piwik no script img

Anstieg von HinrichtungenNeue barbarische Gegenwart

Christian Jakob

Kommentar von

Christian Jakob

Laut Amnesty International gab es 2025 so viele Hinrichtungen wie seit 44 Jahren nicht mehr. Diese Trendumkehr ist bezeichnend für die neue Gegenwart.

Porträts von Hinrichtungsopfern während einer Demonstration für einen freien Iran in Berlin am 21. Juni 2025 Foto: Hannibal Hanschke/epa

D ie Todesstrafe wirkte lange Zeit wie eine kulturelle Scheidelinie, die heute Aufklärung und Universalismus markiert. Dass auch Staaten wie die USA und Singapur exekutieren, galt dabei als eine Art Anomalie. Sie änderte nichts an einer Fortschrittsvorstellung, in der die Abschaffung der Todesstrafe in einer Reihe mit anderen zivilisatorischen Schüben – etwa dem Ende von Sklaverei oder Kolonialismus oder der Einführung des Frauenwahlrechts – steht.

Wo sie noch auf sich warten lassen, wirken demnach nur die Reste eines prinzipiell überkommenen Gestern weiter. Dass immer mehr Staaten die Todesstrafe abschafften, wirkte wie der Marker für eine Entwicklung, deren Vollendung nur als eine Frage der Zeit erschien. Das prägte auch das westliche Selbstbild: Wo wir sind, ist vorn und die anderen ziehen früher oder später nach.

Die Zahlen, die Amnesty International am Montag vorlegte, mögen nicht dazu passen: Im vergangenen Jahr wurden mindestens 2.707 Menschen in 17 Ländern hingerichtet – 78 Prozent mehr als im Vorjahr und so viele wie seit 1981 nicht mehr. Der Anstieg geht vor allem auf einige wenige Staaten wie Iran zurück. Doch auch Israel gab sich erst kürzlich das Recht, als Strafe zu töten.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Diese Trendumkehr passt zur Zeit: Regeln werden von vielen Mächtigen heute offen verachtet, der Westen ist da keine Ausnahme mehr. Gewalt, ob verregelt oder willkürlich, wird normalisiert. Und jene, die sich über zivilisatorische Standards, Völkerrecht, Menschenrechte, Kriegsrecht hinwegsetzen, stehen dafür immer weniger unter Rechtfertigungsdruck, sondern inszenieren dies erfolgreich als Selbstermächtigung.

Die einen töten nun mehr als vorher, die anderen legen ihre Scheu ab und entscheiden sich dafür, mit dem Töten wieder ganz offiziell anzufangen. Sie bringen so die hochansteckende Idee zurück, dass Staaten ihre Macht durch die demonstrative Missachtung zivilisatorischer Grenzen beweisen. Die Rückkehr der Todesstrafe ist so nicht mehr das Residuum vergangener Zeiten, sondern Marker einer neuen Gegenwart.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Christian Jakob
Reportage & Recherche
Seit 2006 bei der taz, zuerst bei der taz Nord in Bremen, seit 2014 im Ressort Reportage und Recherche. Im Ch. Links Verlag erschien von ihm 2023 "Endzeit. Die neue Angst vor dem Untergang und der Kampf um unsere Zukunft". Seit 2019 gibt er den Atlas der Migration der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit heraus. Zuvor schrieb er "Die Bleibenden", eine Geschichte der Flüchtlingsbewegung, "Diktatoren als Türsteher" (mit Simone Schlindwein) und "Angriff auf Europa" (mit M. Gürgen, P. Hecht. S. am Orde und N. Horaczek); alle erschienen im Ch. Links Verlag. Seit 2018 ist er Autor des Atlas der Zivilgesellschaft von Brot für die Welt. 2020/'21 war er als Stipendiat am Max Planck Institut für Völkerrecht in Heidelberg. Er ist Autor von Hörfunkfeatures für SWR, Deutschlandradio und ORF und Mitglied im Beirat des Mediendienst Integration. Auf Bluesky: chrjkb.bsky.social
Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!