Argentinien steht im Finale: Party mit Protestnote
In Argentinien wird nicht nur der Halbfinalsieg über England gefeiert. Bejubelt werden auch die Spieler, die mit einem Laken eine politische Botschaft senden.
Foto: Nick Potts/PA Wire/dpa
Argentinien jubelt. Kaum war in Atlanta der Schlusspfiff im Halbfinalspiel gegen England ertönt, strömten die Menschen zu Zehntausenden auf die Straßen und Plätze in ganz Argentinien. Die größte Menschenmenge versammelte sich rund um den Obelisken auf der breiten Avenida 9 de Julio im Zentrum von Buenos Aires, auf der bis in die Nacht der Einzug ins Finale gefeiert wurde. „Ein Sieg für die Ewigkeit“, titelte die argentinische Tageszeitung La Nación.
Argentinien besiegte England im Stadion von Atlanta mit 2:1 und verteidigt nun seinen Titel gegen Spanien. In einem hart umkämpften Spiel drehte die argentinische Mannschaft in der Schlussphase die Partie und sicherte sich innerhalb von sieben Minuten durch ein Traumtor von Enzo Fernández und einen Kopfballtreffer von Lautaro Martínez in der Nachspielzeit den Sieg. Es war der zweite WM-Erfolg einer argentinischen Mannschaft gegen England nach regulärer Spielzeit, nach dem legendären 2:1 bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko.
Nicht nur das identische Endergebnis wie 1986 ließ bei vielen Fans Erinnerungen an Diego Maradona wach werden. „Als ich erfahren habe, dass wir im selben dunkelblauen Trikot wie damals spielen würden, wusste ich, dass wir gewinnen“, sagte ein Anhänger. „Damals war es Diego mit seinen zwei unvergesslichen Toren, heute war es Messi, der beide Treffer vorbereitet hat.“
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Neben der Euphorie war vielerorts vor allem Erleichterung zu spüren. Der 1:0-Rückstand war erst in den letzten Minuten noch gedreht worden. „Sie haben sich zurückgezogen, sie haben Angst bekommen, und das hat Argentiniens Selbstvertrauen gestärkt“, rief ein älterer Fan in der Menge. Ein Herzschlagfinale wie bereits in den K.-o.-Spielen gegen Kap Verde, Ägypten und die Schweiz war es trotzdem. „Ich weiß nicht, ob meine Nerven auch das Finale am Sonntag aushalten“, fügte er lachend hinzu. Die Zittersiege haben sogar den Spitznamen der Mannschaft verändert: Aus der „Scaloneta“ ist für viele Fans inzwischen die „Infartoneta“ geworden – die „Herzinfarkt-Mannschaft“.
Nationaltrainer Scaloni beschwichtigt
„El que no salta es un inglés – Wer nicht hüpft, ist ein Engländer“ war der ständig wiederholte Schlachtruf. Bei diesem Ritual denken in Argentinien alle an den Krieg um die Falkland-/Malwinen-Inseln im Südatlantik im April 1982. Auch wenn Nationaltrainer Lionel Scaloni mit den Worten „Es ist nur ein Fußballspiel und nicht mehr“ die Richtung vorgeben wollte, war die Brisanz der Partie gegen England seit Tagen vor und nach dem Spiel zu spüren. So auch bei Cristina Kirchner. Die unter Hausarrest stehende Ex-Präsidentin (2007-2015) zeigte sich nach dem Spiel auf dem Balkon vor der Silhouette der Malwinen mit dem Schriftzug „Son Argentinas“, die auf die Fassade ihres Hauses projiziert wurde.
Dass einige argentinische Spieler nach der Partie auf dem Spielfeld ein Laken mit der Aufschrift „Las Malvinas son Argentinas – Die Malwinen gehören Argentinien“ auf dem Spielfeld ausbreiteten, wurde am Río de la Plata von nicht wenigen lautstark gefeiert. Die Protestnoten aus London dürften nicht lange auf sich warten lassen. Die Fifa hatte vor der Partie vor Spruchbändern und Transparenten mit politischen Aussagen gewarnt.
Mit einer kuriosen Erklärung an die „British Embassy’s Community Manager“ versuchte ebenso die britische Botschaft in Buenos Aires für Entspannung zu sorgen. Sollte England gewinnen, lautet die Anweisung: „Elegant feiern und Punkt.“ Gewinnt Argentinien, soll der Community Manager „dem Sieger gratulieren, ihm viel Glück im Finale wünschen und keine nicht existierenden Verschwörungstheorien verbreiten.“ Memes sind erlaubt, heißt es im Dokument „Der Ofen ist noch nicht vorgeheizt.“
Dass ausgerechnet jetzt ein britisches Kriegsschiff in den Gewässern um die Inseln unterwegs ist, kommt beiden Seiten ungelegen. Nach Auffassung des argentinischen Außenministeriums habe das Schiff gegenseitige Absprachen verletzt, weshalb schon am 13. Juli eine diplomatische Protestnote an die britische Botschaft übermittelt worden sei. Nach dem Abpfiff in Atlanta legte Außenminister Pablo Quirno nach. Argentinien habe seine „schärfste Ablehnung“ der „nicht abgesprochenen und illegalen“ Durchfahrt der „HMS Medway“ durch argentinische Gewässer ausgedrückt, teilte Quirno mit.
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