Arbeitssoziologin über Gorillas-Streiks: „Solidarität ist etwas Gelebtes“

Beim Lieferdienst Gorillas treten Beschäftigte in wilde Streiks. Ein Gespräch über die Chancen und Risiken des Arbeitskampfes in der Gig-Economy.

Rider:innen der Gorillas bilden eine Kette vor einem Gebäude

Streik aus Solidarität mit entlassenem Kollegen: Fah­re­r:in­nen von Gorillas in Berlin im Juni 2021 Foto: M. Golejewski/Adora Press

taz: Frau Mayer-Ahuja, der Lebensmittellieferant Gorillas wurde im Mai 2020 gegründet und im März 2021 auf 1 Milliarde Euro bewertet. Wie erklären Sie sich das?

Nicole Mayer-Ahuja: Wegen der Pandemie wurden viele Beschäftigte ins Homeoffice geschickt, viele Menschen wollten wegen der Infektionsgefahr selbst nicht mehr einkaufen. So haben Lieferdienste enorm an Bedeutung gewonnen.

ist Professorin für die Soziologie von Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen.

Gorillas verspricht, Lebensmittel in zehn Minuten zu liefern. Hat uns diese Dienstleistung wirklich gefehlt?

Es gibt eine jahrzehntelange Entwicklung, die das Leben immer kürzer taktet. Veränderungen der Arbeitswelt haben einen großen Anteil daran. Die Arbeitsverdichtung ist sehr hoch geworden, bis zu einem Grad, der es unmöglich macht, sich noch zu erholen, also etwas anderes zu tun. Laut DGB-Index „Gute Arbeit“ haben 2017 über 40 Prozent der Beschäftigten angegeben, dass sie abends zu kaputt seien, um sich um Privates zu kümmern. Wenn die Bedingungen so sind, muss man auch im selben Takt die Reproduktion sichern. Die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild spricht von einer zunehmenden Rationalisierung des Privatbereichs. Ich glaube, dass das Versprechen von Gorillas, in zehn Minuten zu liefern, auch deshalb für viele attraktiv ist.

Sind diese Lebensmittellieferanten jetzt also auch systemrelevant?

Sie waren in der Diskussion über Systemrelevanz nicht so präsent. Aber die praktische Erfahrung lehrt, dass Beschäftigte bei Lieferdiensten oder der Paketzustellung zu denen gehört haben, die den Laden am Laufen gehalten haben. Noch in der Krise von 2008 hätte man argumentiert, systemrelevant sei der Kern des Wirtschaftssystems, die Branchen, wo Mehrwert geschaffen und Profit erzeugt wird. Die Pandemie hat deutlich gemacht, dass kapitalistisches Wirtschaften Voraussetzungen hat: die Reproduktion von Arbeitskraft.

Wie sind die Arbeitsbedingungen bei solchen Lieferdiensten?

Es gibt Lieferdienste, die Arbeitsverträge abschließen, und andere, die mit Alleinselbstständigen arbeiten. Bei vielen Essenslieferdiensten und Paketzustellern ist Letzteres gang und gäbe. Hier gibt es keine soziale Sicherung. Bei Lieferdiensten mit Arbeitsverträgen gibt es oft sehr kurze Befristungen. Die Beschäftigten von Gorillas kritisieren die sechsmonatige Probezeit und die auf ein Jahr befristeten Verträge danach. Auch die Löhne sind nicht besonders hoch, wir bewegen uns da im Mindestlohnbereich. Oft sind es Minijobs, wodurch man nicht sozialversichert ist, keine Rentenansprüche erwirbt und auch bei Arbeitslosigkeit nicht abgesichert ist. Übrigens hat man da auch keinen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Die meisten, die hier arbeiten, machen das nicht langfristig. Das liegt auch an den Arbeitsbedingungen.

Wer arbeitet unter diesen Bedingungen?

Die Lieferdienste gehören zu dem Teil des Arbeitsmarkts, zu dem man relativ leicht Zugang findet, wenn man keine Qualifikation hat oder diese in Deutschland nicht anerkannt wird. Das ist zum Beispiel auch bei Logistikzentren von Amazon so, wo im großen Stile Geflüchtete rekrutiert werden. Wenn die Arbeit so organisiert ist, dass sie wenig Kooperation und Kommunikation erfordert und man sie technisch gut überwachen kann, haben Mi­gran­t:in­nen mit wenig Sprachkenntnissen gute Chancen. Und ich denke, es ist kein Zufall, dass gerade bei Gorillas mit einem hohen Anteil migrantischer Beschäftigter ein wilder Streik ausbricht. Das ist eine alte Erfahrung in der Bundesrepublik. In den 70er-Jahren sind gerade migrantische Belegschaften in wilde Streiks getreten. Das lag daran, dass viele Menschen aus Ländern kamen, wo eine ganz andere Tradition von Arbeitskampf vorherrschte, weil es zum Beispiel keine Alternative zu konfrontativeren Formen des Konflikts gab. Solche Arbeitskämpfe können durchaus gewalttätig werden, wenn es keine institutionellen Wege der Verständigung gibt oder die Verhandlungswege blockiert sind.

Wie haben Sie den Streik der Gorillas-Beschäftigten wahrgenommen?

