Protest bei Lieferdienst Gorillas: Wild bestreikt

Die Gorillas-Riders streiken unorganisiert – das ist selten, sagt die Basisgewerkschaft FAU. Solche Proteste seien aber oft von Mi­gran­t:in­nen getragen.

Protest vor einem Gorillas-Lager in Berlin

Protest vor einem Lager in Berlin Foto: Markus Schreiber / AP

taz: Herr Duncker, die Gorillas-Riders in Berlin blockieren die Eingänge der Warenlager, um den Lieferbetrieb lahmzulegen. Keine dieser Aktionen war von einer Gewerkschaft organisiert. Sind die Streikenden dennoch rechtlich abgesichert?

Simon Duncker: Nein. Es handelt sich um einen sogenannten wilden Streik, also um einen, der unabhängig von den Gewerkschaften organisiert wurde. Nach derzeitiger Rechtslage sind die Streikenden deshalb nicht vor Kündigungen geschützt. Die Ar­beit­ge­be­r:in­nen könnten argumentieren, dass die Ar­bei­te­r:in­nen ihre Seite des Arbeitsvertrags nicht erfüllen. Für Nicht-EU-Bürger:innen hängt der Aufenthaltsstatus ja auch von einer Beschäftigung ab.

Warum, glauben Sie, entscheiden sich die Riders dennoch, ihre Arbeit niederzulegen?

Wir erleben wilde Streiks insbesondere in Branchen, die von den großen Gewerkschaften nicht abgedeckt werden. Die stark flexibilisierte Online-Ökonomie ist ein Paradebeispiel. Da die Riders kaum eine Möglichkeit haben, legal in Tarifverhandlungen einzutreten, helfen sie sich mit dem Mittel, das ihnen zur Verfügung steht: dem Verweigern ihrer Arbeitskraft.

Simon Duncker (32) ist Teil des Pressesekretariats der unabhängigen Basisgewerkschaft „Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union Berlin“ (FAU Berlin). Die FAU hat sich solidarisch mit dem Streik der Gorillas erklärt. Als Basisgewerkschaft unterstützen sie prekär Beschäftigte in unterschiedlichen Protestformen – auch in unorganisierten Arbeitskämpfen.

Wie häufig kommen wilde Streiks vor?

In Deutschland und Berlin wird diese Form des Arbeitskampfes nur vereinzelt geführt. Hierzulande sind Streiks durch Gerichte traditionell stark reglementiert und auch die großen Gewerkschaften haben es sich in ihrer Rolle als Tarifpartner eingerichtet. Die größte wilde Streikwelle gab es in den 1970er Jahren in den Industriebetrieben Westdeutschlands. Interessant ist, dass diese zu überragenden Teilen von Gast­ar­bei­te­r:in­nen getragen wurde.

Warum?

Historisch wurden die Interessen von Gast­ar­bei­te­r:in­nen durch die Gewerkschaften nicht oder deutlich schlechter vertreten, sie waren Ar­bei­te­r:in­nen zweiter Klasse. Spannend ist, dass auch bei Gorillas sehr viele migrierte Menschen arbeiten, die sich an den Aktionen beteiligen. Das mag mit den besonders prekären Arbeitsbedingungen von migrierten Menschen zusammenhängen. Oder mit einer politischen Sozialisation außerhalb Deutschlands.

Sie meinen, in Deutschland wird der Arbeitskampf weniger revolutionär geführt?

In anderen Ländern sind Streiks häufig politischer, ja. Aber wilde Streiks müssen keineswegs revolutionär sein. Die Gorillas-Arbeiter:innen wollen aktuell nichts weiter als leichte Verbesserungen in ihrer prekären Arbeitssituation – sie wollen Reformen. Dennoch wohnt wilden Streiks zumindest ein revolutionäres Moment inne, weil sich Ar­bei­te­r:in­nen an der Basis selbst ermächtigen. Sie vertreten sich ohne Repräsentanzen. Ein wirklich revolutionärer Streik wäre daher vermutlich ein wilder.

Unterstützt die FAU den Streik?

Wir bekunden unsere Solidarität und teilen Informationen. Es handelt sich aber um einen autonomen Arbeitskampf. Wir leisten nur die Unterstützung, für die uns Bedarf signalisiert wurde. Je­de:r kann das Kollektiv unterstützen und sich zum Beispiel auf Twitter informieren, was das Kollektiv gerade benötigt.

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