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Protest gegen die Hinrichtungen im Iran in London im Januar 2026 Foto: Joao Daniel Pereira/imago

Hingerichtete im IranDie Gesichter hinter Irans Urteilen

Wer sind die Menschen, die im Iran hingerichtet werden? Sechs Schicksale, die zeigen, mit welcher Willkür das Regime gegen seine Bürger vorgeht.

M aryam Hodavand

Der Name der 40-jährigen Frau und Mutter von zwei Kindern tauchte nach den Protesten im Januar 2026 in den Medien auf. Vor ihrer Verhaftung war sie weder eine politische Person noch eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens – sie war eine ganz normale Frau, deren Leben, wie das vieler iranischer Frauen, sich um familiäre Pflichten drehte: die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder, die Verrichtungen des Alltags.

Laut Berichten wurde Maryam Hodavand in Teheran festgenommen und von der 26. Kammer des Revolutionsgerichts zum Tode verurteilt. Ihr Fall soll in Zusammenhang mit einem Brandanschlag auf die Seyed-al-Shohada-Moschee im Teheraner Stadtteil Pakdasht stehen. Doch die Einzelheiten der Beweislage wurden nicht transparent offengelegt. Ebensowenig, ob Hodavand eine Verteidigung bekam. Die Legitimität solcher Urteile ist zweifelhaft, insbesondere wenn die damit verbundene Strafe unumkehrbar ist.

Für die Öffentlichkeit mag Maryam Hodavand nur ein Name in den Nachrichten sein. Doch für ihre beiden Kinder ist sie ihre Mutter; für ihre Familie ist sie jemand, deren Schicksal untrennbar mit ihrem eigenen Leben verbunden ist. Denn in Fällen wie dem von Maryam Hodavand richtet sich das Urteil nicht allein gegen die Angeklagte; auch ihre Familie lebt unter der Last von Angst und Ungewissheit. Hodavand ist eine ganz normale Frau, der nun die Todesstrafe droht. Sie steht damit stellvertretend für viele Frauen, denen ebenfalls die Möglichkeit verwehrt wird, sich frei zu verteidigen. Frauen, die durch ein endgültiges Urteil für die Öffentlichkeit definiert werden sollen als eine öffentliche Bedrohung, noch bevor ihre eigenen Geschichten überhaupt gehört werden können.

Bita Hemmati Foto: Social Media

Bita Hemmati

Auch ihr Name wird nach den Protesten im Januar 2026 öffentlich bekannt – nicht wegen politischer Aktivität, sondern weil sie sich plötzlich mit einem Todesurteil konfrontiert sieht. Offizielle Informationen über ihr Leben gibt es kaum. Bekannt wurde vor allem das Urteil gegen sie – nicht ihre Geschichte.

Berichten zufolge wurde sie in Teheran festgenommen und später vor die 26. Kammer des Revolutionsgerichts gebracht. Die ihr zur Last gelegten Vorwürfe werden mit weit gefassten, undefinierten Begriffen wie „Handlungen gegen die nationale Sicherheit“ oder „Zusammenarbeit mit einem feindlichen Staat“ angegeben. Doch der Öffentlichkeit wurde nie Zugang zu Beweismitteln, den Verhörbedingungen oder der Frage gewährt, ob sie in der Lage war, eine freie Verteidigung zu führen.

Es gibt keine Berichte, die darauf hindeuten, dass Bita Hemmati an organisierter Gewalt beteiligt war oder dass sie in anderer Weise eine Gefahr für die Gesellschaft gewesen sein könnte. Hemmati führte, wie Maryam Hodavand, ein eher gewöhnliches Leben für eine Frau in Iran. Wie bei Hodavand steht auch ihre Familie nun unter enormem Druck: die Angst vor einer möglichen Hinrichtung, die Ungewissheit und die Kosten des Verfahrens. Das ist aber der Kern des iranischen Justizwesens, welches Bestrafung über Transparenz stellt.

Aqil Keshavarz, 27 Jahre alt, Architekturstudent Foto: Social Media

Aqil Keshavarz

Der 27-jährige war Architekturstudent an der Shahroud-Universität in Isfahan. Sein Leben hatte den Rhythmus vieler Studentenleben: Vorlesungen, Projekte, Prüfungen. Im Frühjahr 2025 wurde er während einer Reise nach Urmia von Militärpatrouillen festgenommen, als er das „Gebäude der Infanteriedivision Urmia“ fotografierte. Er wurde später wegen angeblicher Spionage für Israel und der Durchführung von mehr als 200 Missionen für den Mossad in den Städten Teheran, Isfahan, Urmia und Shahroud verurteilt.

Laut Berichten von Menschenrechtsorganisationen hatten Aqil Keshavarz und seine Familie darauf verzichtet, den Fall öffentlich zu machen, da sie Drohungen von Sicherheitsbehörden erhielten. Menschenrechtsorganisationen gehen davon aus, dass Keshavarz während der Verhöre in einer Haftanstalt der Revolutionsgarden in Urmia gefoltert wurde, um ein Geständnis zu erzwingen. Im Spätsommer 2025 verurteilte die erste Kammer des Revolutionsgerichts in Urmia ihn zum Tode. Am 18. Dezember wurde er in Einzelhaft ins Zentralgefängnis von Urmia überführt. Zwei Tage später, in den frühen Morgenstunden des 20. Dezember 2025, wurde das Urteil vollstreckt. Seine Zugehörigkeit zu einer militanten Gruppe wurde nie bestätigt, ebenso wenig wie eine Zusammenarbeit mit dem Mossad. Aqil Keshavaraz war ein junger Mann, der gerne fotografierte.

Amirali Mirjafari, 25 Jahre alt, Informatikstudent und Computertechniker Foto: Social Media

Amirali Mirjafari

Der 24-Jährige war Student und Computertechniker. Er wurde im Januar 2026 während der landesweiten Proteste in Teheran festgenommen. Laut iranischen Medienberichten wurde er beschuldigt, einen Brandanschlag auf die Qolhak-Großmoschee geplant zu haben, öffentliches Eigentum beschädigt und eine Klingenwaffe bei sich getragen zu haben. Das Revolutionsgericht verurteilte ihn zum Tode; das Urteil wurde am 21. April an einem unbekannten Ort vollstreckt.

Menschenrechtsgruppen äußerten erhebliche Zweifel am Verlauf des Verfahrens. Ihren Berichten zufolge wurden Amiralis Geständnisse unter Druck und mutmaßlich auch durch Folter erzwungen; zudem soll ihm ein Anwalt seiner Wahl verweigert worden sein. Es wurde zudem festgestellt, dass die ursprünglichen Anklagepunkte „Teilnahme an Unruhen“ lauteten, später jedoch zu schwerwiegenderen Vorwürfen wie „Zusammenarbeit mit dem Mossad und den Vereinigten Staaten“ verschärft wurden – offenbar, um eine schnellere Verhängung des Todesurteils zu ermöglichen. Amirali war der achte Demonstrant, der im Zusammenhang mit den Protesten vom Januar hingerichtet wurde. Nur drei Monate nach seiner Festnahme war er tot.

Amirhossein Hatami, 18 Jahre alt, Industriedesign-Student Foto: Social Media

Amirhossein Hatami

Hatami studierte Industriedesign an der Universität von Teheran. Er sprach drei Sprachen fließend. Am 8. Januar 2026 wurde der 18-Jährige während der Demonstrationen in Teheran festgenommen. Auch ihm wurde Brandstiftung vorgeworfen; in einer Basis der mit dem Regime verbündeten Basij-Milizen im Osten Teherans soll er Feuer gelegt haben.

Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen sollen Amirhossein und sechs weitere Angeklagte erst in das Gebäude gegangen sein, als das Feuer bereits ausgebrochen war. Eine Beteiligung an der Brandstiftung wird von diesen Berichten bestritten. Minuten später brach ein zweites Feuer aus, und sieben Personen, darunter Amirhossein, konnten nicht entkommen.

Nach seiner Festnahme wurde ihm ein selbst gewählter Anwalt verweigert und stattdessen ein Pflichtverteidiger zugewiesen. Zehn Tage nach seiner Festnahme sendeten staatliche Medien Geständnisse von fünf Angeklagten, die laut inoffiziellen Quellen unter Druck erzwungen worden sind. Der Prozess fand am 6. Februar vor der 15. Kammer des Revolutionsgerichts in Teheran statt, das alle sieben Angeklagten wegen „Feindschaft gegen Gott“ (Moharebeh) zum Tode verurteilte.

Am 31. März kam Amirhossein in Einzelhaft. In den frühen Morgenstunden des 2. April wurde er hingerichtet. 84 Tage lagen zwischen seiner Festnahme und seinem Tod. Er wurde nur 18 Jahre alt.

Mehdi Farid, 55 Jahre alt, Angestellter im Nuklearsektor Foto: Social Media

Mehdi Farid

Farid, 55 Jahre alt, verbrachte den größten Teil seines Lebens im iranischen Nuklearsektor. Der Mann aus der Industriestadt Arak im Westen Irans arbeitete jahrelang bei der Atomenergieorganisation und stieg schließlich zum Leiter einer passiven Verteidigungseinheit innerhalb einer der sensibelsten Institutionen des Landes auf.

Kollegen beschreiben ihn als präzise, umsichtig und pflichtbewusst – einer, der niemals Aufmerksamkeit suchte. Sein Leben war einfach: frühmorgens zur Arbeit, abends wieder nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern. Nachbarn beschrieben ihn als ruhigen Mann, der freundlich grüßte und ansonsten unauffällig blieb.

Kurz vor seiner Festnahme im Juni 2023 sollen sich ihm laut Menschenrechtsberichten Personen genähert haben, die behaupteten, für den israelischen Geheimdienst zu arbeiten. Mehdi Farid meldete den Kontakt den iranischen Sicherheitsbehörden, gab das erhaltene Geld zurück und kooperierte uneingeschränkt. Dennoch würdigte das Gericht diese Kooperation nicht und verhängte die Todesstrafe. In den frühen Morgenstunden des 22. April 2026 wurde Mehdi Farid im Qezel-Hesar-Gefängnis in Karaj hingerichtet. Er war kein Straßenprotestler, kein politischer Aktivist, sondern ein gewöhnlicher Angestellter.

Aus dem Englischen: Lisa Schneider

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