Aus Perspektive der klassischen Forschung zu Arbeitskämpfen ist es erstaunlich, dass sich Beschäftigte hier überhaupt organisieren: Es sind kurzfristige Jobs, es gibt eine junge und migrantische Belegschaft, kaum Gewerkschaftsmitglieder, keine Betriebsräte. Und es gibt eine Start-up-Ideologie, die den Beschäftigten vormacht: flache Hierarchien, gemeinsames Ziel, wir sind eine Familie. In der Aufbauphase sind Start-ups klein. Man braucht enormen Einsatz, um diese Phase unter wirtschaftlich schwierigen Bedingungen zu bewältigen. Das schafft ein bestimmtes Gefühl von Zusammengehörigkeit. Und dieses Gefühl wird von Unternehmensleitungen systematisch instrumentalisiert. Hinzu kommt, dass der Arbeitsprozess extrem vereinzelt: Man fährt alleine auf seinem Rad und wird über eine App gelotst.

Seit Juni 2021 gibt es in Berlin immer wieder Aktionen der Belegschaft des Lebensmittel-Lieferdienstes Gorillas. Die Fah­re­r:in­nen haben sich unter dem Label „Gorillas Workers Collective“ selbst organisiert. Zuletzt traten sie vermehrt in einen wilden Streik, also einen Streik, der nicht offiziell von einer Gewerkschaft ausgerufen wird. Mit ihrem Protest fordern die Beschäftigten nicht nur bessere Arbeitsbedingungen, sondern auch, dass ein entlassener Kollege wieder eingestellt und die Probezeit abgeschafft wird, dass Lohnabrechnungen korrekt erfolgen und dass Entlassungen erst nach drei Verwarnungen möglich sind. Seit Mai 2021 liefert Gorillas in 26 Städten in Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Frankreich aus.

Warum wurde dennoch gestreikt?

Weil die Smartphones mit den Apps auch ein verbindendes Mittel sind. Und weil die Vereinzelung nicht so weit geht, wie wir denken. Auch bei Lieferdiensten trifft man sich. Es gibt Punkte, an denen man Lieferungen in Empfang nimmt. Bei Gorillas spielt das eine große Rolle, weil die mit ihrem Anspruch der schnellen Lieferung ein relativ enges Netz von Lieferzentren brauchen und dort viele Beschäftigte gleichzeitig Lebensmittel abholen. Klassischerweise beginnt die Organisierung, wenn Kol­le­g:in­nen miteinander reden und feststellen: Wir haben ein gemeinsames Problem und deshalb gemeinsame Interessen. Auch die Ausnahmebedingungen der letzten Zeit haben Arbeitskämpfe wahrscheinlicher gemacht.

Was sind das für Ausnahmebedingungen?

Die Organisierung bei Gorillas hat in den kalten, von der Pandemie geprägten Wintertagen angefangen, als Beschäftigte rausgeschickt wurden bei Schnee und Eis und höherer Unfallgefahr. Da hat sich der Gegensatz zugespitzt zwischen denen, die zu Hause bleiben, und jenen, die auf der Straße ihre Knochen hinhalten müssen.

Machen digitale Kommunikation und autonome Selbstorganisierung von Beschäftigten in der Plattformökonomie Gewerkschaften überflüssig?

Ich glaube, Solidarität ist immer etwas Gelebtes. Arbeitskämpfe sind bei Gorillas überhaupt nur möglich, weil es den persönlichen Kontakt am Verteilzentrum gibt. Arbeitskampf hat immer da gut funktioniert, wo Menschen im Arbeitsprozess zusammengekommen sind und die Erfahrung machen konnten, dass sie gemeinsame Lebens- und Arbeitsbedingungen haben und sich daraus gemeinsame Probleme entwickeln. Ich weiß nicht, wie man das per Mausklick ersetzen soll. Man muss gucken, in welchem Verhältnis offensivere Aktionen und institutionelle Verhandlungswege zueinander stehen. Klar wird man deutschen Gewerkschaften teilweise wünschen, dass sie stärker auf Mobilisierung und Aktivität von unten setzen. Aber die Art von Arbeitskampf wie bei Gorillas ist auch eine Antwort darauf, dass es dort bisher keine anderen Strukturen gibt. Mit Blick auf frühere Arbeitskämpfe bei Lieferdiensten oder im Start-up-Bereich befürchte ich, dass dieser eine relativ kurzfristige Angelegenheit bleiben könnte.

Wilde Streiks sind wirkungsvoll, aber es fehlt Verstetigung?

Das Netzwerk der Beschäftigten wächst, aber es gibt auch eine hohe Fluktuationsrate. Kol­le­g:in­nen fangen an, sich zu organisieren, ein halbes Jahr später sind sie weg und arbeiten woanders. Deshalb wäre die Gründung eines Betriebsrats wichtig, damit es eine Struktur gibt, die den Konflikt dauerhaft führen kann, die Kontakt zu einer Gewerkschaft hält und praktische Unterstützung wie Streikgeld sicherstellen kann, was es bei Gorillas ja nicht gab. Wenn es nicht beim spontanen Aufflammen von Konflikten bleiben soll, ist eine dauerhafte Interessenvertretung notwendig.

Und wird sich der Arbeitskampf der Gorillas-Belegschaft verstetigen?

Ich wünsche ihr, dass es gelingt. Die Bedingungen sind günstig, da es ein stark wachsendes Unternehmen ist, das neue Beschäftigte braucht. Deshalb sind die Verhandlungsbedingungen ganz gut, um bestimmte Standards zu etablieren. Aber die Pandemie hat viele Menschen auch in eine Notsituation gebracht, in der sie jeden Job annehmen müssen. Das gilt besonders für migrantische Beschäftige, deren Aufenthaltsstatus vom Job abhängt. Solche Lieferdienste werden deshalb wahrscheinlich keine Schwierigkeiten haben, neue Beschäftigte zu finden, die zu schlechten Bedingungen arbeiten. Das kann die Organisierung hintertreiben.

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