Anwalt Docke über Murat Kurnaz: „Dieser Fall hat mich verändert“

Bernhard Docke kämpfte für die Freilassung von Kurnaz aus Guantánamo. Das wurde verfilmt. Die Premiere ist am Tag vor der Wahl Steinmeiers – ausgerechnet.

Alexander Scheer (l) und Meltem Kaptan in einer Szene des Films

Szene aus „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“: Docke und Kurnaz' Mutter kämpften gemeinsam Foto: Andreas Hoefer/Pandora Film

taz am wochenende: Herr Docke, am Samstag werden Sie auf der Berlinale zum Kinohelden. Wie finden Sie das?

Bernhard Docke: Als Held verstehe ich mich nicht. Ich freue mich aber, dass die unfreiwilligen Abenteuer, die wir erleben mussten, einer größeren Öffentlichkeit bekannt werden.

Sie kämpfen in dem Spielfilm „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ als Anwalt an der Seite von Murat Kurnaz’ Mutter für die Freilassung ihres Sohnes aus Guantánamo. Kommen Sie zur Premiere nach Berlin?

Ja, gemeinsam mit Rabiye Kurnaz. Das Entscheidende für mich ist, dass die Problematik, die der Film zeigt, wahrgenommen wird. Ob ich nun auf dem roten Teppich abgelichtet werde oder nicht, ist absolut sekundär.

Das könnte schon passieren, Sie stehen in dem Film als Person im Mittelpunkt.

Das ist in der Tat etwas, an das ich mich erst gewöhnen muss. Bislang waren immer meine Mandanten im Fokus. Mich in der Maskerade von Ale­xander Scheer über die Leinwand laufen zu sehen, das ist schon spooky.

Fühlen Sie sich gut getroffen?

Das kann ich nicht unbefangen bewerten. Ich finde den Film sehr gelungen. Aber der Anwalt ist ein Stück weit steifer und konservativer, als ich mich als Person begreife, weil das die Geschichte interessanter macht.

Hier die impulsive herzliche Mutter, dort der sachliche Jurist?

Ja. Dass wir beide als Team sehr gut funktioniert haben, ist authentisch. Aber mein Charakter ist ein wenig überzeichnet. Ich denke, dass ich zugewandter und etwas humorvoller bin als der Docke im Film. Das ist eine Kunstfigur.

Im Frühjahr 2002 kam Rabiye Kurnaz, die Mutter von Murat Kurnaz, in Ihre Kanzlei und beauftragte Sie damit, ihren Sohn aus Guantánamo zurückzubringen. Haben Sie damals gezögert, diesen schwierigen Auftrag anzunehmen?

Nein, keinen Moment. Guantánamo ist so ein Unding, dort werden Menschen sämtliche Verfahrensrechte genommen, man setzt sie der Folter aus, es ist wie im Mittelalter. Wer so einen Fall als Strafverteidiger nicht annimmt, ist im falschen Beruf. Allerdings hatten Rabiye und ich …

Der Menschenrechtsanwalt

Bernhard Docke, 66, ist Rechtsanwalt und Strafverteidiger in Bremen. Er war in zahlreichen teils spektakulären Strafverfahren auch in den USA tätig. Für seinen Einsatz für Menschenrechte erhielt Docke viele Preise.

Davor hat er Angst

Dass wir unseren Planeten schrotten und künftigen Generationen ­unwirtliche Verhältnisse hinterlassen.

Das gibt ihm Hoffnung

Dazu zitiert Docke den Juristen Fritz Bauer: „Selbst wenn die Hoffnung tatsächlich eine Lebenslüge ist, ohne sie wäre die Unmenschlichkeit in der Welt nicht zu überwinden.“

Sie duzen sich?

Ja, schon lange. Wir hatten zu Beginn ganz unterschiedliche Erwartungen. Sie dachte: Wenn ich einen Anwalt einschalte, dann ist mein Sohn in ein paar Wochen wieder da. Mir war klar, das wird maximal schwierig. Es zog sich dann ja auch über Jahre. Ich habe versucht, ihr die Hoffnung nicht zu nehmen, ihr aber auch keine Illusionen zu machen. Nie zu wissen, ob das Kind irgendwann wiederkommt, und wenn ja, in welchem Zustand: das zu ertragen, ist unvorstellbar.

Sie wussten lange nicht, was Murat Kurnaz eigentlich vorgeworfen wurde. Glaubten Sie trotzdem an seine Unschuld?

Murat ist im Herbst 2001 nach Pakis­tan gereist, das machte ihn für die Behörden verdächtig. Ich konnte mir dazu erst gar keine Meinung bilden, weil ich null Informationen hatte. Es gab keine Akte, keinen Haftbefehl, keine Staatsanwaltschaft, kein Gericht, niemanden, an den wir uns wenden konnten. Aber die Schuldfrage war für mich zweitrangig. Jeder Mensch, egal was er gemacht hat, hat ein faires Verfahren und keine Folter verdient. Ich wandte mich an die Politik, Murat kam zwar aus Bremen, hatte aber einen türkischen Pass. Die Türkei fühlte sich nicht zuständig, die deutsche Regierung behauptete, die Amerikaner ließen sie an den Fall nicht ran. Was gelogen war, wie sich später herausstellte.

Sie zogen mit anderen Angehörigen vor den Supreme Court in den USA und bekamen 2004 recht: Auch für die Gefangenen in Guantánamo muss US-Recht gelten, urteilten die Richter. Erst danach konnten Sie gegen­ die Inhaftierung von Kurnaz klagen.

Das war für uns ein ganz wichtiger Erfolg. Den amerikanischen Präsidenten George W. Bush vor seinem eigenen höchsten Gerichtshof zu schlagen, darauf waren wir stolz. Es gab eine republikanische Mehrheit im Supreme Court, 5 zu 4, und wir gewannen mit 6 zu 3. Wir bekamen danach Akteneinsicht, es wurde klar, dass die Vorwürfe gegen Murat lächerlich waren, nur heiße Luft. Er hatte sich einfach zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten. Nach dem Urteil war auch die öffentliche Meinung auf unserer Seite.

Erst danach konnten Sie Kontakt zu Murat Kurnaz aufnehmen.

Mein New Yorker Kollege hat ihn 2004 besucht. Die Foltervorwürfe waren für uns bis dahin nur Spekulation. Murat berichtete ihm detailliert davon. Er saß auf sechs Quadratmetern bei Neon­licht, mal war es heiß, mal kalt, er litt Hunger und Durst. Er wurde geschlagen und gedemütigt, man ließ ihn Wasser einatmen, hängte ihn an Ketten auf. Rabiye zu sagen, dass ihr Sohn gefoltert wird, annähernd täglich: das war für mich einer der schwersten Momente in diesen Jahren.

Wie hat sie reagiert?

Sie ist innerlich kollabiert. Aber sie musste auch die Fassade aufrecht erhalten, für ihre anderen drei Kinder, für die Presse.

Die Fassade der Kämpferin, der Optimistin?

Ja. Das hat viel Energie gekostet, letztendlich hat diese Zeit schwer an ihrer Gesundheit genagt.

Dem Regisseur Andreas Dresen und der Drehbuchautorin Laila Stieler war wichtig, dass der Film auch humorvoll ist. Geht das zusammen – Guantánamo und Humor?

Tatsächlich gab es in diesen Jahren auch aberwitzige Situationen. Rabiye ist eine lebenslustige, warmherzige Person mit einem sehr speziellen Humor. Wir haben viel miteinander gelacht. Wir erlebten neben den vielen Tiefpunkten ja auch schöne Momente, etwa die große Unterstützung der US-Bürgerrechtsbewegung. Das Drama mit dem Komischen zu verbinden, das ist im Film meisterhaft gelungen. Er ist letztendlich eine Parabel, wie David gegen Goliath gewinnen kann.

Als David sind Sie aber schon ein Held …

Nein, das war meine Arbeit. Die hätten andere an meiner Stelle auch gemacht, wenn sie gefragt worden wären.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

An diesem Wochenende ist nicht nur die Premiere des Films. Am Sonntag wird Frank-Walter Steinmeier wieder zum Bundespräsidenten gewählt. Darüber freuen Sie sich sicherlich weniger.

Was Murat Kurnaz passiert ist, ist eine offene Wunde. Nicht nur, weil nach wie vor 39 Gefangene in Guantánamo sitzen. Die Amerikaner wollten Murat Kurnaz 2002 nach Deutschland abschieben. Die Bundesregierung hätte ihn aus dieser Hölle herausholen können. Aber sie hat Nein gesagt, er musste vier weitere Jahre dort bleiben. Das war eine eiskalte, inhumane Entscheidung. Verantwortlich dafür war der heutige Bundespräsident.

Stattdessen wollte man Kurnaz das Aufenthaltsrecht in Deutschland entziehen, mit der Begründung, er habe nicht fristgerecht eine Verlängerung beantragt.

Das war schäbig. Das Verwaltungsgericht Bremen hat das später auch aufgehoben. Steinmeier hat sich bis heute nicht bei Murat Kurnaz entschuldigt. Auch als längst klar war, dass am Tatverdacht gegen Kurnaz nichts dran war, hat er sich zu meinem Entsetzen hingestellt und gesagt, er würde genauso wieder handeln. Ich verstehe nicht, dass er nicht die Größe aufbringt, hier einen Fehler einzugestehen.

Nachdem sich Angela Merkel für Murat Kurnaz einsetzte, kam er 2006 frei. Wie ging es ihm zurück in Deutschland?

Er hatte es erst schwer. Alle Ermittlungsbehörden sagten: Da war nichts. Aber die Bild-Zeitung stellte ihn weiterhin als Terroristen dar. Da blieb etwas hängen. Kurnaz merkte das bei der Wohnungs- und Jobsuche. Hätte sich Steinmeier damals entschuldigt, hätte das Kurnaz sehr geholfen, es hätte zur Entdämonisierung beigetragen. Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegangen, Murat hat gezeigt, was für ein netter, ungefährlicher Kerl er ist, die Angst der Leute ist geschwunden.

Sie hatten und haben auch andere wichtige Fälle, Sie vertreten etwa die Geschädigten des Dammbruchs in Brasilien. Der Fall Kurnaz war für Sie aber schon sehr prägend, oder?

Es ist sicher der bedeutendste Fall und der, der mich am meisten verändert hat.

Inwiefern?

Ich bin, was das Grundvertrauen in staatliche Instanzen angeht, deutlich skeptischer geworden. Wir haben erfahren müssen, wie dünn die Decke der Zivilisation ist. Früher war es für mich selbstverständlich, dass ich die Akte kriege, wenn jemand inhaftiert wird. Dass wir die Möglichkeit haben, vor Gericht Zeugen und Beweismittel zu benennen. Den Wert dieser Regeln habe ich erst in dem Moment so richtig wahrgenommen, als sie nicht mehr galten. Insofern ist die Liebe zum funktionierenden Rechtsstaat bei mir durch diese Erfahrung gewachsen.

Sie haben seit 2006 Kontakt zu Murat Kurnaz. Wie geht es ihm heute?

Guantánamo hat Murat nicht gebrochen. Ich bin mir sicher, dass ich das nicht geschafft hätte. Er schon. Er gehört zu den wenigen Leuten, die nach der Folter wieder heimisch geworden sind. Er hat wieder geheiratet und inzwischen drei kleine Töchter. Er arbeitet mit Jugendlichen, der Job macht ihm Spaß. Er hat sein privates Glück wiedergefunden.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de