Weibliche Körper: Die Pimmeljury ist überall
Ab der Pubertät wurde der Körper unserer Kolumnistin in geil oder hässlich kategorisiert wie ein Sneaker. Bis heute ringt sie mit ihrem Selbstbild.
G erade bin ich mal wieder in einer Phase meines Zyklus, in der mein Body mir zu viel vorkommt. Ich habe PMS (Prämenstruelles Syndrom), was bei mir dazu führt, dass ich Wuteinlagerungen kriege. Zwei, drei Kilo mehr sind keine Seltenheit, wobei ich schon länger nicht mehr auf die Waage gehe, es macht sich ja auch so bemerkbar. Ich habe ein ambivalentes Verhältnis zum Körperlichen seit meiner Pubertät. Als sich bei mir die Brüste entwickelten, trug ich nur noch Latzhose und schnitt mir die Haare ab. Ich wollte unter keinen Umständen zur Frau werden, denn dort, wo ich aufwuchs, hieß Weiblichsein: Schluss mit den Abenteuern, bei denen ich die Anführerin bin.
Mein Körper wurde zum Sneaker, den man kategorisierte in: Sieht geil aus oder hässlich, lame, igitt. Mit der Zeit aß ich nur noch grüne Äpfel, um so verführerisch zu werden wie die Magermodels in den Zeitschriften. Meine monatliche Blutung stoppte und zu Hause gab es ein Riesendramolett, aber mit meinem ersten Boyfriend stabilisierte sich mein Appetit, weil der Kurven super fand. Zur selben Zeit hörte ich mit allem auf, was ich liebte: In der Nase popeln, zu Prinz-Eisenherz-Comics masturbieren und um Spenden für den Tierschutzverein bitten, die ich dann in Bunte Tüten investierte. Ich ließ mir weizenblonde Strähnen färben (Julia-Klöckner-Style) und erklärte meinen Unterarmhärchen den Krieg, denn so etwas fanden die Jungs „eklig“.
Die Pimmeljury war überall. In meinem Jahrgang, bei den Falken, in der Uni, bei diversen Nebenjobs, sie ist unser Daily Business als Frau. Pickelige Halbstarke, Ärzte, Handwerker, Fahrlehrer, Boutiquebesitzer, Messegäste, Passanten, die einem durch ihre bröckeligen Auswürfe vermitteln, dass wir auf diesem Planeten nur erwünscht sind, wenn wir uns rasieren, epilieren, zurechtzupfen, aufspritzen, runterhungern, oder wenn wir hinter einer dicken Schicht Make-up verschwinden. It’s a Money Man’s World, Baby.
„Don't give a shit“
Doch selbst wenn man weiß, dass das misogyner Bullshit ist, steht man schon wieder vor dem Spiegel und stellt fest, dass die Schultern mit den Jahren schmaler und die Hüften breiter geworden sind. Sieht das kleine Bäuchlein, wo vorher keines war, und immer noch mehr Cellulite an den Oberschenkeln, die man ja gerne mal in die Sonne halten würde, aber sich dann doch nicht traut, und sich dafür auch noch fertigmacht. Denn was bitteschön wäre bolder, als endlich zum eigenen Körper zu stehen? Nur, dann kickt halt wieder der Selbsthass rein und die Angst vor Abwertungen, die mit dem Alter ja eher mehr werden.
Mensch, sah ich mal fresh aus, denke ich, als ich über ein altes Foto stolpere. Funfact: Dasselbe werde ich vermutlich in zehn Jahren über mich heute denken. „Und jetzt?“, frage ich meine Monsterapflanze, mit der ich mir seit ein paar Monaten die Wohnung teile. Monsti bleibt erst mal sehr lange stumm. Vielleicht ist sie sauer auf mich, weil ich sie neulich übergossen habe. Dann kratzt sie sich mit einer Luftwurzel über die vertrocknete Stelle auf ihrem linken Blatt. „Don’t give a shit“, sagt sie in ihrem nervigen kalifornischen Akzent. Ich gucke sie wütend an. Sie macht sich breiter in ihrem Plastiktopf. „Aber was mache ich mit dem Scheißkerl in meinem Kopf?“, frage ich. „You yell fake news at him and do your thing.“ Ich finde, da hat sie einen Punkt.
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