In Chatgruppen werden die Körper junger Mädchen hart beurteilt Illustration: Christina S. Zhu

Anorexie-Gruppen im Internet:„Schöne Mädchen essen nicht“

Junge Frauen unterstützen sich online beim Hungern, fremde Männer „coachen“ sie – mit verstörenden Mitteln. Eine Recherche in Anorexie-Gruppen.

Ein Artikel von

20.9.2021, 15:07  Uhr

Die Nachricht poppt an einem Samstagabend um 21.10 Uhr auf meinem Handy auf. Ein Mann, den ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, schreibt mir: „Ich weiß was dünn ist … ob es das richtige ist sich die Gesundheit so zu ruinieren musst du selbst wissen Ich würds dir aber raten wenn ich mir dein ganzes fett ansehe“.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ich habe den Mann im Internet kennengelernt. Er bietet dort als sogenannter Ana-Coach seine Dienste an. Ana steht für Anorexie, Magersucht. Der Mann hilft essgestörten Mädchen und jungen Frauen dabei, noch magerer zu werden, als sie sowieso schon sind.

Ich habe ihn während meiner Recherchen für eine Schülerzeitung kennengelernt. Ich habe so getan, als sei ich daran interessiert, mich auf ein Gewicht weit unter dem Normalgewicht herunterzuhungern. Ich bin 15 Jahre alt und gehe auf ein Berliner Gymnasium. Mit Essen habe ich selbst keine Probleme. Das Thema Magersucht interessiert mich, weil es auch in meinem Freundes- und Bekanntenkreis immer mehr Mädchen gibt, die Probleme damit haben.

Die Recherche wird mich in eine Welt führen, in der magersüchtige Teenagerinnen gegenseitig kontrollieren, was sie essen dürfen – und sich bestrafen, wenn die verabredete Kalorienmenge nicht eingehalten wird. Und sie führt mich zu Männern, die sich „Coaches“ nennen und denen auf der Jagd nach Nacktbildern fast jedes Mittel recht zu sein scheint. Es ist die Welt der Pro-Ana-Communitys, die in sozialen Medien, Onlineforen und Messengerdiensten zusammenkommen.

Keine harmlose Marotte

Nach Einschätzung vieler Ex­pert:in­nen ist Magersucht unter jungen Frauen weit verbreitet. Sie ist keine harmlose Marotte, die man nicht weiter ernst zu nehmen braucht. Für viele endet sie tödlich. Fast je­de:r zehnte Betroffene stirbt an den körperlichen Folgen oder begeht mit diesem Krankheitsbild Suizid, heißt es in einem Artikel des Deutschen Ärzteblatts. Und Magersucht ist in der Regel auch nichts, was von allein wieder verschwindet. Viele Betroffene haben jahrelang mit ihr und ihren Auswirkungen zu kämpfen.

Bei Magersucht unterscheidet man zwei Kategorien: Anorexia nervosa und Anorexia athletica. Bei der ersten hungern sich die Betroffenen runter, bei der zweiten machen sie zudem exzessiv Sport. Daneben gibt es noch Bulimie, bei der die Betroffenen entweder ex­trem viel essen, nur um sich danach zu erbrechen (Purging-Typ), oder Ess­attacken haben, die aufgenommene Nahrung aber bei sich behalten (Non-purging-Typ) und sie dann durch Fasten oder Sport auszugleichen versuchen. Neben den „Pro-Ana“-Communitys gibt es auch die „Pro-Mia“-Communitys für Bulimiekranke.

In den Pro-Ana-Communitys verherrlichen die Betroffenen ihre Krankheit, geben sich Abnehmtipps und motivieren sich gegenseitig. Meistens posten sie dazu bei Tumblr, Pinterest, Instagram oder in Messengern Fotos von extrem dünnen, trainierten oder knochigen Körpern, die sie mit einschlägigen Hashtags versehen. Das Kürzel „-spo“ steht für „Inspiration“.

Manchmal schicken Betroffene sich auch Bilder, auf denen normale bis übergewichtige Menschen abgebildet sind. Das soll abschreckend wirken. Oder sie schicken sich vulgäre Texte, die ihre Le­se­r:in­nen gezielt beleidigen sollen, etwa als „fettes Schwein“. Mit anderen Botschaften wiederum werden die Le­se­r:in­nen regelrecht in den Arm genommen und mit Zuversicht überschüttet. Und dann gibt es noch Motivationssprüche wie „Nichts schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt“; „Hungry to bed, hungry to rise – ­makes a girl a smaller size“, also „Hungrig ins Bett, hungrig aufstehen – sorgt dafür, dass Mädchen eine kleinere Größe haben“; und „Schöne Mädchen essen nicht“.

Viele Mädchen vermenschlichen ihre Essstörung, sie schreiben ihr Briefe

In den Foren und Chatgruppen werden die Süchte oft auch vermenschlicht. Viele Mädchen schreiben Briefe an ihre „beste Freundin Ana“ und richten ihre Lebens- und Essgewohnheiten ganz nach deren Regeln aus, fast wie bei einer Sekte. Das ist vor allem in den Ana- und weniger in den Mia-Communitys (Bulimie) zu beobachten, doch die Übergänge sind fließend. „Anas“ Regeln beziehen sich vornehmlich auf Nahrungsaufnahme und Sport, aber auch auf Selbstbestrafung, also noch mehr Hungern oder selbstverletzendes Verhalten.

Auf Instagram ist es besonders einfach, mit Anhängerinnen der Ana-Community in Kontakt zu treten. Wenn man die richtigen Suchbegriffe kennt, wird man schnell fündig. Oft sind ihre In­sta­gram-Biografien durch Informationen ergänzt. Das kann neben dem Nutzernamen die Größe, das Alter oder die Nationalität sein, aber auch ihr Startgewicht, ihr aktuelles Gewicht, ihr Zielgewicht, ihr Traumgewicht und ihr BMI (Body-Mass-Index).

Die Mädchen und jungen Frauen geben in ihrem Profil außerdem an, ob sie Mia (Bulimie) oder Ana (Anorexie) haben. Darüber hinaus findet man häufig den Zusatz „pro“ oder „not pro“, der zeigt, ob sie ihre Essstörung als etwas Positives sehen oder sich davon distanzieren. Unterscheiden tun sich die Konten der Pro-Anas und Not-pro-Anas jedoch selten. Fast alle posten Gewichts- und Kalorientracker, Inspirationsbilder und „Bodychecks“, also Bilder vom eigenen Körper, oftmals nackt, aber an den entsprechenden Stellen zensiert, oder in Unterwäsche.

Die Mädchen, mit denen ich im Laufe meiner Recherche in Kontakt trete, sind jung, meistens minderjährig, oft fühlen sie sich wertlos und vernachlässigt. Auf Instagram finde ich auf Anhieb Hunderte, die sich als Ana oder Mia beschreiben. Neben untergewichtigen Mädchen sehe ich auch junge Mütter und Studentinnen.

Doch die Instagram-Auftritte sind nur ein kleiner Teil. Je weiter man sich in dieses Milieu hineinbewegt, desto abgründiger wird es. Schnell stoße ich auf die Möglichkeit, an geschlossenen Gruppenchats und privaten Coachings teilzunehmen.

Zwar wurde der Zugang zu solchen Angeboten in den letzten Jahren erschwert, weil die entsprechenden Websites öfter gemeldet und von Google gesperrt oder gelöscht werden, dennoch dauert es nur wenige Minuten, bis ich fündig werde. Viele der Anzeigen sind erst wenige Tage, teils Stunden alt. Über die dort vermerkten E-Mail-­Adressen, Telefonnummern und Profilnamen soll man Gleichgesinnte erreichen können.

Über einen Whatsapp-Einladungslink gelange ich in eine Gruppe, die sich „Vorgruppe“ nennt. In der Beschreibung stehen genaue Anweisungen: „Stellt euch mit Namen, CW, GW und UGW und Hobbies vor.“ Die Abkürzungen stehen für das aktuelle Gewicht, das Zielgewicht und das Traumgewicht, das dann noch mal unter dem Zielgewicht liegt.

Ich sende eine Nachricht mit fiktiven Daten in den Chat. Einen Tag später schreibt mir die Gruppenleiterin, die sich als Lily vorstellt, es seien noch Plätze frei, sie würde mich gerne aufnehmen. Am Nachmittag werde ich zu einer Whatsapp-Gruppe mit sechs weiteren, ausschließlich weiblichen Mitgliedern hinzugefügt und freundlich begrüßt.

Ich frage die anderen im Chat, wie lange sie schon „pro“, also Anorexie bejahend, sind. Lily antwortet: „Ich würde nicht sagen, dass ich pro bin. Hab mich eher damit abgefunden.“

In der Beschreibung stehen die Regeln: Drei Tage Probezeit nach Gruppeneintritt, Strafpunkte und Verlassenmüssen der Gruppe bei Nichteinhaltung der Regeln, außerdem muss jeden Freitag ein Foto von der Waage geschickt und der BMI für das Ranking der Gruppenmitglieder neu berechnet werden.

Das Profilbild ist eine Tabelle, die anzeigt, wie viele Kalorien man täglich zu sich nehmen sollte. Ich frage, ob man sich daran orientieren muss. Eine Teilnehmerin schreibt: „an der auf’m profilbild orientiert sich glaub ich inzwischen keiner mehr. also ich versuche immer unter 600 kcal zu bleiben und wenn ich über meinem limit bin alles zu verbrennen:)“.

Eine Illustration von Christina S. Zhu

Auf Instagram tauschen sich An­hän­ge­r*in­nen der Ana-Community aus Illustration: Christina S. Zhu

In ihren Tagesprotokollen geben die Mädchen meistens an, zwischen null und 1.000 Kalorien zu essen. Sobald es mehr als 1.000 Kalorien sind, schämen sie sich: „natürlich gibt es auch tage an denen es ziemlich scheisse läuft gerade wenn mein bulimisches verhalten wieder extremer wird und es zu FA’s [Fress­attacken] kommt in denen ich locker 3000 kcal esse:/“.

Daraufhin schreibt eine andere: „es ist halt echt so schlimm, insbesondere das feeling danach.. ich hatte eben auch nen krassen binge und konnte danach nicht erbrechen weil meine speiseröhre so am arsch ist. deshalb gibt’s morgen warscheinlich kein update zu meinem gewicht weil ich mich nicht auf die waage stellen will. also das ganze wochenende nicht“.

Als ich von den anderen wissen will, was ihr Traumgewicht ist, schreibt eine: „Ich will meine Knochen sehen“ – „Und fühlen“.

Und: „Bei mir geht es gar nicht mehr so wirklich ums Aussehen sondern um Kontrolle und Nummern. Es gibt mir auch Halt und das Gefühl von Geborgenheit.“

Nach einigen Tagen beschließen Lily und ihre Co-Gruppenleiterin, neue Regeln einzuführen. Von nun an gibt es einen zweiten Gruppenchat. In der „Protokollgruppe“ sollen wir jeden Abend Auskunft darüber geben, was wir gegessen und getrunken haben, wie viele Kalorien wir verbrannt haben und wie wir uns damit fühlen. Anhand eines Punktesystems werden unsere Auskünfte bewertet. Minuspunkte gibt es bei Ess­attacken und Alkohol. Letzteres, weil Alkohol viele Kalorien hat und man schlechter Fett verbrennt.

Warum tun diese Mädchen sich so etwas an? Um das Krankheitsbild besser zu verstehen, spreche ich mit einer Expertin über die psychischen Hintergründe von Essstörungen. Julia Leithäuser ist Psychotherapeutin und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung Nordrhein. Sie sagt: „Es ist derzeit umstritten, welchen Einfluss die Vererbung genetischer Dispositionen auf die Entwicklung einer Essstörung hat. Man geht von sogenannten multifaktoriellen Ursachen aus.“ Mit anderen Worten: Es gibt viele Faktoren, die eine Bulimie oder Anorexie auslösen können.

Leithäuser sagt auch: „Eine Körperschemastörung ist eigentlich Bedingung, um mit Anorexie diagnostiziert zu werden.“ Anorektische Frauen sind ihr zufolge oft perfektionistisch und diszipliniert veranlagt. Sie litten trotz überdurchschnittlicher Leistungen an Minderwertigkeitskomplexen. Bulimikerinnen seien impulsiver, kommunikativer und hätten meist auch noch eine Gewichtsphobie. Beide Erkrankungen gingen häufig mit Stimmungsschwankungen einher. Laut der Psychologin sind bis zu 1 Prozent aller Mädchen und Frauen in Deutschland von Anorexie und zwischen 2 und 4 Prozent von Bulimie betroffen – die Dunkelziffer sei Schätzungen zufolge jedoch höher. Die Datenlage zu Essstörungen bei männlichen Betroffenen ist eher schlecht.

Die Pro-Ana-Communitys sind laut der Psychologin auch deshalb gefährlich, weil der Austausch mit Gleichgesinnten ohne psychologische Betreuung die Krankheit „zumindest aufrechterhalten“ kann. Leithäuser sieht hinter dem Austausch mit anderen Erkrankten vor allem den Wunsch nach Anerkennung und Bestätigung. Insbesondere in der Pandemiezeit seien da viele zu kurz gekommen: „Wir alle brauchen jemanden, der uns ab und zu sagt, dass wir das gut machen oder in dem Kleid gut aussehen. Das hat in den letzten Monaten einfach gefehlt.“

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Aber was macht es mit dem Körper, wenn man kaum etwas zu sich nimmt?

Ich telefoniere mit der Ernährungsberaterin Manuela Marin. Sie sagt: „So eine dauerhafte Unterernährung von jungen Menschen kann zu ganz vielem führen: Haarausfall, dass die Periode ausbleibt, Wachstumsverzögerung, Osteoporose, manche haben auch Schwächeanfälle.“ Wenn Betroffene Essattacken haben, sei das aber eigentlich ein gutes Zeichen. Es zeige, dass „der Körper sich gegen die Sucht wehrt“.

Im Gruppenchat behaupte ich, mit dem Gedanken zu spielen, mir einen Ana-Coach zu suchen, und frage nach Erfahrungen. „Nein bitte nicht. Ganz schlimme Erfahrungen“ – „die meisten ana-coaches sind meistens bloß irgendwelche ekligen notgeilen typen, die einem gar nicht mal helfen wollen, sondern im laufe der zeit bloß bilder von einem verlangen“ – „nein mach das nicht das sind alles nur pedos“, kriege ich als Antwort.

Ein 14-jähriges Mädchen, mit dem ich über Instagram in Kontakt bin, schreibt mir auf Englisch: „Das war eine der schlimmsten Erfahrungen meines Lebens. Sie sind schrecklich, ich hatte zwei. Weil nach dem ersten dachte ich, ich hätte nur Pech gehabt. Aber der zweite war zuerst cool, dann wollte er Nacktfotos mit Gesicht und allem. Ich habe es nicht gesendet, ich habe ihn blockiert. Besorg dir niemals einen“. Für die Recherche will ich mich trotzdem darauf einlassen. Ich will mehr darüber erfahren, wie das abläuft. Nach einigen Klicks habe ich die Kontaktdaten von vier Coaches. Mit dreien von ihnen kommuniziere ich auf Englisch, mit einem auf Deutsch.

Gefährlich für bereits Betroffene

Im Netz finden sich zahlreiche Foren und Profile, die sich als Pro Ana (Magersucht) oder Pro Mia (Brechsucht) bezeichnen. Gesunde Jugendliche könne das Betrachten der Inhalte nicht in eine Essstörung hineintreiben, ist sich die Forschung weitgehend einig. Bereits Betroffene könnten sich aber in ihrem Verhalten bestätigt fühlen. Hinzu kommt, dass Darstellungen von Essstörungen oft zusammen mit Selbstverletzungs- und Suizid­fantasien auftauchen.

Tipps für Eltern

Eltern sollten offen mit ihrem Kind über sein Internetverhalten und mögliche Essstörungen sprechen. Grundsätzlich gilt: Nicht mit Appellen, Forderungen oder Zwang überfallen, sondern das Selbstwertgefühl des Kindes stärken.

Gefährdungspotenzial prüfen lassen

Beim Verdacht der Gefährdung von Minderjährigen kann man sich an www.jugendschutz.net oder www.internetbeschwerdestelle.de wenden, die das Gefährdungspotenzial prüfen können.

„Hey. Ich habe deine Anzeige für Coaching gesehen. Gibt es das Angebot noch?“, schreibe ich einem über den Messenger Kik.

Zwei Tage später, kurz nach 21 Uhr, erhalte ich eine Antwort. „Stell dich gerne mal vor“, schreibt er. Ich behaupte, 14 Jahre alt zu sein, bei 1,73 etwa 62 Kilo zu wiegen und abnehmen zu wollen. Prompt antwortet er: „okay, wie lange bist du schon ana? hast du coaching Erfahrung? was wäre dein Zielgewicht?“ Und fordert „ein paar Bilder“ an, um mich einschätzen zu können. Ich schreibe, dass ich es zunächst auf 57 Kilo schaffen möchte, später aber auf 40 bis 42 Kilo, was bei der behaupteten Körpergröße schon massiv untergewichtig wäre.

„Kann ich dir morgen früh Fotos schicken? Habe gerade keine guten …“, behaupte ich und frage, was für Bilder er sich vorstellt. „Also mal davon abgesehen das ich noch nicht weis wie du aussiehst will ich gleich mal klar stellen das ich kein Fitnesstrainer oder so quatsch bin sondern Ana Coach! Sprich mit so einem Ziel kriegst du von mir nur ein müdes lächeln, knochen sehen und spüren ja aber dann richtig“.

„Ich bin so fett“

Dann kommt ein zweiter Post direkt hinterher: „Na dein körper natürlich damit ich seh was man noch machen muss und ich kann nichts dafür das du dich an nen coach wendest wenn du keine guten bilder parat hast also mach welche“.

Als ich frage, wie alt er sei und seit wann Coach, schreibt er, er sei 21 Jahre alt, männlich und seit 2016 Coach.

Nach kurzer Überlegung entscheide ich mich, ihm einen Ausschnitt von meinem Bauch zu schicken. „Ich bin so fett“, schreibe ich hinterher. – „Und dann kommst du mir mit so nem Ziel!? wtf was bildest du dir ein du fettes Ding … das ist eine Beleidigung für mich als Coach“. „Ich brauche ein Endziel auf das ich dich bringen soll damit ich weis ob es sich für mich überhaupt lohnt dir die Aufmerksamkeit zu schenken“. Ein Endziel? Ich gehe noch mal 2 Kilo runter, auf 38 Kilo. „geh nochmal 5kg runter mit deinem ziel und ich überlegs mir Specki“, schreibt er. Noch mal 5 Kilo weniger? Das hieße: 33 Kilo bei einer Körpergröße von 1,73 Meter. Ich bin schockiert, stimme aber zu: „Du bist der Profi.“

„ich weiß was dünn ist … ob es das richtige ist sich die Gesundheit so zu ruinieren musst du selbst wissen Ich würds dir aber raten wenn ich mir dein ganzes fett ansehe“, ploppt auf meinem Handybildschirm auf. „Ich kann dich auch komplett kaputt machen das ist deine Wahl, ich bin nur coach und führe das aus was du mir sagst“, ergänzt er. Als ich ihm im weiteren Verlauf des Gesprächs sage, dass ich als „Skinny­legend“ sterben möchte, schreibt er: „Ja du bist fett aber ich arbeite generell mit keinem zusammen der den wunsch hat zu sterben“.

Anonymer Ana-Coach in einem Chat

Ich kann dich auch komplett kaputt machen … deine Wahl, ich bin nur coach und führe aus was du mir sagst“

Ich bettele ihn an, bleiben zu dürfen.

Bevor das Coaching losgeht, verlangt er einen „Fake-Check“. Ich soll ihm ein Bild schicken, auf dem mein Gesicht zu erkennen ist, außerdem ein Zettel mit meinem vollen Namen, meinem Gewicht, dem Messengernamen und dem Datum. Ich schreibe ihm, dass ich unschlüssig bin, ob ich ihm wirklich vertrauen kann. Und dass ich gehört habe, manche würden das nur machen, um an Nacktbilder zu kommen.

„Ich erwarte Perfektion“

Er gibt sich verletzt: „Ich kenne keine anderen coaches auserdem bist du minderjährig Ich würde mich strafbar machen wtf“.

Und: „Ich mache es weil ich knochen ästhetisch und schön finde, ich mag einfach keine fetten frauen das ist eklig“.

Als ich ihm das geforderte Foto nicht schicke, antwortet er: „sorry dann bin ich hier fertig … wie gesagt ich kriege täglich mehrere anfragen … und wie du mitlerweile mitgekriegt hast bin ich noch ein richtiger coach von denen es kaum welche gibt also kann ichs mir aussuchen wen ich nehme“.

Dann: „Zur not würde vorerst der Vorname gehen und ohne gesicht … auch wenn ich eigentlich schon jetzt verletzt bin aber du brauchst Hilfe“.

Ich schicke das geforderte Bild.

Insgesamt macht er auf mich einen eher ungebildeten und naiven Eindruck. Jedenfalls wirkt er nicht wie jemand, dem man sich anvertrauen will. Und er scheint etwas verzweifelt zu sein. Als ich frage, was ich tun muss, um schön zu werden, schreibt er: „Erstmals müsste ich noch wissen was ich dafür kriege wenn ich dir helfe zudem erwarte ich wenn du wirklich hilfe willst das ein sehr tiefes ziel pflicht ist. … ich erwarte Perfektion ich würde ne menge zeit und Arbeit in dich inverstieren … mit sport und Ernährungsplänen.. täglicher Motivation … immer erreichbar … challanges … usw“.

Ich frage ihn, was er dafür haben möchte. Er antwortet: „Wie stehst du einer Beziehung gegenüber mit deinem coach?“

Nur noch Haut und Knochen

Um sicherzugehen, dass ich ihn richtig verstanden habe, frage ich noch mal nach. Er schreibt: „im Sinne von Beziehung zwischen zwei menschen, zusammen sein“, antwortet er. Und dann weiter: „ich sehs halt nicht mehr ein leute perfekt zu machen wenn ich nichts davon habe deswegen hab ich auch kaum noch anas“.

Ich frage, ob ich ihm als 14-Jährige mit seinen 21 Jahren nicht zu jung sei. „Du bist alt genug um dir nen Coach zu suchen oder? also warum solltest du zu jung für ne Beziehung sein“.

Danach sendet er mir ungefragt Fotos von Körpern, die seinem Schönheitsideal entsprechen. Die Körper auf den Fotos sind nicht mager oder dürr, sie sind skelettartig. Nur noch Haut und Knochen, die Rippen einzeln zählbar, die Kniescheiben deutlich hervortretend, die Beckenknochen stehen heraus.

„soweit runter wie die am Bild würde ich tatsächlich nur meine freundin treiben … normale anas nicht … ich will ja schließlich was besonderes“, schreibt er. Auf meine Frage, wie so eine Beziehung denn ablaufen könnte, antwortet er, man könne sich ja gegenseitig besuchen.

Sie fordern Bilder

Er fragt mich noch mal nach meinem Gewicht. 61,8 Kilo, behaupte ich. „normalerweise nehm ich so fette anas garnicht auf … eigentlich bis max 50kg aber wenn du es ernst meinst mit Beziehung dann drück ich ein auge zu sobald du fettes ding unter 60kg bist“, schreibt er. Als ich ihm antworte, dass ich es alleine nicht schaffen würde, die 2 Kilo abzunehmen: „sag mal ist dir das nicht peinlich!? zeig mir mal bitte deinen ganzen körper nicht nur deinen bauch … muss das echt noch einschätzen.. am besten in Unterwäsche (und nein ich bin kein perverser) muss halt gucken was weg muss … man hat ja nicht jeden tag sowas fettes vor sich“.

Nach einigem Hin und Her schicke ich ihm Bilder aus dem Internet. Die sind ihm anscheinend nicht freizügig genug. Er beendet den Kontakt.

Auch die anderen Coaches, mit denen ich in Kontakt stehe, fordern Bilder oder Videos in Unterwäsche, bevor sie mit dem Training beginnen wollten.

„Um sich für ein Coaching zu bewerben und mir zu zeigen, dass du verstehst, was ich von dir erwarte, besteht deine erste Aufgabe darin, mir ein Bodycheck-Video zu machen. Platziere dein Telefon zum Aufnehmen, zeige mir, wie du deine Kleidung ausziehst (außer deine Unterwäsche), und drehe dich langsam. Danach werde ich über Kalorienlimit und Bewegung entscheiden“, schreibt mir einer der Männer auf Englisch bei Kik.

Er fügt hinzu: „Wir vereinbaren, dass du dich auf eine bestimmte Menge an Kalorien beschränkst und dass du ein Minimum an Sportübungen machst. Wenn du bei einem der Punkte versagst, werden Strafen verhängt. Dies kann eine Reduzierung der Kalorien sein, mehr Videos, um deinen Körper zu beurteilen oder zu beschämen [to judge or shame], zusätzliche Work-outs, demütigende Aufgaben, alles, was dich fokussiert bleiben lässt. Ich werde dich führen und versuchen, dich zum Erfolg zu bringen.“

Cyber-Grooming

Ein anderer englischsprachiger Coach verlangt: „Stell dein Telefon irgendwohin und zeichne dich auf. Zieh deine Hose aus und dein T-Shirt. Zeig mir jedes Stück Fett. Und dann sag in die Kamera, dass du alles tun wirst, um schön auszusehen.“

Ich frage mich, was das für Männer sind, die eine vermeintlich 14-Jährige um Nacktfotos und eine sexuelle Beziehung bitten oder kontrollieren wollen. Dazu wende ich mich an die österreichische Initiative Saferinternet.at, um mehr über diese „Coaches“ zu erfahren.

Saferinternet.at ist Teil eines europäischen Präventionsprogramms und schult Jugendliche, Eltern und Lehrende im Umgang mit dem Internet. Barbara Buchegger, Mitarbeiterin der Initiative, spricht mit mir über meine Erfahrungen mit den Männern. Dabei berichte ich auch von der Frage nach einer „Beziehung“.

„Das geht dann schon in die Richtung Cyber-Grooming“, erklärt sie, dass also Minderjährigen im Netz angeschrieben werden mit dem Ziel, sie sexuell zu belästigen oder zu missbrauchen.

„Es treten ständig Erwachsene im Netz mit Jugendlichen in Kontakt, und die finden das toll, ja. Die denken dann: Da ist jemand, und der sagt mir: ‚Oh, du bist aber schön.‘ Oder: ‚Du bist aber toll und interessant.‘ “ Die Jugendlichen wüssten oft, dass diese Personen viel zu alt für sie sind. Das mache es umso interessanter. „Ich vermute, dass viele dieser Coaches einen Willen nach Macht über jemand anderen haben, das ist der eine Punkt. Der andere ist, dass solche Nacktfotos, besonders von jungen Jugendlichen und Kindern, im Internet einfach viel Geld einbringen. Da gibt es im Darknet einen Markt, dort wollen die Männer die Bilder dann verkaufen.“

Aber gibt es keine Möglichkeit, diesen „Coaches“ das Handwerk zu legen?

Immer neue Seiten

Sarah Herrmann ist Fachreferentin im Bereich sexuelle Ausbeutung, Pornografie und Selbstgefährdung bei ­jugendschutz.net und überprüft schwerpunktmäßig Onlineangebote zum Thema Essstörungen. jugendschutz.net ist das gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Jugendschutz im Internet.

Herrmann kennt das Problem der Ana-Gruppen und „Coaches“. „Es gibt seit Jahren immer neuen Content, immer neue Seiten“, sagt sie. „Es werden ständig Inhalte gelöscht, aber bis eine Seite, auf der zum Beispiel Kontaktanzeigen für Coaching oder Gruppen verbreitet werden, vom Betreiber überprüft und schließlich gelöscht ist, dauert es. Und dann gibt es schon neue.“

Sie sagt auch: „Die Suche nach einem ‚privaten‘ Austausch in Gruppen auf Social Media oder in Messengerdiensten wie Whatsapp ist in den letzten Jahren – innerhalb der Bewegung – kontinuierlich gestiegen.“ Für eine Kontaktaufnahme würden meist veraltete Pro-Ana-Blogs genutzt. In der Kommentarfunktion dieser Blogs würden die neuen Anbieter dann Werbung für ihre Hungergruppen oder Coaching­angebote posten. Die Kontaktanzeigen seien teils tagesaktuell.

Ein Großteil der Plattformbetreiber würde derartige Anzeigen nach einer Meldung jedoch wieder entfernen. Außerdem gebe es Möglichkeiten, die dazu führten, dass die entsprechenden Blogseiten bei Google nicht mehr in der Trefferliste angezeigt werden. Diese Maßnahmen seien zwar erfolgreich, jedoch steige die Anzahl der Hungergruppen weiter. „Hierauf deutet zumindest die anhaltend leichte Auffindbarkeit von immer neuen Anzeigen hin“, sagt Herrmann.

Je länger ich in der Ana-Community bin, desto mehr Sorgen mache ich mir um ihre Mitglieder. Alle vier Coaches, mit denen ich mir hin und her geschrieben habe, waren erwachsene Männer, die von sich behaupteten, erfahren zu sein. Keiner von ihnen wollte mir weitere Informationen über Ernährung und Bewegung geben, bevor ich nicht das geforderte Bildmaterial geschickt hätte. Von den meisten ging großer Druck aus.

Der Einfluss der Whatsapp-Gruppe war subtiler: Dort ging es freundschaftlich zu. Die Mädchen schickten sich innerhalb weniger Tage mehrere Tausend Nachrichten. Innerhalb kurzer Zeit wurde der Gruppenchat zu meinem meistgenutzten Kontakt.

Im Verlauf meiner Recherche merkte ich, dass ich einen immer größeren Drang verspürte, mich an die Gruppenregeln zu halten und den gleichen Idealen nachzueifern. Es ist diese Dynamik der sozialen Interaktion, die die Gruppen so gefährlich macht. Am Ende der Recherche bin ich mir sicher, dass ich als Betroffene nicht selbstständig von der Community losgekommen wäre.

Carla Siepmann, 15, besucht die 11. Klasse am Carl-von-Ossietzky Gymnasium Berlin. Sie ist Chef­redakteurin der Schulzeitung Moron. Die im Text beschriebenen Chatprotokolle liegen der taz am wochenende vor.

Christina S. Zhu arbeitet als freie Illustratorin in Berlin.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Ein Kopfhörer - das Symbol der Podcasts der taz

Neue Podcasts: Couchreport – der Podcast für Gesellschaft, Popkultur und Medien. Der Bundes-Talk zur Bundestagswahl aus dem Parlamentsbüro der taz. Entdecken Sie dazu weitere Podcasts der taz.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben