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Armeekleidung für Frauen in der Ukraine„Frauen sind keine kleinen Männer“

Fast 75.000 Frauen kämpfen in der ukrainischen Armee. Doch es fehlt an passgenauen Schutzwesten und Uniformen. Das kann gefährlich werden.

Aus Kyjiw

Julia Surkowa

Es war gleich zu Beginn der russischen Vollinvasion: Beim Befehl „Luftalarm!“, sprang die ukrainische Soldatin Nataliya Lischschyschena von einem Lkw. Die 18 Kilo schwere Standard-Schutzweste schlug schmerzhaft gegen ihre Brust. Doch sie wusste, dass sie in Lebensgefahr schwebte und beachtete den Schmerz nicht weiter. Der Befehl „Luftalarm“ ertönte noch häufig an diesem Tag.

Als sie abends ihre Schutzweste auszog, bemerkte Nataliya große blaue Flecke an ihrem Oberkörper. Dann wurde ihre Einheit verlegt, der Krieg ging weiter, die blauen Flecke verschwanden und Nataliya dachte nicht weiter darüber nach. Bis einige Jahre später eine Krebsvorstufe bei ihr diagnostiziert wird, was dazu führte, dass ihre beiden Brüste amputiert werden mussten.

Nataliya Lischschyschena war eine der ersten Soldatinnen in der Ukraine, die dokumentierte, dass sie durch das Tragen einer regulären kugelsicheren Weste der Armee gesundheitliche Schäden erlitten hat.

Die „Standardweste“ genannte Schutzkleidung, den Nataliya trug, kann man eigentlich als männliche bezeichnen. Denn sie wurden für Männerkörper gemacht. Und obgleich heute fast 75.000 Frauen in den ukrainischen Streitkräften (ZSU) dienen, gibt es für sie noch immer keine anatomisch angepassten Schutzwesten, keine eigenen Uniformen, nicht einmal Frauenunterwäsche.

Julia Surkowa

berichtet seit über zehn Jahren für westliche Medien über die Ereignisse an der Front in der Ukraine und humanitäre Fragen im Kriegskontext. Sie ist spezialisiert auf Vor-Ort-Reportagen und Geschichten über Kinder, die unter den Folgen der Kampfhandlungen leiden.

Eine Frau ist nicht einfach ein kleiner Mann

Im Juli dieses Jahres gab das ukrainische Verteidigungsministerium bekannt, dass Soldatinnen in ZSU-Kampfeinheiten zum ersten Mal seit Beginn des Krieges in der Ostukraine 2014 mit speziell für die weibliche Anatomie entwickelten Schutzwesten ausgestattet wurden. Diese erste Lieferung umfasste allerdings nur 2.000 Stück. Es waren die ersten solcher Westen seit Beginn des Krieges in der Ostukraine im Jahr 2014.

„Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ich habe eine Frage an den Staat: Was ist teurer – eine anatomisch angepasste Schutzweste oder die Rehabilitation und Prothesenversorgung nach einer Verletzung?“, fragt die 45-jährige Nataliya Lischschyschena rhetorisch. Nataliya ist mittlerweile verrentet. Aufgrund ihres Gesundheitszustandes kann sie nicht mehr arbeiten und hat jetzt einen Invalidenstatus.

„Ich habe zufällig von meiner Erkrankung erfahren. Als ich mich wegen Lungenproblemen untersuchen ließ, überwies mich die Ärztin zusätzlich an einen Brustspezialisten. Bei mir wurden Milchgangspapillomen mit blutigem Brustwarzenausfluss (engl.: Mintz’s disease) diagnostiziert. Ohne Operation und Entfernung der Brustdrüsen hätte sich der Tumor zu einem bösartigen entwickeln können“, erzählt Nataliya, die sich mittlerweile aktiv für Menschenrechte einsetzt.

Frauen haben Brüste. Aber aus irgendeinem Grund wird dies nicht berücksichtigt

Nataliya Lischschyschena, ehemal. Soldatin

Mehrere ukrainische Ärzte meinen, dass Nataliyas Krankheit unter anderem durch das Tragen einer nicht passenden Herren-Schutzweste ausgelöst worden sein könnte.

„Frauen haben Brüste. Aber aus irgendeinem Grund wird dies nicht berücksichtigt, wenn es um Uniformen und Schutz geht. Frauen sind keine kleinen Männer. Darum ist es keine Lösung, einer Frau eine Schutzweste, einen Helm und eine Uniform in Männergröße zu geben“, erklärt Nataliya.

Die ehemalige Soldatin setzt sich jetzt für ein staatliches Programm zur kostenlosen Brustprothesenversorgung für diejenigen Soldatinnen und Veteraninnen ein, bei denen die Brust amputiert werden musste.

„So eine Operation kostet 7.000 Euro. Das ist viel Geld, das Veteraninnen wie ich einfach nicht haben. Ich könnte mir zwar die Prothesen mithilfe von Spendengeldern finanzieren, aber das will ich aus Prinzip nicht. Ich möchte auch für die anderen Frauen dazu beitragen, dass es in der Ukraine ein staatliches Programm für sie gibt“, sagt Nataliya.

Ausstattung von Frauen hat keine Priorität

Khrystyna, Kampfname „Kudryawa“ (die Lockige), Oberstleutnantin der Nationalgarde der Ukraine, hat heute einen ihrer seltenen freien Tage. Den nutzt sie, um im Kyjiwer Büro der gemeinnützigen Organisation Semljatschki (Deutsch: Landsmänninnen) vorbeizuschauen. Die ukrainische Freiwilligenorganisation versorgt Soldatinnen mit Uniformen und Ausrüstung.

Khrystyna probiert die Uniform an, sie sitzt perfekt. Bequem, funktional, passende Größe und dazu, als kleiner „Frauenbonus“, eine Stickerei am Kragen. Es ist eine Uniform der Organisation Semljatschki, die Armee gibt solche Uniformen nicht aus.

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Seit 2013 ist Khrystyna bei den Streitkräften. In dieser Zeit hat sie beobachtet, wie sich die Rolle der Frau im Krieg und die Einstellung dazu verändert hat. Zu Beginn der russischen Vollinvasion war sie im Osten der Ukraine. Der Kommandeur versuchte, sie ins Hinterland zu schicken. Aber Khrystyna beharrte auf ihrem Recht, dort zu bleiben, wo sie am effektivsten und sinnvollsten eingesetzt werden konnte.

Bis 2013 waren Frauen in der Armee eher die Ausnahme als die Regel. Damals waren Frauen entweder Sanitäterinnen oder arbeiteten im Verwaltungsbereich. Nach 2014 änderte sich dies dank der Frauen, die sich nach der Revolution der Würde, dem Euromaidan, der Verteidigung der Ukraine anschlossen, sagt Khrystyna.

Olivfarbige Männerunterwäsche in Übergröße

Sie waren praktisch schon im Angriff, bei der Aufklärung oder der Infanterie eingesetzt, wurden aber in den Unterlagen als Näherinnen oder Sachbearbeiterinnen geführt. Und dank ihres Engagements wurden in der Ukraine endlich offiziell rund 70 Kampfposten für Frauen in den Streitkräften geschaffen“, erzählt die Oberstleutnantin, die schwere Kämpfe in den Regionen Luhansk und Donezk sowie in Hostomel bei Kyjiw mitgemacht hat.

Die schwierigen Bedingungen an der Front wurden für Khrystyna durch das Fehlen geeigneter Uniformen und Ausrüstung noch schwerer.

„Ich weiß noch, als wir einmal Unterwäsche bekamen. Das waren diese großen, olivgrünen Armeeunterhosen für Männer, die unter der Uniform herunterrutschen, und Männer-T-Shirts. Ich habe mir zwei Paar dieser Unterhosen genommen. Ich weiß gar nicht, wozu. Ich habe einfach meinen Lieblingsgedichtband darin eingewickelt, denn anziehen kann man das ja nun wirklich nicht“, erzählt Khrystyna lachend.

Doch über Schutzwesten und Helme möchte sie keine Witze machen. Denn wenn die nicht richtig sitzen, kann das im Krieg schnell gefährlich werden. „Frauen mit passender Ausrüstung zu versorgen hat keine Priorität. Für uns in der Ukraine haben gerade Luftabwehrsysteme Vorrang“, sagt sie.

Auf den Karton mit der Damenuniform schreibt sie mit Filzstift: Wir sind stolz auf dich.

Die Uniform als „zweite Haut“

Die 27-jährige Khrystyna Delin, die Semljatschki mitgegründet hat, packt sorgfältig eine Damenuniform, einen Schlafsack, ein Buch, ein Erste-Hilfe-Set und Handcreme in einen Karton, auf den sie mit Filzstift schreibt: „Wir sind stolz auf dich.“ Seit Beginn des umfassenden Krieges hat die Organisation über 31.000 solcher Anfragen von Frauen in den ZSU bearbeitet.

„Wenn man ins Fitnessstudio geht, zieht man sich bequeme Kleidung an, damit man die Übungen richtig durchführen kann. Und genau so muss auch die Uniform für Soldatinnen wie eine zweite Haut sitzen. Man muss sich darin wohlfühlen, um kämpfen zu können“, sagt Delin. „Aber die Frauen haben Uniformen in den Größen L und XL bekommen, die haben sie selber mit Schnüren zusammengebunden oder enger genäht“, erzählt sie, während sie durch die Lagerräume der Organisation geht, die mithilfe von Spenden finanziert werden.

Überall stehen hoch aufgestapelt Kartons mit Dingen, die täglich von Soldatinnen bestellt werden. 95 Prozent der Anfragen betreffen Uniformen, dann anatomisch passende Schutzwesten und Unterwäsche. Im letzten Jahr ist die Zahl von Frauen in den ZSU um fast 7.000 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

Sowohl Nataliya als auch Khrystyna „Kudryawa“ sagen, dass sich die Situation hinsichtlich der Einbindung von Frauen in die Armee endlich aus der Sackgasse bewegt. Und ihrer Meinung nach wird es gerade der Ukraine zukommen, Frauen diesen Weg zu ebnen.

Die Ukraine als Vorreiterin

„Kein anderes Land bietet eine zeitgemäße Lösung für die geschlechtergerechte Einbindung von Frauen in die Armee an. Wir haben nicht einmal ein Vorbild, an dem wir uns orientieren könnten. Wir sind derzeit eines der wenigen Länder, das über so umfangreiche Erfahrungen mit modernen Kampfhandlungen und dementsprechend mit der Suche nach Lösungen auf dem Schlachtfeld verfügt – sowohl was die Uniformen als auch die Bewaffnung betrifft“, sagt Hauptmann Khrystyna Boitschuk, die aktuell im Aufklärungsdienst arbeitet. „Gerade wir werden dieses patriarchalische System ändern müssen“, ist sie überzeugt.

Währenddessen packt Khrystyna Delin im Semljatschki-Lager noch ein paar Kartons. Morgen werden die Uniformen zu Frauen an der Front geschickt – und noch ein paar Soldatinnen mehr werden ihre „zweite weibliche Haut“ erhalten.

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

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