Filmfestspiele in Venedig: Verrückte gibt es hier nicht
Die Filmfestspiele von Venedig bieten: Pädophilie, die Arbeit in einer Jugendpsychiatrie, Grundlagen der Philosophie und Abgründe von Reality-TV.
Großer Jubel: Lucia (Malou Khebizi) ist zurück. Wo genau, ist am Anfang nicht ganz klar. Zwei Polizisten haben sie die Treppe hoch begleitet, in einen nüchternen Empfangsraum, wo sie von einer Krankenschwester mit einem knappen „Wieder da?“ begrüßt wird. Bevor die 17 Jahre alte Lucia aber zurück zu den anderen Jugendlichen kann, prüft die Schwester ihre Taschen. Feuerzeuge, Scheren, alle potenziell gefährlichen Gegenstände muss Lucia abgeben.
Der französische Regisseur Cédric Kahn stellt in seinem Beitrag zum Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig, dem Spielfilm „15/18“, das Innenleben einer Jugendpsychiatrie vor. Lucia, die erste Protagonistin, wirkt lebensfroh, etwas übermütig, wobei ihre heftigen Reaktionen insbesondere auf das Psychiatriepersonal deutlich machen, dass etwas bei ihr nicht stimmt. Als der neue Arzt Jules kurz eingewiesen wird, erfährt er, dass Lucia schon mehrere „SV“ (Selbstmordversuche) hinter sich hat, wie mehrere Insassen der Station.
Kahn hat für seinen Film vorwiegend mit Laiendarstellern gearbeitet. Die alle wie geschaffen wirken für ihren Part und ihre Rollen perfekt verkörpern, von den verschlossenen, durch frühen Missbrauch Traumatisierten bis zu den explosiv Gewalttätigen. Keine Figur wirkt dabei exponiert. „Verrückte gibt es hier nicht“, wiederholt der Stationsarzt unermüdlich. Und bei allem Ernst verstehen es Patienten wie Personal oft genug, eine Situation mit Witz aufzulösen.
Vor der Allgegenwart der sozialen Medien
Schwerer dagegen nimmt es Lance Oppenheim im Wettbewerb in seinem überdrehten Thriller „Primetime“. Robert Pattinson spielt darin den Fernsehmoderator Chris Hansen. Den gibt es wirklich, und seine Serie „To Catch a Predator“ hatte beim Sender NBC zwischen 2004 und 2007 großen Erfolg. Sein Konzept: Er lässt „Jugendliche“ online mit Pädophilen in Kontakt treten und stellt die Männer beim ersten geplanten Date vor laufender Kamera bloß. Von da laufen die überführten Täter der Polizei direkt in die Arme.
Die Serie ist so pervers wie die „Raubtiere“, die Hansen mit medialen Mitteln öffentlich bloßstellen will. Robert Pattinson wirkt mit seinem knochigen Profil und den stets glatt gekämmten Haaren selbst wie jemand, dem man nachts nicht allein auf der Straße begegnen möchte. Oppenheim nutzt viel pixeliges Digitalvideomaterial, um seinem Film ein wenig Nostalgie zu verpassen, immerhin spielt er in der Zeit vor der Allgegenwart der sozialen Medien.
Mit Situationskomik kann er die geballte Heftigkeit seines Themas dabei nur bedingt leichter verdaulich machen. Das exzessive Eintauchen in Abgründe der Medienwelt mit ihren unscharf gewordenen Grenzen, was zeigbar ist und was nicht, bekommt durch den energischen Drive bei Oppenheim sogar etwas leicht affirmativ Zelebratorisches.
Pädophilie ist auch das Thema von Paul Schraders außer Konkurrenz laufendem Drama „The Basics of Philophy“. Dessen Hauptfigur John Jorrisen (Jack Huston) lehrt als Philosophieprofessor an einem College, ist liiert mit der Kollegin Rebecca (Sofia Boutella) und scheint sein Leben weitgehend im Griff zu haben. Jedenfalls merkt man ihm den Willen an, es so gewissenhaft wie möglich zu kontrollieren.
Ein Fehltritt aus vorakademischer Zeit
Jorrisen arbeitet an einem Buch über Spinoza, mit dem er nicht nach Wunsch vorankommt. Spinozas Theorie von Vernunft als etwas Befreiendem scheint er im eigenen Leben durch rationales Verhalten nachkommen zu wollen. Dass Spinoza ein deterministisches Weltbild vertrat, in dem „alles vorherbestimmt“ ist, kollidiert dabei mit Johns Weltbild: Ein „Fehltritt“ aus seiner vorakademischen Zeit mit einem Jugendlichen, den er damals als Klavierlehrer unterrichtete, droht ihn einzuholen und seinen kompletten Lebensentwurf zu bedrohen.
Schrader erzählt das mit der für ihn üblichen Schwerblütigkeit, leider auch ziemlich ungelenk. Seine Rückblenden in Schwarz-Weiß muten fast kitschig an. Für einen (unfreiwilligen?) Höhepunkt sorgt eine Begegnung Johns mit Spinoza, bei der Karl Glusman in der Rolle des Philosophen mit der Grenze zur Travestie spielt. Immerhin.
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