piwik no script img

Architekt Francis Kéré„Ich packe Fantasien da rein“

Ein Gespräch mit Francis Kéré. Der Architekt aus Burkina Faso in Berlin verbindet lokales und neues Bauen. Und setzt auch mal einen Palaverbaum in seine Architektur.

Brigitte Werneburg

Interview von

Brigitte Werneburg

taz: Francis Kéré, moderne Architektur mit lokalen Bauweisen zu verbinden haben schon 1970 Jean-François Lamoureux und Jean-Louis Marin bei ihrem Internationalen Außenhandelszentrum Senegal (CICES) in Dakar versucht, oder 1974 die Lehmbauexpertin Hannah Schreckenbach bei ihrem Postoffice in Accra. Sie haben dieser Idee neues Leben gegeben, indem Sie sie noch konsequenter umgesetzt haben: mit Schulbauten. War Ihnen bewusst, was für ein kluger Schachzug das war? Sie wurden für die kleine Grundschule in Gando gleich mit dem Aga-Khan-Preis belohnt.

Francis Kéré: Nein, das war mir nicht bewusst. Ich musste eine Schule bauen, denn in Gando, meinem Dorf, in dem meine ganze Familie lebt, gab es keine Schule. Nur weil mein Vater wollte, dass ich lesen und schreiben lerne, bekam ich die Chance, hier in Berlin zu studieren. Ich musste einfach vielen Kindern die Möglichkeit geben, zur Schule zu gehen. Ich hatte wirklich nur mein Dorf im Sinn. So fing es mit den Schulbauten an. Und 20 Jahre nachdem ich mich darauf konzentriert habe, nur dringend benötigte Gebäude wie Schulen, Krankenhäuser zu bauen und das Operndorf von Christoph Schlingensief, will es die Ironie des Schicksals, dass ich jetzt doch Regierungsgebäude baue.

taz: Afrika ist voll experimenteller, avantgardistischer moderner Architektur. In der Kolonialzeit traute man sich, hier zu bauen, was man sich zu Hause nie getraut hätte. Die unabhängig gewordenen Staaten wollten dann an die internationale Moderne anschließen. Wie blicken Sie als Architekt aus Burkina Faso auf dieses moderne Bauerbe in Westafrika, das teilweise schon wieder verloren gegangen ist?

Das Buch

Francis Kéré: „Building Stories“. Taschen. Köln 2026, 444 Seiten, 75 Euro

Kéré: Ja, man hat da ein großes Laboratorium der Architektur. Man sieht die Bauten überall, wohin man geht. Ich hoffe, dass wir sie für die nächsten Generationen bewahren können, denn tatsächlich sind viele schon wieder verschwunden, weil sie nicht gepflegt wurden. Nach der Unabhängigkeit versuchte man spektakulär zu bauen. Und da ging die Entwicklung bedauerlicherweise sehr schnell dahin, dass nur noch Attrappen entstanden, mit dem Anschein moderner qualitätvoller Architektur.

taz: Afrika entwickelt sich wirtschaftlich, ist es womöglich wieder der Kontinent, auf dem zukunftsweisende Architektur die besten Chancen hat?

Kéré: Der Bedarf ist da, es wird also viel gebaut werden in der kommenden Zeit. Und ich habe Grund, optimistisch zu sein. Es sind gute Leute zu Wortführern geworden. Ich denke etwa an Lesley Lokko, die Leiterin der Architekturbiennale von Venedig 2023, und an das von ihr gegründete African Future Institute. Eine junge Generation von Studierenden wird von dieser Institution und dieser Stimme wachgerüttelt, die sie an gute Architektur heranführt. Die eben nicht von Entwicklern stammt, die nur Quadratmeter und Preise kennen. Der eigene Beruf wird optimistisch gesehen. Vor allem muss man aber die potenziellen Auftraggeber erreichen, dass sie auf qualitätvoller Architektur bestehen, weil sie deren Mehrwert erkennen. Dann kann etwas Zukunftsträchtiges geschaffen werden.

taz: Apropos Auftragsgeber, in Deutschland wurden Sie von Elke und Jens Ehrhardt beauftragt, das Museum Ehrhardt in Plüschow zu bauen. Wie kam es dazu?

Kéré: Den beiden gefiel, dass mein Bauen grundsätzlich gemeinschaftsstiftend sein will. Sie sind als Auftraggeber unglaublich. Denn sie sagen: Ja, die Sammlung ist uns wichtig, aber uns ist genauso wichtig, für das Dorf einen Ort zu schaffen, an dem es zusammenkommt. An dem sich die Leute aufhalten, miteinander reden, Kaffee trinken und auch Kunst entdecken, wenn sie mögen. Das war die Idee bei der Entstehung.

taz: Welche afrikanischen Erfahrungen sind in dieses Projekt eingeflossen? Die Dachkonstruktion erinnert an Ihre Bauten in Afrika. War sie von Anfang an geplant?

Kéré: Nein. Ich muss zugeben, je länger ich in meinem Metier arbeite, desto öfter sehe ich, wie eine Idee im Austausch mit dem Kunden, aber auch mit den Behörden ein stärkeres Gewicht bekommt als geplant. Am Anfang hatte ich einen einfachen Pavillon im Kopf. Zwar handelt es sich dabei um einen Neubau, aber er fügt sich in das Ensemble einer barocken Herrenhausanlage aus dem 18. Jahrhundert ein. Daher bestand die Denkmalbehörde auf einem Satteldach, das ich nicht vorgesehen hatte. Ich hatte mir aber vorher die traditionelle Bauweise der Gegend angeschaut und schon entschieden, die beiden grundlegenden Materialien Holz und Ziegel zu trennen. Deshalb war die Idee eines überkragenden Holzdaches gleich da. Wir haben also keinen Fachwerkbau, sondern einen simplen Lehmbau und darüber einen hölzernen Dachstuhl, unter dem sich nicht nur die Menschen versammeln, sondern der bepflanzt auch eine Heimstatt für Insekten und Tiere sein wird. Wir brennen die Ziegel nicht, das verbraucht nur Energie und treibt CO in die Luft.

taz: Der Pritzker-Preis 2022, der wichtigste internationale Preis für Architektur, hat Sie international bekannt gemacht. Jetzt bauen Sie auch große Komplexe, etwa das neue Parlamentsgebäude in Porto-Novo in Benin. Wie lässt sich Ihr Prinzip, möglichst auf regionale Bautraditionen und regionale Materialien zurückzugreifen, hier durchhalten?

Im Interview: Diébédo Francis Kéré

1965 in Gando, Obervolta, geboren, ist ein burkinisch-deutscher Architekt. Er betreibt in Berlin das international tätige Architekturbüro Kéré Architecture. Im April 2026 eröffnete das von ihm entworfene Goethe-Institut in Dakar. Kéré kam 1985 dank eines Stipendiums nach Deutschland, 1995 nahm er ein Architekturstudium an der TU Berlin auf. Noch vor dessen Abschluss wurde er für den Bau einer Schule in seinem Heimatdorf mit dem hochdotierten Aga Khan Award for Architecture ausgezeichnet. 2022 erhielt Kéré den Pritzker-Preis.

Kéré: Das ist die große Fragestellung bei solchen Projekten. Der Bau des Parlamentsgebäudes hat 2021 begonnen, also schon vor dem Pritzker-Preis. Es war unser größter Auftrag bis dahin. Aber wie kann man, was im Kleinen sehr gut funktioniert, auf etwas viel Größeres übertragen? Ein Parlament ist eben auch repräsentatives Gebäude, und in der Diskussion über die Spannweiten war klar, dass wir strukturell etwas anderes Dauerhaftes brauchen. Wenn man ihn intelligent, also sparsam einsetzt, bin ich nicht gegen Beton. Deshalb habe ich mich nicht geniert, hier damit zu arbeiten. Zentral aber war die Idee des Palaverbaums. Das ist ein großer, schattenspendender Baum, der Wahrzeichen des Dorfes ist, das sich bei ihm versammelt. Mit ihm war der sinnstiftende Gedanke gefunden, das Parlamentsgebäude baulich zu einem Symbol der Demokratie zu machen. Im Palaverbaum fand sich die Formsprache, die dann lokal durchbuchstabiert werden konnte. Benin hat eine lebendige Kunstwelt, die zusammenarbeitet und die Ahnen respektiert. Wir haben Leute aus allen Regionen eingeladen, ihre Ideen und Materialien beizubringen, und überall werden Künstler tätig. Tatsächlich versuchen wir neben der Struktur alles lokal zu bespielen.

taz: Ist das eine Stahlbetonkonstruktion?

Kéré: Ja. Ein Hof im Zentrum bildet eine Oase. Ich stelle mir vor, wie die Parlamentarier nach einer hitzigen Debatte in diesen Garten gehen können und dort abkühlen. Dann können sie wieder reingehen und weiterarbeiten. Ich packe Fantasien da rein, kindliche Träume davon, dass die Eltern sich nicht scheiden lassen, sondern in Harmonie zusammenleben. Gerade war ich mit meinem Lieblingsfotografen Iwan Baan dort, es fehlt nur noch die Gartenanlage.

taz: Architektur will nicht nur gebaut werden, sondern auch gesehen und bestaunt, auch medial vermittelt. Eine großartige Form der Vermittlung ist nach wie vor das Buch. Sie legen nun mit dem Buch „Building Stories“ aus dem Taschen Verlag eine Werkübersicht vor. Das Buch ist klug strukturiert, dazu wunderbar designt und layoutet. Aber ist es nicht irritierend, dass sich bei den Aufnahmen oft nicht unterscheiden lässt, was eine Fotografie vor Ort und was ein Rendering ist?

Kéré: In der Tat generieren wir heutzutage Realität durch Bilder. Es stimmt, es sind ein paar Projekte im Buch zu finden, die zeigen wir in Renderings. Glücklicherweise sind es nicht viele. Man kann es schon erkennen, wenn man sich die Personen im Raum anschaut. Im Rendering sehen sie etwas flach aus, eher gezeichnet, aber man muss schon genau schauen. Die Aufnahmen, die mir am meisten am Herzen liegen, dokumentieren den Prozess des Bauens selbst, mit all den Menschen, die daran beteiligt sind.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare