piwik no script img

Anschlag auf Journalist in ItalienKein Erzfeind, sondern Busenfreund

Vor 10 Monaten explodierte eine Bombe vor dem Haus des italienischen Investigativjournalisten Sigfrido Ranucci. Nun wurde ein mutmaßlicher Auftraggeber festgenommen.

War es die Camorra? Waren es in Rom aktive albanische Mafiosi? Kaum war am 16. Oktober 2025 eine Bombe vor dem Haus des prominenten Investigativjournalisten Sigfrido Ranucci explodiert, schossen die Spekulationen ins Kraut.

Schließlich hat der 65-jährige Ranucci, seit neun Jahren Moderator und Chefredakteur der auf dem Staatssender RAI ausgestrahlten Sendung „Report“, sich im Laufe seiner Karriere viele Feinde gemacht, in der Politik – besonders verhasst ist er dort den Postfaschisten der Partei Giorgia Melonis, Fratelli d’Italia –, in der Wirtschaft, aber auch bei diversen mafiösen Organisationen, denen sich „Report“ regelmäßig widmete.

Hunderte Menschen versammelten sich am Tag nach dem Anschlag vor Ranuccis Haus, um ihm ihre Solidarität zu versichern. Und Solidaritätsadressen hagelte es aus allen Richtungen, aus der RAI selbst, aus den Journalistenverbänden, aus den Parteien, ja selbst von Ministerpräsidentin Meloni.

Doch wie es jetzt scheint, steckt hinter der Bombe, die zwei Autos der Familie Ranucci zerstörte, gar kein Erzfeind, sondern ein Busenfreund. Der Mann heißt Valter Lavitola, er betrieb zuletzt ein gehobenes Restaurant in Rom, das Bistro Cefalù, in dem Ranucci zwei-, dreimal im Monat einkehrte, um gemeinsam mit dem Inhaber guten Fisch und Meeresfrüchte zu verspeisen.

Wer war der Auftraggeber?

Erstmals zeichnete sich die Wende in dem Fall schon Ende Juni ab. Damals ließ die Staatsanwaltschaft Rom drei Männer und eine Frau verhaften, die den Anschlag durchgeführt haben sollen. Die vier stammen aus der Camorra-Region Kampanien, und einige von ihnen sollen auch Camorra-Kontakte haben. In Wirklichkeit aber führte die Spur in eine ganz andere Richtung.

Die vier nämlich sollen von dem Kameruner Gomes Clesio Tavares für die Tat angeheuert worden sein. Der wiederum ist seit Jahren die rechte Hand von Lavitola – und die beiden haben sich im Knast kennengelernt.

Nach der Verhaftung der vier Tatverdächtigen versicherte Ranucci, er könne sich partout nicht vorstellen, dass Lavitola, der damals schon als möglicher Auftraggeber genannt wurde, hinter dem Anschlag stecke. Letzterer wiederum spekulierte in zahlreichen Interviews über die „wahren“ Auftraggeber, aus der Mafia oder sonst woher.

Am Montag aber wurde Lavitola in Haft genommen und ein weiterer Haftbefehl gegen Tavares, der sich gegenwärtig in Kamerun befindet, ausgestellt. Und die von der Untersuchungsrichterin niedergelegte Begründung der Haftbefehle erzählt die irre Geschichte einer völlig aus dem Gleis geratenen Freundschaft – in der auch die Bombe offenbar als Freundschaftsdienst gemeint war.

Verbindung zu Berlusconi

Irre Geschichten hat der 60-jährige Lavitola allerdings in den letzten Jahrzehnten immer wieder geschrieben. Zunächst machte er damit auf sich aufmerksam, dass er im Jahr 1996 nach dem Niedergang der Sozialistischen Partei deren früher glorreiches Parteiorgan L’Avanti! übernahm. Diese Tageszeitung las zwar niemand mehr – doch Lavitola türkte über Jahre hinweg die Auflagezahlen und strich so bis 2009 insgesamt 23 Millionen Euro an staatlicher Presseförderung ein, die ihm allerdings auch seine erste Haftstrafe von 3 Jahren und 8 Monaten eintrugen.

