Antiziganismus auf dem Wohnungsmarkt: In „Schrottimmobilien“ gedrängt
Sinti*zze und Rom*nja werden auf dem Wohnungsmarkt oft diskriminiert und ausgebeutet. Nicht nur die Vermieter, auch die Nachbarn machen teilweise mit.
Wer eine Wohnung sucht, ist den Vermieter*innen – und deren Vorurteilen – weitgehend ausgeliefert. Wie massiv Antiziganismus dabei Sinti*zze und Rom*nja auf dem Wohnungsmarkt trifft, zeigt ein neuer Bericht der Meldestelle MIA. Studienautor Thomas Erbel warnte bei der Präsentation am Mittwoch vor „weitreichenden Folgen“ für die Betroffenen.
Schon andere Studien haben gezeigt, dass der Wohnungsmarkt einer der gesellschaftlichen Bereiche ist, in dem Betroffenen besonders oft Rassismus entgegenschlägt. Für den neuen Bericht hat Autor Erbel insgesamt rund 900 antiziganistische Vorfälle ausgewertet, die zwischen 2022 und 2025 bei Meldestellen eingegangen sind und mit dem Immobilienmarkt zusammenhängen.
Bei der Wohnungssuche geht es teils um Benachteiligung, die Vermieter*innen ganz offen aussprechen: „Ich vermiete nicht an Roma“, zitiert der Bericht einen Hausbesitzer. Häufig seien aber auch verklausulierte Absagen, etwa mit Verweis auf Nachbarn und Anwohner, die Sinti*zze und Rom*nja angeblich nicht akzeptierten.
„Viele Betroffene versuchen ihre Minderheitenzugehörigkeit deshalb im Bewerbungsprozess zu verstecken“, so Erbel. Die Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt habe teils drastische Konsequenzen für andere Lebensbereiche, etwa was den Zugang zu Bildungseinrichtungen oder auch die psychische Gesundheit angehe.
Zudem drängt die Benachteiligung bei der Wohnungssuche die Betroffenen teils in ausbeuterische Verhältnisse. Hausbesitzer*innen vermieteten teils zu überzogenen Mieten und nutzten so die Notlage der Betroffenen aus. Auch informelle Mietverhältnisse gingen Sinti*zze und Rom*nja aus Not immer wieder ein. Der Bericht nennt hier etwa prekäre Untermieten oder Wohnungen mit extrem hohen Vermittlungsgebühren.
In diesen Zusammenhang stellte Studienautor Thomas Erbel auch das Phänomen der sogenannten „Schrottimmobilien“. So werden heruntergekommene Häuser bezeichnet, deren Vermieter den Bewohner*innen Wuchermieten aufzwingen. In vielen Fällen enden zugewanderte Rom*nja aus Osteuropa in solchen Gebäuden. Zusätzlich zur Ausbeutung komme hier das Stigma: In der Öffentlichkeit würden die Bewohner*innen oft mit Sozialleistungsbetrug und Kriminalität in Verbindung gebracht.
Zuletzt war das Phänomen der sogenannten Schrottimmobilien im Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen Thema, als sich Lokalpolitiker teils mit diskriminierender Sprache für ein härteres Vorgehen gegen Sozialbetrug aussprachen. Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) hat im März eine Reform des Baugesetzbuches angekündigt, nach der die Besitzer*innen im Extremfall zwangsenteignet werden sollen. Studienautor Erbel nannte dies „einen sinnvollen Vorschlag“.
Aber auch wenn Betroffene allen Hindernissen zum Trotz eine Wohnung finden, erleben viele anschließend weiter Diskriminierung. Meist seien es Nachbarn, die die Betroffenen bedrohten, beleidigten und belästigten. Das gehe von Fällen, in denen Nachbarn Gerüchte streuten, bis zu Fällen von Sachbeschädigung und massiver körperlicher Gewalt. Die eigene Wohnung, die eigentlich ein Rückzugsraum sein sollte, werde so für die Betroffenen immer wieder zum Ort der Angst. Von den Behörden erhielten die Betroffenen dabei selten Hilfe. In vielen Fällen würden Betroffene keinen Ausweg außer den vermeintlich „freiwilligen“ Auszug sehen.
Einige Betroffene berichten auch von Überwachung durch Nachbarn, die etwa Protokoll über ihre Telefonate führten, um vermeintliche Lärmbelästigung zu beweisen, und von Nachbarn, die Videos von den Betroffenen aufnähmen. Im Bericht aufgeführt ist auch ein Fall, in dem Nachbarn eine Petition an den Vermieter gerichtet hätten, um zu erreichen, das einer Roma-Familie gekündigt werde.
Nicht loszulösen ist das Problem der generellen Misere in der Wohnungspolitik. Immer wieder verweist Erbel auf die Knappheit bezahlbarer Wohnungen und das sich daraus ergebende Machtungleichgewicht zwischen Mietern und Vermietenden. Die Furcht, die Wohnung zu verlieren, hindere viele Sinti*zze und Rom*nja, sich gegen Diskriminierung und Übergriffe durch Nachbarn oder Vermieter selbst zu wehren.
Das Dunkelfeld von nicht gemeldeten antiziganistischen Vorfällen, so der Bericht, dürfte im Bereich Wohnen besonders groß sein.
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