurde immer sehr positiv über die Clubkultur gesprochen, auf der strukturellen war größerer Pessimismus zu sehen.“
Um dem entgegenzuwirken, nennt die Studie konkrete Handlungsfelder für BetreiberInnen und Politik. So würde es Clubs helfen, sie auf Landes- und Bundesebene als Kulturstätten anzuerkennen, um beispielsweise Abhilfe bei kurzen Mietdauern und fehlenden Räumlichkeiten zu schaffen. Außerdem müsse dafür gesorgt werden, die Kulturstätten verlässlich zu fördern.
Gelingen könnte das etwa mit einem Club-Euro-Modell. Ein solidarisches Ticketmodell, bei dem ein Euro auf jedes Ticket aufgeschlagen wird und dann etwa zur Förderung kleinerer Spielstätten genutzt werden kann. Außerdem gelte es, landeseigene Immobilien systematisch für die Clubkultur zu öffnen.
Wie ernst diese Forderungen auf politischer Ebene genommen werden, wird sich nach den Berliner Wahlen im September zeigen. Ändern muss sich jedoch etwas an der prekären wirtschaftlichen Lage der Clubs: Immerhin 23 Prozent denken darüber nach, ihren Betrieb in den nächsten zwölf Monaten aufzugeben.
Wirtschaftsstaatssekretär Michael Biel spricht sich mit Blick auf die Wahlen für eine härtere Regulierung von Mieten sowie für eine Grundsteuer aus, die für die Spielstätten nicht zum Existenzrisiko heranwächst. Die Clubcommission äußert sich hingegen bewusst noch nicht zu politischen Forderungen: Man sei mit allen demokratischen Parteien im Austausch.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert