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Aus dem Tagebuch des Fifa-PräsidentenAuch im Fußball menschelt es

Es hagelt Kritik an leeren Plätzen in den angeblich ausverkauften WM-Stadien. Dabei gehören die zu den Geschichten, wie sie nur der Fußball schreibt.

13. Juni 2026

M it großer Dankbarkeit schreibe ich diese Zeilen. Denn ich hatte das Privileg, in allen drei Gastgeberländern dieses Turniers an den Eröffnungsfeiern teilzunehmen. Noch kein Fifa-Präsident vor mir hat eine WM gleich dreimal eröffnet. Dieser Einzigartigkeit bin ich mir sehr wohl bewusst.

Was viele aber nicht wissen und was auch ich angesichts dieses in der Menschheitsgeschichte einmaligen Ereignisses bisweilen vergesse: Auch ein Gianni Infantino ist letztlich nichts anderes als ein Mensch. Menschliche Bedürfnisse sind auch einem Fifa-Präsidenten nicht fremd. Er isst, trinkt, schläft und muss bisweilen auch sanitäre Anlagen aufsuchen. Ist das der Fall, muss er den Platz verlassen, den er bis dahin eingenommen hat.

Fast ein Portrait
Bild: Rattelschneck
Giannis geheimes Tagebuch

Gianni Infantino ist immer am Ball. Überall. Bei der Fußball-WM in Mexiko, Kanada und den USA natürlich erst recht. Da kommt niemand mehr hinterher. Außer der Fifa-Präsident selbst. Vielleicht. Die taz hat Zugang gefunden zu seinem geheimen Tagebuch. Alle Tagebucheinträge finden Sie hier.

Dieser Platz ist dann für eine gewisse Zeit nicht besetzt. Sollte eine Fernsehkamera genau jenen Moment einfangen, in dem der Inhaber dieses Platzes gerade woanders im Stadion unterwegs ist, dann wäre nichts als ein leerer Sitz im Bild. Wer diese Bilder nutzt, um eine Generalkritik an der Fifa vom Stapel zu lassen, dem fehlt jedes Verständnis für menschliche Bedürfnisse.

WM-taz-Logo
Die taz bei der Fußball-WM

Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.

Ich verstehe, dass sich viele Menschen Gedanken machen, wenn sie leere Plätze in einem WM-Stadion sehen. Welches Kind auf dieser Erde träumt nicht davon, einmal im Leben ein Spiel zwischen Südkorea und Tschechien zu sehen? Und wer würde nicht alles in Bewegung setzen, um ins Stadion zu gelangen, wenn er erfahren würde, dass er das Recht zugelost bekommen hat, eine Karte für die Partie Katar gegen die Schweiz zu kaufen? Auch ich bin glücklich, dass ich diesem Spiel beiwohnen durfte. Aber gerade wer sich etwa aus der Mongolei auf den weiten Weg nach Guadalajara gemacht hat, der hat vielleicht irgendwann Hunger.

Natürlich könnte sich die Fifa dafür sorgen, dass in den Stadien weder Getränke noch Speisen angeboten werden, solange das Spiel läuft, damit es nur ja keinen Grund gibt, seinen Sitzplatz zu verlassen. Stewards und die wunderbaren Volunteers könnten darauf achten, dass Fans, die sich einmal gesetzt haben, ihren Platz nicht mehr verlassen. Auf den Fernsehbildern wären dann stets gut gefüllte Tribünen zu sehen. Aber wollen wir das? Ist das unser Ziel? Oder geht es nicht vielmehr auch darum, den Menschen, die viel Geld dafür bezahlt haben, damit sie mit unserem Namen auf ihren Produkten werben können, zu ermöglichen, genau diese Produkte in den Stadien verkaufen zu lassen.

Meine Eltern haben fast ihr ganzes Leben lang einen Kiosk betrieben. Auch ich habe dort, als ich noch Schüler war, ausgeholfen und bisweilen Getränke verkauft, deren Hersteller heute zu den großen Partnern des Fußballs gehören. Das ist für mich eine Geschichte, wie sie nur der Fußball schreibt. Mögen andere einen Skandal sehen, ich bin ich immer auch ein wenig gerührt, wenn ich eine leere Sitzschale in einem Stadion sehe.

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Gianni Infantino

Gianni Infantino Fifa-Präsident

In meinem Tagebuch beschäftige ich mich hauptsächlich mit mir selbst. Es geht aber auch um meine Rolle im Fußball und mein Verhältnis zu den anderen Mächtigen in der Welt.
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5 Kommentare

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  • Bin mal gespannt, wieviel Plätze beim Spiel Deutschland gegen Curacao frei bleiben. Nun gut, wenn die Hälfte der Bewohner Curacaos angereist sind, dann ist das Stadium sicher gefüllt.



    Ansonsten frage ich mich, warum die Zuschauer nicht mal 90 Minuten auf ihrem Allerwertesten sitzen bleiben können. Zum Essen, Trinken und Pinkeln kann man doch vorher oder nachher gehen.

    • @Il_Leopardo:

      Erst recht bei den Preisen würde ich für „Bedürfnisse“ keine Minute der Veranstaltung verpassen wollen (wenn ich diesen Monetärwahnsinn überhaupt mitmachen würde). Und die Verpflegungspreise dürften auch gewaschen sein.



      Gremienmitglieder kann man sowieso nicht als Fans betrachten. Bei den spannendsten Davis Cup Wettkämpfen saßen die „Spitzen“ abseits des Tennisplatzes (ohne Sicht auf das Geschehen) bei Sekt und Speisen.

  • Die nächste Feindes-taz?

    Ernsthaft sehe ich aber in freien Sitzen keinen Skandal. Ein bisschen Logen-Hoppen könnte es sein, ein Spekulant, der sich verzockte, ja, mei. Es ist nur schade, denn selbst infantinolisierter Fußball bleibt sehenswert.

  • Abhilfe gegen leere Sitze:



    Sekundenkleber!

    • @Willi Müller alias Jupp Schmitz:

      Ach: Minutenkleber, was sage ich: Terzenkleber!