Den L’Avanti! nutzte Lavitola auch, um mit Gianfranco Fini einen Gegenspieler Silvio Berlusconis im Rechtslager zu Fall zu bringen: Lavitola veröffentlichte im Jahr 2010 Papiere aus dem karibischen Saint Lucia, die offenlegten, wie Finis Familie sich an einem Immobiliendeal bereichert hatte. Berlusconi zu Diensten war der Journalist auch im Jahr 2007 gewesen, als er für 3 Millionen Euro einen Senator des Mitte-links-Bündnisses zum Frontwechsel bewegte und so die Mitte-links-Regierung unter Romano Prodi zu Fall brachte.

Treu an der Seite Berlusconis: Dies war damals sein Motto. Doch von seinem Chef verlangte er dann 5 Millionen Euro, als Schweigegeld rund um die Bunga-Bunga-Sexgeschichten. Deshalb gab es wegen versuchter Erpressung eine erneute Verurteilung zu 2 Jahren und 8 Monaten.

Insgesamt viereinhalb Jahre saß er ab – und widmete sich dann dem Restaurantgewerbe. Damals erst lernte er Ranucci kennen. Der wiederum war ursprünglich an Lavitola vor allem als „Quelle“ interessiert. Heute sagt Ranucci denn auch, es habe sich um eine „interessierte Freundschaft“ gehandelt. Zugleich aber erklärt er, die zwei hätten sich auch im Familienkreis getroffen.

Eines darf als sicher gelten: Lavitola hatte offenbar einen Narren an Ranucci gefressen – und in ihm die Chance gesehen, wieder ein großes Rad zu drehen, statt sich mit Doraden und Austern herumzuschlagen. Seit 2024 jedenfalls redete er bei jeder Gelegenheit, auch in zahlreichen WhatsApp-Nachrichten, auf Ranucci ein, der solle doch in die Politik gehen, mit ganz großen Ambitionen. Lavitola sah in ihm nicht weniger als den möglichen nächsten Spitzenkandidaten des Mitte-links-Bündnisses gegen die Meloni-Rechte. Für sich selbst hatte er die Rolle des Richelieu, des Einflüsterers eines Ministerpräsidenten Ranucci, vorgesehen.

Raus aus der RAI

Völlig aus der Welt ist dieser Gedanke nicht. Schließlich genießt der prominente Ranucci beim Mitte-links-Wahlvolk hohes Ansehen, schließlich hat die Linke bisher kei­ne*n Frontmann oder -frau, auf den sich alle einigen könnten.

Auch nach dem Attentat machte Lavitola unverdrossen weiter, gab gar eine Meinungsumfrage in Auftrag, um Ranuccis Chancen zu testen. Und auch die Bombe vor Ranuccis Haus schien ein gelungener Beitrag, um den Fast-Märtyrer Ranucci noch populärer zu machen.

Wie die Staatsanwaltschaft festhält, wusste der TV-Moderator nichts von diesen verrückten Machenschaften. Allerdings fragen sich auch viele seiner Sympathisant*innen, wieso er überhaupt eine so innige Freundschaft mit dem mehr als windigen Lavitola pflegen konnte.

Eine Freundschaft wiederum, die von der Meloni-Rechten jetzt als Steilvorlage aufgenommen wird, um den unbequemen Journalisten endlich aus der RAI zu kegeln. Selbst wenn es dafür auch in den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft keinerlei Belege gibt, behaupten diverse Abgeordnete von Fratelli d’Italia jetzt, Ranuccis Sendung „Report“ sei von Lavitola „beeinflusst“ worden. Einen ersten Erfolg haben sie erzielt: Die Meloni-treue RAI hat ihre Ethikkommission auf Ranucci angesetzt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare